13.01.2021 - 11:28 Uhr
Schönhaid bei WiesauOberpfalz

Schönhaid wird zu einem Zentrum des Kaolinabbaus

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Johann Kainer arbeitet als Porzellandreher in Tirschenreuth. In seiner Freizeit erkundet er die Gegend und untersucht dabei die Böden nach nutzbaren Erden. Eines seiner Ziele ist auch das Gelände bei Schönhaid.

Gearbeitet wurde im Tagebau. Als Werkzeuge dienten Schaufel und Hacke. Für den Abtransport der Erde standen Kipploren bereit.
von Werner RoblProfil

Die Streifzüge des Johann Kainer vor mehr als 150 Jahren führten zur Entdeckung eines Kaolinlagers bei Wiesau. Kainer war es auch, der in Schönhaid den Grundstein für die später dort ansässige Porzellanfabrik Wolfram legte, die einige Zeit später nach Wiesau umgesiedelt wurde. Das Wiesauer Werksgebäude steht noch. 1970 wurde es von der Firma Stettner übernommen, die technische Keramik herstellte. Kainers Anfangsbetrieb – ursprünglich ein Ziegelwerk – befand sich am heutigen Schönhaider Brandweg. Unweit davon wurde der Unternehmer bei einer Erkundungstour eines Tages fündig. Kainer stellte fest, dass im Waldgebiet – westlich seiner Firma – Kaolin vorhanden ist. Ein wichtiger Rohstoff für die Porzellanherstellung.

Kainer beschließt zu handeln. 1868 und in den folgenden beiden Jahren kommt es zu verstärkten Grundstücksaufkäufen in der Gemeinde Schönhaid, die heute zu Wiesau gehört. Der damals noch eigenständige Ort hatte mit dem Ökonom Benno Zintl auch einen eigenen Bürgermeister. Die nutzbaren Flächen werden angekauft, um den dort vorhandenen gelblich-weißen Bodenschatz sofort nutzbar zu machen. 1902 wird die „Schönhaider Kaolin- und Kapselerdegruben GmbH“ gegründet.

Abtransport durch Pferdefuhrwerke

Der Abbau wird forciert. Den Abtransport erledigen Pferdefuhrwerke. Einfacher wird es später mit der Errichtung einer kleinen, 750 Millimeter breiten Feldbahn, deren Bau das Unternehmen in Auftrag gibt. Als Verladebahnhof dient der sogenannte „Posten 16“ an der Bahnlinie Hof – Regensburg. Arbeiter verlegen auf einer Länge von rund einem halben Kilometer Gleise und Schwellen, um damit die Umladestation an der Bahn-Hauptlinie mit der seinerzeit noch bestehenden Porzellanfabrik in Schönhaid zu verbinden.

Eine Lokomotive wird angeschafft. Das benzinbetriebene Modell stammt aus der „Dresdner Gasmotorenfabrik“ und ist 7 km/h „schnell“. Weiter werden Kippwägen besorgt, die je einen Kubikmeter Erde fassen. Am 10. Mai 1902 bereits hatte man vorsorglich einen Vertrag mit der Forstverwaltung ausgearbeitet, der vorsah, den Wald für eine eventuelle Bahn nutzen zu dürfen.

Josef Strobl stammt aus Schönhaid. Der Mann hat ein gutes Leumundszeugnis vorzuweisen. Das nämlich ist Voraussetzung dafür, dass er die kleine Lok, die sechs Kipploren hinter sich herzieht, auch bedienen darf. Die Fahrprüfung in der königlichen Betriebswerkstätte in Weiden schafft er mit Leichtigkeit. Zudem muss er – um überhaupt zur Prüfung zugelassen zu werden – schriftlich nachweisen, dass er als Maschinist geeignet ist.

