08.06.2020 - 13:53 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Heindl-Anwesen hat bewegte Geschichte

Das Heindl-Anwesen in zentraler Lage im Stadtkern von Schnaittenbach kann auf eine sehr bewegte Geschichte in seiner knapp 100-jährigen gewerblichen Nutzung zurückblicken. Glanzzeit waren die wilden 60er.

Mit großem Respekt vor der Leistung ihres Großvaters Johann Heindl,der das jetzige Heindlanwesen als Schneiderei und Tankstelle nutzte, und vor der Ganzleistung ihres Vaters Hubert Heindl, der aus dem Anwesen als leidenschaftlicher Konditor ein florierendes Café und Konditorei machte, erinnert sich Brigitte Forster zurück an die knapp 100-jährige bewegte Geschichte ihres Hauses, das dereit komplett renoviert wird.
von Adele SchützProfil

Derzeit läuft die Komplettrenovierung des Heindl-Anwesens auf Hochtouren. Drei Generationen der Heindls haben das Anwesen ihren Anforderungen baulich angepasst und gewerblich genutzt. Angesichts der Renovierung hat Besitzerin Brigitte Forster in alten Unterlagen nachgeforscht und entdeckt, dass das Gebäude eine bewegte Geschichte birgt. 1928 erstand Johann Heindl das damals kleine Häuschen im renovierungsbedürftigen Zustand. Er renovierte nicht nur, sondern nahm den ersten Ausbau des Hauses vor, um es als Schneidermeister nicht nur für private Zwecke zum Wohnen zu nutzen, sondern auch für berufliche Zwecke als Schneiderei.

Zusätzlich eröffnete er eine der wenigen Tankstellen in Schnaittenbach und Umgebung. Schneiderei und Tankstelle liefen gut, und Heindl konnte sich bald über einen großen Kundenstamm freuen.

Sein Sohn Hubert trat nicht in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters, sondern erlernte das Konditorenhandwerk. Um seinen Traum von einem eigenen Café, Konditorei und Hotel zu verwirklichen, war ein Umbau und eine Erweiterung des Hauses notwendig. Schließlich konnte Hubert Heindl seinen Traum 1940 verwirklichen und Café sowie Konditorei mit Hotel eröffnen. Der neue Betrieb schrieb eine Erfolgsgeschichte, denn er lockte hiesige aber auch Gäste aus der gesamten Region an. "Mein Vater Konditor und Gastronom aus Leidenschaft. Kunden und Gäste wurden in seinem Haus persönlich von ihm mit Namen begrüßt, womit er eine familiäre Atmosphäre schuf", erinnert sich Brigitte Forster.

Gepaart mit der Backleidenschaft habe ihr Vater einen unendlichen Einfallsreichtum beim Kreieren immer neuer Torten und Kuchen bewiesen, die an Aussehen und Geschmack überzeugten, so Forster. Die kunstvollen und luxuriösen Éclaires aus Brandteig, üppige Cremetorten, Biskuitböden mit verschiedenen Obstbelägen und locker fluffige Biskuitrouladen mit Cremefüllung, Frankfurter Kranz und Sachertorte sowie Marmorkuchen und Rehrücken waren es beispielsweise, mit denen Hubert Heindl seine Gäste im Café und auf der Terrasse und seine Kunden gern verwöhnte.

Zum absoluten Renner wurde das selbstgemachte Eis, das Heindl ein Alleinstellungsmerkmal in der Region verlieh. Durch die Nähe zu seinen Cafégästen, wusste er auch genau, welche Wünsche sie für einen vergnüglichen Café-Nachmittag hegten.

Die wilden 60er-Jahre brachten einen Wandel, gerade was Mode, Musik und Moral betraf - auch im Café Heindl. Hubert Heindl schaffte eine Musikbox an. So konnten die Gäste Hits der Beatles und Rolling Stones ebenso hören wie die von Connie Francis, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Fleetwood Mac und Ike and Tina Turner. Diese lockten zum Tanz und so öffnete Heindl sein Nebenzimmer für Tanznachmittage und -abende. Er schaffte den ersten öffentlichen Fernseher an und lud zu Filmabenden mit Sportübertragungen, Krimis und Nachrichtensendungen ein. Das Café wurde schnell zum beliebten Treffpunkt, nicht nur der Einheimischen, sondern auch der stationierten Amerikaner, was Heindl mit seiner Schwäche für amerikanische Autos entgegenkam. Er selbst fuhr einen Cadillac.

Nach seiner Glanzzeit musste Hubert Heindl aus gesundheitlichen Gründen Café und Konditorei schweren Herzens 1974 aufgeben. Er übergab das Anwesen an Tochter Brigitte. Diese sah sich verpflichtet, den Gastronomiebetrieb fortzusetzen, allerdings in aktualisierter Form. Sie entwarf mit ihrem Mann Adolf Forster, der großes kaufmännisches Talent besaß, ein neues Geschäftsmodell und eröffnete 1976 den Bayerwaldgrill und die Diskothek Papillon, die erste Einrichtung ihrer Art in der Umgebung im ländlichen Bereich. "Wir gingen mit unserem neuen Geschäftskonzept ein hohes Risiko ein, denn wir investierten eine Menge Geld ohne Garantie, dass es klappt", erinnert sich Brigitte Forster. Das Geschäft boomte, doch nach einigen Jahren musste das Ehepaar Forster das Geschäft aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Brigitte Forster musste sich beruflich umorientieren und wurde in der Immobilienbranche als Maklerin tätig. Die gewerblichen Räume ihres Anwesens nutzte sie als Büroräume.

Nach Erreichen des Ruhestands verpachtete Brigitte Forster die gewerblichen Räumlichkeiten ihres Anwesens bis zur derzeitigen Komplettrenovierung. In Kürze wird diese abgeschlossen sein und das Heindl-Anwesen in neuem Glanz erstrahlen. Brigitte Forster zeigt sich offen für neue Pächter, die die Räume für die Verwirklichung ihrer Geschäftsideen nutzen wollen im Bewusstsein: "Die gewerblichen Räume bieten den großen Vorteil, dass sie der jeweiligen Nutzung flexibel angepasst und gestaltet werden können."

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