11.06.2021 - 19:13 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Der Gastro gehen die Mini-Jobber aus

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Gaststätten in ganz Deutschland dürfen wieder öffnen, langsam kehrt Normalität ein. Doch nun tritt ein neues Problem zu Tage: Die Mini-Jobber sind während der Pandemie weitergezogen. Das hat auch Folgen für Gäste im Landkreis Schwandorf.

Hubert Obendorfer in der Vorbereitung auf den Europäischen Genusszirkel 2018 im Birkenhof. In diesem Jahr wird der ausfallen. Die Gastronomie-Branche kämpft weiter mit der Unsicherheit, die viele Minijobber abschreckt.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Diese Rückkehr hatte man sich in der Branche anders vorgestellt: Während die Corona-Beschränkungen in der Gastronomie nach und nach fallen, wird eine große Lücke sichtbar - nämlich die, die Mini-Jobber gerissen haben.

Die Gastronomie-Betriebe in der Region meldeten ein gemischtes Bild, sagt Markus Greiner, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Landkreis Schwandorf und Betreiber des Panorama-Hotels am See bei Neunburg vorm Wald. "Einige haben echte Schwierigkeiten, die 450-Euro-Stellen zu besetzen. In unserem Haus ist das glücklicherweise nicht so, die Mitarbeiter halten uns die Stange." Seit den Lockerungen der Corona-Regeln und dem einsetzenden besseren Wetter sei der Neustart in der Branche mit relativer Zufriedenheit aufgenommen worden. Nun gelte es, die Probleme mit den 450-Euro-Stellen zu lösen.

Rund zehn Prozent Schwund

Auch Hubert Obendorfer, Dehoga-Kreisvorsitzender sowie Hotel- und Küchenchef am Birkenhof in Hofenstetten, bestätigt das Problem. "Ich dachte erst, es hätte uns nicht erwischt, aber leider sind auch bei uns einige Mitarbeiter abgewandert." Rund zehn Prozent seiner Leute seien beim Neustart nicht mehr dabei - ein bundesweites Problem, wie ihm Kollegen bestätigten. Einer von ihnen, "ein Oberbayer mit einem bekannten Haus", kämpfe sogar darum, überhaupt öffnen zu können - so hart habe ihn der Exodus der 450-Euro-Jobber getroffen.

Ein überregionales Problem

Ganz so aussichtslos ist die Lage im Birkenhof nicht, es gibt sogar einen Rückkehrer aus einer anderen Branche, sagt Obendorfer. "Dem hat es bei uns wohl besser gefallen." Und doch, die große Unsicherheit ziehe sich durch die Gastronomie. "Man kann nichts planen, das viele Menschen involviert. Catering bei Hochzeiten ist beispielsweise weiter nicht möglich. Das verunsichert auch die Gäste, viele wissen gar nicht, was sie buchen können." Auch für Obendorfers Stammgäste gibt es bereits einen heftigen Einschnitt: Der Kulinarische Europazirkel, eine Veranstaltung, zu der der Küchenchef Spitzenköche aus ganz Europa bei Neunburg versammelt, muss auch in diesem Jahr ausfallen. "Das ist keine gute Nachricht", sagt Hubert Obendorfer.

Dass die Sorge überregional besteht, bestätigt eine Sprecherin des Dehoga Oberpfalz: "Viele haben sich sicheren Branchen zugewandt, die räumen jetzt beispielsweise Regale ein. Das Feedback aus den Gaststätten ist, dass das ein echtes Problem ist - nicht nur in der Oberpfalz, sondern in ganz Bayern. Das wird sich auch nicht ändern, solange die Gastronomie nicht mehr Sicherheit bekommt."

Ähnlich ist das Feedback vom Restaurant Miesberg in Schwarzenfeld. "Wir konnten zwar einige Mitarbeiter halten, weil wir Essen zum Mitnehmen angeboten haben, aber besonders im Service fehlen inzwischen wirklich viele", sagt Inhaber Markus Neudert. "Es ist ja irgendwo verständlich, anderswo lässt sich gerade sicherer und mehr Geld verdienen."

Dali kürzt Öffnungszeiten

Veränderungen der Öffnungszeiten oder Absagen habe es noch nicht gegeben. Ob das so bleibt, sei allerdings unklar, so Neudert. Momentan sucht er neue Mitarbeiter, die Lage sei dringend. "Die Gastronomie ist nach wie vor kaputt. Bei vielen fehlt das Geld, es gibt Schulden, das Personal reicht nicht. Da hat die Politik einiges versäumt."

Konsequenzen hat das für die Gäste des Musikcafé Dali in Nabburg. "Wir mussten aufgrund der Personalprobleme die Öffnungszeiten verkürzen", erklärt Hildegard Hanauer, die das Café zusammen mit ihrem Mann Gerhard und Tochter Alexandra führt. Anstatt wie üblich morgens um zehn kann sie die Türen von Montag bis Donnerstag erst ab 16 Uhr öffnen. "Freitag, Samstag und Sonntag konnten wir halten, aber unter der Woche ging einfach nicht mehr. Niemand hat irgendwas davon, wenn wir alle nach zwei Wochen komplett am Limit sind."

Hanauer muss einen Großteil der Belegschaft neu aufbauen, sucht händeringend Mitarbeiter. Sechs von 19 Mitarbeitern sind nicht zurückgekehrt, fast jeder dritte Mitarbeiter. "Sobald wir öffnen, rennen uns die Gäste die Türen ein. Für sie wollen wir gut aufgestellt sein, das schaffen wir unter der Woche im Moment leider nur abends." Sollte sich die Personaldecke entspannen, könne sie über weitere Öffnungen nachdenken - vorher nicht. Ein einziger Krankheitsfall in der Belegschaft stelle ein echtes Problem dar. "Wir sind momentan keine sichere Branche für Arbeitnehmer. Wer hätte gedacht, dass man das mal über die Gastronomie sagen muss?"

Zum Thema: Lockerungen in der Gastronomie

München
Hintergrund:

Fachkräftemangel durch Corona

  • Die Mitarbeiterzahl der Gastronomie hat sich nach Angaben des Dehoga in ganz Deutschland um rund zwölf Prozent verringert. Dehoga-Chefin Ingrid Hartges spricht von einem "riesigen Mitarbeitermangel".
  • Bei den Azubis ging die Zahl sogar um 25 Prozent zurück. Insgesamt verlor die Branche alleine bis Februar 130.000 Beschäftigte.
  • Der Dehoga berichtet von einer internen Umfrage, der zufolge Mitglieder im Mai immer noch einen Umsatzrückgang von 67 Prozent angaben.
  • Auch das Baugewerbe schlägt Alarm: Nach Angaben des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) rechnen fast 43 Prozent der Teilnehmer einer internen Umfrage damit, dass weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen werden. Zudem sehen 44 Prozent der Firmen Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter.
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