Große Dampfmaschine

Damit beginnt der Aufschwung der „Schönhaider Kaolin- und Kapselerdegruben GmbH“. Die Förderbedingungen, zudem auch die Mengen, verbessern sich deutlich. Der Bedarf ist enorm. Während 1902 etwas 180 Tonnen Erde pro Woche herausgefahren wurden, verlassen das Gelände nun 1500 Tonnen pro Arbeitswoche. Der Abbau erfolgt im Tagebau mit Hacke und Schaufel, unterstützt wird die Arbeit durch Schrägaufzüge. An der Baustelle arbeitet auch eine große Dampfmaschine. Ihre Aufgabe ist es, den Strom herzustellen, um die Pumpen in Gang zu halten. Sie sichert auch die Beleuchtung und den Betrieb weiterer Anlagen, die nach und nach ergänzt werden.

Die Gleisstrecke hat inzwischen eine Länge von 7000 Meter erreicht. Am Posten 16 werden täglich bis zu 20 Waggons abgefertigt, um das Kaolin danach zum Bahnhof nach Wiesau zu transportieren. Weitere 365 PS starke Lokomotiven – diesmal aber mit Diesel betrieben – werden nachgekauft. Gruben werden neu eröffnet. Das Unternehmen floriert. Bereits 1907 wird eine eigene Betriebskrankenkasse ins Leben gerufen. Längst aber hatte man erkannt, dass nur rund ein Viertel des Materials, das aus 15 bis 20 Metern herausgeschafft wird, auch für den Rohstoffbedarf der aufstrebenden Porzellanfabriken zu gebrauchen ist.

1957 wird es ruhig am Schönhaider Abbaugelände, dessen Vorräte langsam zur Neige gingen. Nach und nach werden die Anlagen stillgelegt, später verschwinden sie ganz aus dem Blickfeld. Für die Gemeinde Schönhaid bedeutete dies einen herben Verlust, da die Steuereinnahmen aus der Kasse der Kaolin- und Kapselerdegruben GmbH eine wichtige Einnahmequelle darstellten. Rund 100 Beschäftigte verloren ihre Arbeit.

Lange blieb es dort ruhig. Die Gruben füllten sich mit Grundwasser. Doch bald erkannte man den Freizeitwert der Baggerseen. Von der Bevölkerung wurden sie „Drecklöcher“ genannt. Der Ausdruck aber gefiel den Gemeindeverantwortlichen gar nicht, die aus dem Naherholungsgebiet später die „Wiesauer Waldseen“ machten. Im Volksmund hat sich der Ausdruck "Kipp" aber bis heute gehalten.

Das ehemalige Abbaugebiet ist heute ein attraktiver Erholungsort

Schönhaid bei Wiesau

Weitere historische Geschichten aus der Oberpfalz

Hintergrund:

Wie aus "Drecklöchern" die "Waldseen" wurden

Vom Kaolinabbau bei Schönhaid sind die Baggerseen mit ihrem blau-grün schimmernden Wasser geblieben. Bald lockten sie die Badegäste an. Die Natur erholte sich wieder. Dieser dauerte aber:

  • 1970 leitet die Gemeinde Schönhaid Grundstücksverhandlungen ein, um die Nutzung der Wald- und Seenflächen in geordnete Bahnen zu lenken. Ein Jahr später übertrug Schönhaid die Angelegenheit an den Markt Wiesau, der jedoch den Ankauf der Grundstücke ablehnte. Ein Landschaftsarchitekt wurde mit der Planung beauftragt. Verwirklicht wurden die Ideen aber nicht.
  • 1974 errichtet die Bayerische Forstverwaltung einen Trimm-dich-Pfad. Zudem entstand ein Kinderspielplatz. Unterstützt von Förderern wurde ein Jahr später ein Nichtschwimmerbecken angelegt, ein Kiosk kam dazu. In einem separaten Gebäude zog die Wasserwacht ein, die das Vorhaben „Badesee an der Kipp“ tatkräftig unterstützte. Die Ausbaumaßnahmen – zu der auch eine gepachtete Wiese gehörte – beschränkte sich aber nur auf die „Kipp“, den größten der Waldseen, zu denen auch die Gruppe Silbersee, Mondsee und Perlensee gehört.
  • Die offizielle Übergabe des neuen Naherholungsgebietes fand 1975 statt.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.