13.01.2021 - 14:08 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Arbeitsmarkt monatelang in Schockstarre

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Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind noch nicht absehbar. Der Arbeitsmarkt im Landkreis verfiel in eine regelrechte Schockstarre. Kurzarbeit verhinderte Entlassungen, sagt der Chef der Agentur für Arbeit, Markus Nitsch.

Markus Nitsch, Chef der Agentur für Arbeit.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Das Verarbeitende Gewerbe ist die Stütze der Wirtschaft im Landkreis. Der Arbeitsmarkt bekam das zu spüren, das Instrument der Kurzarbeit half, Entlassungen zu vermeiden. Der Chef der Agentur für Arbeit, Markus Nitsch, gibt im Interview mit den Oberpfalz-Medien auch eine Einschätzung zum laufenden Jahr ab.

ONETZ: Wie hat der Arbeitsmarkt im Landkreis Schwandorf die Krise bisher gemeistert?

Markus Nitsch: Die Pandemie mit ihren Folgen hat den Arbeitsmarkt im Kreis Schwandorf seit Mitte März stark belastet. Das normale Arbeitsmarktgeschehen fror in vielen Bereichen bis zum Sommer weitgehend ein. Durch den Rückgang der Infektionen taute der Arbeitsmarkt in den Sommermonaten wieder auf und es war im Herbst sogar – unter den Vorzeichen der Pandemie – die saisontypische Belebung spürbar.
Die Arbeitslosenquote bewegte sich in der Krise zwischen 3,4 und 3,8 Prozent und somit weit entfernt vom zunächst von vielen befürchteten Ausmaß. Dass der Wert nicht deutlich höher gestiegen ist, lag zu einem Gutteil am Instrument Kurzarbeitergeld. Dieses entlastete die Arbeitgeber und sicherte den Arbeitnehmern ihre Beschäftigung.

ONETZ: Wie sieht es auf dem Lehrstellenmarkt aus?

Nitsch:: Anders als in vielen Regionen, zeigte sich der Ausbildungsmarkt im Kreis Schwandorf bis zum Ende des Ausbildungsjahres krisenfest. Durch die enge Zusammenarbeit aller Akteure auf dem Ausbildungsmarkt ist es gelungen, einen Anstieg der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber zu verhindern. In Schwandorf gab es wie im Vorjahr fünf Jugendliche, die am Ende keinen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatten – und dies nur, da es dem eigenen Wunsch der Betroffenen entsprach. Freie Stellen hätte es noch reichlich gegeben.

Der Lehrstellenmarkt im Blick

Schwandorf

ONETZ: Welche Branchen haben die größten Probleme?

Nitsch:: Belastend wirkte sich die Krise auf alle Branchen aus. Besonders getroffen hat die Pandemie die Veranstaltungsbranche durch die Absage fast aller Veranstaltungen. Ebenfalls stark gelitten hat der Hotel- und Gastronomiebereich.
Der größten Belastungsprobe waren die Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe ausgesetzt. Hier kamen mehrere Faktoren zusammen. Bereits zur Jahresmitte 2019 machte sich eine Schwächephase im Verarbeitenden Gewerbe bemerkbar. Die Coronakrise beendete diese nicht, sondern beschleunigte in vielen Fällen den Strukturumbruch insbesondere in der Metall- und Elektroindustrie sowie in der Kfz- und Automobilzulieferbranche noch weiter. Hinzu kam, dass gerade das Verarbeitende Gewerbe auf das reibungslose Funktionieren der Lieferketten angewiesen ist. Während in der Region im Sommer das Infektionsgeschehen abnahm, wütete es in anderen Ländern und sorgte so dafür, dass seit März vielerorts kein normales Arbeiten möglich war und Aufträge aufgrund fehlender Lieferungen nicht abgearbeitet werden konnten.
Im Verarbeitenden Gewerbe bestand ein deutlich geringerer Bedarf an Leiharbeitnehmern als in normalen Jahren, wodurch viele Personaldienstleister wichtige Kunden verloren und Personal abbauen mussten.

ONETZ: Wo ist die Nachfrage nach Mitarbeitern ungebrochen?

Nitsch: Im Bau- und Baunebengewerbe und in vielen Handwerksbetrieben herrscht weiterhin eine große Nachfrage nach Personal. Gleiches gilt im Pflegebereich und bei verschiedenen medizinischen Berufen. Generell lässt sich feststellen, dass Fachkräfte in den meisten Branchen noch immer nachgefragt werden. Personal für Helfertätigkeiten war hingegen deutlich weniger gefragt.

ONETZ: Haben die Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Angebote zur Fortbildung während der Kurzarbeit genutzt?

Nitsch:: Aufgrund des Infektionsschutzes konnten Maßnahmen nur in begrenztem Umfang stattfinden. Mittel sind vonseiten der Arbeitsagentur ausreichend vorhanden und die Bildungsträger ermöglichen mehr und mehr Kurse in virtueller Form. Es lässt sich aber nicht jede Schulung online durchführen. Gerade im technischen Bereich können viele Lehrinhalte, z.B. Schulungen die sich mit der Handhabung komplexer Maschinen beschäftigten, nicht durch Theorieeinheiten ersetzt werden.

ONETZ: Was raten Sie Betroffenen, die während der Krise ihren Job verloren haben?

Nitsch:: Der Verlust des eigenen Arbeitsplatzes ist immer sehr bitter und belastend. Aber selbst in der Hochzeit der Krise haben viele Arbeitgeber händeringend nach guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesucht. Wichtiger als in der Vergangenheit ist sicherlich eine gewisse Flexibilität und die Bereitschaft, sich auch auf Alternativen zur bisherigen Tätigkeit einzulassen. Betroffene sollten immer so schnell wie möglich den Kontakt zu ihrer Agentur für Arbeit aufnehmen. Im Beratungsgespräch wird individuell besprochen, welche Möglichkeiten es gibt und wie die Einstellungschancen momentan aussehen. In der Regel finden die Beratungen aktuell per Telefon und online statt.

ONETZ: Wie ist Ihr Ausblick auf das laufende Jahr?

Nitsch:: Wie wir alle wissen, wird die Pandemie nicht mit dem Jahreswechsel verschwinden. Sie wird daher 2021 das Arbeitsmarktgeschehen erneut überschatten. Viel wird davon abhängen, wie schnell ein Großteil der Bevölkerung geimpft werden kann und ob erfolgversprechende Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankte entwickelt und in der Fläche angeboten werden können. Gelingt dies, wird sich das Arbeitsmarktgeschehen weiter entspannen. Das Ende der Coronakrise wird jedoch nicht dazu führen, dass alle Branchen sich zügig erholen. Zu viele Großaufträge sind weggebrochen, zu viele zukunftsweisende Investitionen ausgeblieben. Sicherlich werden sich die Spätfolgen der Pandemie im gesamten laufenden Jahr und wohl auch darüber hinaus noch zeigen.

Eine der wenigen Branchen, die kaum unter Corona gelitten haben, ist das Bauwesen. Die öffentliche Hand investiert in die Erweiterung des Landratsamtes.

Zum Vergleich: Der Arbeitsmarkt im Oktober 2019...

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...und der Arbeitsmarkt im Oktober 2020

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