Ein Jahr nach Kriegsbeginn: Wie Russlands Überfall die Oberpfälzer Wirtschaft verändert hat

Schwandorf
23.02.2023 - 15:40 Uhr
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Vor einem Jahr marschierte Russland in die Ukraine ein. Indirekt traf und trifft der Krieg auch Oberpfälzer Unternehmen. Diese Folgen hat Putins Überfall noch heute für Horsch, Nexans, Bionorica und Co. Ein Überblick.

Eingebrochenes Ost-Geschäft: Horsch

Geschäftsführerin Cornelia Horsch meldet sich Mitte Februar persönlich per Telefon. Sie möchte sich nicht zur Anfrage äußern, sagt sie. Der Landmaschinenhersteller mit Sitz in Schwandorf beantworte keine Presseanfragen zu den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine mehr. Zum Schutz ihrer Mitarbeiter, sagt sie. Das Thema ist sensibel. Und Horsch ist eins der Unternehmen in der Oberpfalz, das wohl mit am heftigsten von dem Krieg im Osten Europas betroffen ist, der vor einem Jahr begann. Bis zum Kriegsausbruch war Osteuropa der wichtigste Markt für den Landmaschinenhersteller. Horsch hat in beiden Ländern einen Standort. In der Ukraine sind es rund 50 Mitarbeiter, in Russland gut 200.

Auch bei Umsatz und Produktion hat sich etwas verändert. Im vergangenen Sommer sprach Geschäftsführer Michael Horsch davon, dass das Ost-Geschäft "erstmals eingebrochen" sei. Um 70 Prozent. Man habe daraufhin schnell reagiert, die Produktion für die Ukraine gestoppt und andere Aufträge bedient. Statt des osteuropäischen Markts werde nun der westliche beliefert. Der Gesamtumsatz sei aber nicht eingebrochen.

Nichts mehr nach Russland: Nexans

Der Flosser Automobilzulieferer Nexans Autoelectric hat drei Standorte in der Ukraine. Die sind "nach wie vor gut ausgelastet und versorgen unsere Kunden termingerecht", erklärt Sprecherin Maria Schmidt. Das Unternehmen lieferte auch "in geringem Umfang" an Kundenstandorte in Russland. Seit Kriegsbeginn allerdings nicht mehr, so Schmidt.

Der Krieg habe die "Sicherstellung von Lieferketten und der eigenen Lieferfähigkeit noch mehr in den Fokus gerückt". Dazu kämen natürlich die deutlich höheren Kosten fürs Material – eine "große Herausforderung", sagt Schmidt. Zusätzlich habe Nexans "höhere Belastungen zu stemmen". Man müsse "die Lieferfähigkeit und damit Produktionskapazitäten mit Back-ups absichern, die bei Bedarf schnell greifen können". Die Lieferprobleme im Beschaffungsmarkt – zum Teil schon vor Kriegsausbruch vorhanden – fordern das Unternehmen nach wie vor. Bisher habe man dies aber "sehr erfolgreich gemeistert".

Verzwickte Lage: Bionorica

Den Oberpfälzer Naturarzneihersteller Bionorica hat der Krieg stark getroffen. Für das Unternehmen aus Neumarkt sind Russland und die Ukraine laut "Handelsblatt" die wichtigsten Auslandsmärkt. In beiden Ländern hat das Unternehmen Standorte, in der Ukraine beschäftigt man rund 130 Mitarbeiter, in Russland etwa 300. Ein Jahr nach Kriegsausbruch möchte der Vorstand dazu öffentlich aber nichts mehr sagen, erklärt ein Sprecher am Telefon. Die Lage ist offenbar verzwickt.

Auf der ukrainischen Bionorica-Webseite steht eine "Position zur Lage in der Ukraine". Man verurteile den Krieg scharf, heißt es da. Dazu die Versicherungen, dass die Bionorica-Produkte zu 100 Prozent in Neumarkt hergestellt werden – in Russland dagegen keine. Die Pläne für die Eröffnung von Produktionsstätten in Russland seien gestoppt worden.

