14.05.2021 - 17:02 Uhr
SchwandorfOberpfalz

35 Jahre nach Tschernobyl: Wildschwein nur mit Freitest auf dem Tisch

35 Jahre ist die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl her. Das Erbe strahlt noch immer. Liebhaber können Wildschweinbraten oder -salami weitgehend sicher genießen. Jedes erlegte Tier wird im Landkreis Schwandorf auf Caesium 137 getestet.

Wildschweine wühlen gern im Erdreich und graben auf der Suche nach Hirschtrüffeln auch tiefer.
von Irma Held Kontakt Profil

Der Reaktor-Unfall im damals sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 ist auch 35 Jahre später im Landkreis noch messbar – besonders in Wildschweinen oder Waldpilzen. Bei dem Unfall gelangten radioaktive Stoffe, darunter Caesium 137, in die Atmosphäre. In Deutschland war besonders Bayern betroffen. Auch in Teilen des Landkreises ging im Mai 1986 radioaktiver Regen nieder. Caesium 137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren ist die noch immer strahlende Erinnerung an die Katastrophe. Die radioaktive Belastung geht aber stetig zurück. Überall dort, wo es geregnet hat, war und ist die Belastung höher. Neben Waldfrüchten, wie Preisel- oder Heidelbeeren, kann auch Wildfleisch auf dem Teller ohne gesundheitsgefährdenden Beigeschmack genossen werden.

"Jedes Stück Schwarzwild, das in den Handel kommt, wird auf Trichinen und Cäsium untersucht", versichert Otto Storbeck, Vorsitzender der Jägervereinigung Nittenau. Über die Gegend gingen radioaktiv angereicherte Regengüsse nieder. Im Landkreis unterhalten die Jäger immer noch flächendeckend Cäsium-Messstellen. Rehwild sei nicht mehr belastet, weil die Tiere an der Oberfläche äsen. Beim Schwarzwild entscheiden, wie Otto Storbeck gegenüber Oberpfalz-Medien erklärt, mehrere Faktoren über die Cäsium-Belastung: Wo ist 1986 radioaktiver Niederschlag niedergegangen? Wie tief graben die Tiere? Wie hoch ist die natürliche Strahlenbelastung? Cäsium 137 sinkt im Lauf der Jahre in tiefere Bodenschichten ab. Wildschweine wühlen jedoch, besonders auf der Suche nach ihrer Leibspeise, den Hirschtrüffel, im Boden. Gerade, der für den Menschen ungenießbare Hirschtrüffel könne noch erheblich belastet sein.

Von Oberpfalz-Medien zum Thema befragte Jäger verweisen auf die lückenlose Untersuchung der erlegten Wildschweine auf Strahlenbelastung. Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg). "Ich erwarte, dass jedes erlegte Schwarzwild untersucht wird." Die Waidmänner würden nach den Worten von Kreisjagdberater Günther Hoffmann, würden sie anders verfahren, ihren Jagdschein aufs Spiel setzen. Otto Storbeck stößt in dasselbe Horn: "Der Verzehr von Schwarzwildfleich ist unbedenklich." "Es gibt noch welche", sagt Johann Vornlocher, Vorsitzender Kreisgruppe Schwandorf im Bayerischen Jagdverband und bezieht dies auf Wildschweine, die nicht verzehrt werden dürfen. Doch von jeder zweiten Sau, wie es bisweilen kolportiert werde, könne nicht die Rede sein. Es seien deutlich weniger als noch vor fünf oder zehn Jahren. Eine Nullmessung habe es vor Tschernobyl auch nicht gegeben, denn in Gegenden mit Granitabbau und -vorkommen zum bestehe bereits eine sogenannte radioaktive Hintergrundbelastung.

Überschreitet die abgegebene Probe 600 Bq/kg, kommt das Wild in die Tierkörperbeseitigung. Zugunsten des Verbrauchers würde auch Tiere nicht zum Verzehr freigegeben, wenn sich die Belastung dem Grenzwert nähere, sagt Günther Hoffmann und ergänzt: "Finanziell hat der Jäger keinen Schaden. Er wird entschädigt." Dietmar Maier, dem die Messstelle in Pfreimd obliegt, hat die Karte mit den radioaktiven Niederschlägen verinnerlicht und erklärt, dass der Altlandkreis Nabburg grundsätzlich nicht betroffen gewesen sei. In der fraglichen Zeit vor 35 Jahren habe es nicht geregnet, aber das bedeute im Umkehrschluss keineswegs sich in Sicherheit zu wiegen. "Schwarzwild ist nicht unbedingt standorttreu. Es könne also durchaus im Altlandkreis Nabburg ein Tier aus dem südlichen Landkreis oder dem Schönseer Land geschossen werden. Seit 2004 besteht die Messstelle in Pfreimd und Dietmar Maier ist sich sicher: "Das Thema wird uns die nächsten Jahrzehnte nicht loslassen."

Während Verbraucher beim Wildschwein auf der sicheren Seite sind, ist bei Pilzen das Restrisiko höher. Welcher Schwammerlsucher lässt schon seine Ausbeute testen? Hauptsächlich in Maronenröhrlingen steckt noch Cäsium in nenneswerter Höhe. Bei den Pilzen hängt die Belastung von der Myzelienstruktur und dem Standort ab.

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Pfreimd

"Ich erwarte, dass jedes erlegte Schwarzwild untersucht wird."

Günther Hoffmann, Kreisjagdberater

Günther Hoffmann, Kreisjagdberater

Dietmar Maier betreibt die Messtelle in Pfreimd und versichert, dass jedes erlegte Wildschwein auf Cäsium 137 getestet wird.
Auf Wildschweinragout von getesteten Tieren muss nicht verzichtet werden. Bei Waldpilzen sind es hauptsächlich Maronen, die noch eine nennenswerte Strahlenbelastung aufweisen. Allerdings ist die Untersuchung nicht so lückenlos wie beim Wildschwein.
Hintergrund:

Tschernobyl und die Folgen

  • 26. April 1986: Explosion im Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl.
  • 28. April 1986: Im über 1200 Kilometer entfernten Kernkraftwerk Forsmark ( Schweden) wird wegen erhöhter Radioaktivität Alarm ausgelöst. Nachdem die eigenen Anlagen als Verursacher ausgeschlossen worden waren, richtete sich der Verdacht aufgrund der aktuellen Windrichtung gegen eine Anlage auf dem Gebiet der Sowjetunion. Am Abend dieses Tages meldete die amtliche Nachrichtenagentur Tass einen „Unfall“ im Kernkraftwerk Tschernobyl.
  • Anfang Mai 1986: Eine radioaktive Wolke zieht durch halb Europa. Auch Teile des Landkreises Schwandorf werden von radioaktivem Niederschlag erfasst.
  • Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) meldet auf seiner Homepage für den Landkreis bei einem am 19. Januar 2021 getesteten Wildschwein eine Belastung von 1,9 Bq/kg, bei einem am 21. Juli 2020 getesteten Wildschwein liegt die Belastung über dem Grenzwert bei 620 Bq/kg.
  • Für einen am 1. September 2020 getesteten Steinpilz und Birkenpilz meldet das LGL eine Cäsium-Belastung von 14 beziehungsweise 6,4 Bq/kg. Am 30. September 2019 ist ein Maronenröhrling mit 200 Becquerel belastet.

 

 

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