15.09.2021 - 12:48 Uhr
SchwandorfOberpfalz

"Fetter Mexikaner" der Bandidos bringt Polizei-Angestellten vor Gericht

Als eine Amtsrichterin 2018 einen Polizeibediensteten als Zeugen vernimmt, fällt ihr Blick auf einen Ring, den der Mann am Finger hat: Das Schmuckstück trägt ein Emblem der verbotenen Rockerorganisation Bandidos. Jetzt hat die Sache ein gerichtliches Nachspiel.

Mitglieder der mittlerweile verbotenen Rockerbande Bandidos tragen den „Fat Mexican“ als Maskottchen auf ihren Westen und Kutten. Ein Polizeimitarbeiter hatte ihn auf einem Ring – und bekam deswegen Ärger.
von Autor HOUProfil

Sieht so jemand aus, der ein Sicherheitsrisiko für den Staat darstellt? Interne Ermittler des Bayerischen Landeskriminalamts (LKA) hatten die Nachforschungen übernommen, als im Oktober 2018 ein damals 59 Jahre alter Mann, der seit 1982 als Angestellter in den Diensten der oberpfälzischen Polizei steht, bei einem Ordungswidrigkeiten-Prozess in Schwandorf erschien und dort eine Zeugenaussage machte.

Während der Staatsdiener vernommen wurde, verdeutlichte sich für die Richterin, dass er einen Ring trug, der irgendwie ins Auge fiel. Aufschrift: "Bandidos forever". Außerdem bemerkte die Juristin ein stilisiertes Emblem. Es zeigte den "Fat Mexican" (Fetter Mexikaner") und damit eine Figur, die von der weltweit auf ihren Motorrädern sitzenden Rockergang geschätzt wird.

Bande seit 2017 verboten

Die Juristin leitete ihre Beobachtung intern weiter. Mit dem Wissen, dass die Bandidos seit 2017 in Deutschland verboten sind und folglich zumindest ein Verstoß gegen das Vereinsgesetz vorlag. Bei der Polizei schrillten daraufhin Alarmglocken. Das Landeskriminalamt schaltete sich ein, übernahm alle weiteren Nachforschungen und bekam einen Hausdurchsuchungsbefehl.

Das Ergebnis der in größerer Zahl angerückten Fahnder-Mannschaft war durchaus interessant. Die Spezialermittler fanden Stoff-Aufnäher und Aufkleber mit Symbolen der Bandidos. Sie stießen ferner auf eine ärmellose Weste, die man in Rockerkreisen "Kutte" zu nennen pflegt. Auch darauf ließ sich der "Fat Mexican" ausmachen. Und dann waren da noch mehrere Facebook-Eintragungen, die den heute 62-Jährigen in Rockermontur zeigten. In seinem Regal standen Szene-Bücher wie etwa ein Band mit dem Titel "Ziemlich böse Freunde." Erwähnung in den Protokollen fand auch, dass sich der Mann den "Fat Mexican" auf einen seiner Arme hatte tätowieren lassen.

Die Beweislast war ziemlich erdrückend. Doch an der Seite seines Anwalts Jörg Jendricke (Amberg) startete der Angeklagte zu einer Erklärung, die für Staatsanwalt Johannes Weiß und Amtsrichter Holger Vogl einen schlüssigen Eindruck formte. Sinngemäß hörte sie sich so an: Bis vor wenigen Jahren sei er Motorradfahrer aus Leidenschaft, irgendwie ("Auch das ist schon lange her") interessiert am MC Bandidos, aber zu keiner Zeit aber Mitglied oder Förderer dieser Organisation gewesen. "Ich hatte nie etwas zu tun mit denen", machte der 62-Jährige deutlich.

Die Wahrheitsfindung ging noch weiter. In Form einer 45 Minuten langen Lektion, die ein in Sachen Rocker beim Landeskriminalamt zuständiger Experte erteilte. Der 49-Jährige, umfassend mit der Materie vertraut, berichtete über ein Bandidos-Verbot, das erstmals teilweise im Jahr 2010 in Deutschland erfolgte und ab 2017 endgültig festgeschrieben war.

Er informierte über Hierarchien innerhalb des Clubs, über die Bedeutung einzelner Abzeichen und beantwortete dann Fragen des Richters. Die erste: "Waren die gefundenen Aufnäher echt?". Die Antwort: "Nein, es handelte sich um Fakes." Noch bemerkenswerter war, was dann folgte. Die zweite richterliche Frage lautete: "Wie sah es denn in der Wohnung [des Angeklagten] aus?" Da schmunzelte der Beamte und erinnerte sich: "Anders als in Rocker-Behausungen, die ich sonst so sehe." Damit war ein weiteres Stück weit der Wind aus den Segeln einer Verurteilung genommen. Ab dann schien irgendwie klar zu sein: Da saß einer, der "Easy Rider", Peter Fonda und Dennis Hopper mochte, im oft kriminellen Gefüge der Bandidos aber nie eine Rolle spielte.

Tattoo längst verblichen

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Zivilbediensteten der Bayerischen Polizei im Vorfeld einen Strafbefehl über 4900 Euro geschickt. Jetzt wurde das Verfahren gegen eine Geldauflage von 600 Euro eingestellt. Einen sogenannten Verbotsirrtum des Beschuldigten mochte der Anklagevertreter dabei nicht ausschließen. Zumal, wie man hörte, das Verbieten solcher Gruppierungen offiziell nur über den Bundesanzeiger vonstatten geht. "Und wer liest den schon?", fragte Verteidiger Jendricke.

So endete das Spektakel nach zweieinhalb Stunden. Die Angst, aus dem Dienst entfernt zu werden, muss der Mann nun wohl nicht mehr haben. Sein verblichenes Tattoo mit dem "Fat Mexican" am Oberarm verhüllt er ohnehin schon schon lange mit einer weißen Binde und zieht den Hemdsärmel drüber.

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