Im Internet gibt es Webseiten, auf denen Unternehmen gelistet werden, die weiter Geschäfte in Russland machen. Beim "LeaveRussia"-Projekt der Kyiv School of Economics wird auch Bionorica als eine der Firmen aufgelistet, die weiter in Russland aktiv ist. Im März 2022 hatte Bionorica der "Deutschen Apotheker Zeitung" mitgeteilt, dass es die "oberste Priorität" sei, Patienten in beiden Ländern weiter zu versorgen.

Stotternde Lieferkette: Hamm

Der Tirschenreuther Walzenhersteller Hamm ist sehr exportorientiert. 95 Prozent der Walzen gehen ins Ausland. Der Markt in Russland spielt auch ein Rolle. "Alle Lieferungen von sanktionierten Produkten, Komponenten und Ersatzteilen wurden gestoppt", heißt es dazu von der Konzernmutter, der Wirtgen-Group. Probleme gebe es bei den Lieferketten, man müsse "nach wie vor flexibel auf die wechselnden Rahmenbedingungen reagieren". Dabei zahle sich die "hohe Fertigungstiefe in allen Werken aus" – auch bei Hamm in Tirschenreuth. Trotz der vielen Herausforderungen sei das Geschäftsjahr 2022 "sehr erfolgreich" gewesen.

Veränderte Pläne: BHS Corrugated

"Geopolitische Überlegungen haben einen größeren Einfluss auf unsere Investitionspläne genommen", heißt es in einer Stellungnahme der Geschäftsführung von BHS Corrugated aus Weiherhammer (Landkreis Neustadt/WN). Zum Beispiel wenn es um einen weiteren Produktionsstandort im Osten geht, der gebaut werden soll. "Wie nah an Russland das passieren soll, sind jetzt Überlegungen, die ganz anders bewertet werden als vorher."

BHS hat eine Niederlassung in Russland mit 15 Mitarbeitern und sowohl in Russland und der Ukraine Kunden. "Die Geschäftstätigkeiten mit Russland sind auf ein Minimum reduziert und alle Sanktionen werden strikt eingehalten." Der Gesamtumsatz sei davon aber wenig betroffen.

Fehlende Halbleitern: Grammer

"Unsere Kunden haben den Absatzmarkt Russland verloren und in wesentlichen Teilen auch den Absatz in der Ukraine", erklärt Grammer-Sprecher Günther Krämer. "Dies hatte grundsätzlich eine Auswirkung auf die Absatzzahlen unserer Kunden und damit indirekt auch auf Grammer." Der Automobilzulieferer mit Sitz in Ursensollen (Landkreis Amberg-Sulzbach) ist nicht mehr in Russland aktiv, erklärt Sprecher Günther Krämer. Lieferprobleme als direkte Folge des Krieges seien zwar nicht mehr spürbar, aber "die bekannten Einschränkungen durch den Mangel an Halbleitern" seien geblieben.

Neue Mitarbeiter: Siemens Amberg

Im Mai 2022 gab Siemens bekannt, den russischen Markt wegen des Krieges zu verlassen. Russland, genau wie die Ukraine, spiele aber keine große Rolle im Gesamtumsatz, erklärt Pressesprecher Bernhard Lott. Die direkten Folgen des Krieges – etwa auf die Lieferkette – habe das Unternehmen abmildern können. "Auch in Amberg gab es im Wesentlichen kaum Auswirkungen." Trotzdem hat sich dort etwas verändert: Derzeit arbeiten laut Lott im Amberger Standort 32 ukrainische Flüchtlinge.

Hohe Kosten: Witt

Obwohl die Weidener Witt-Gruppe sich schon vor Jahren aus beiden Ländern zurückgezogen hat, spürt auch das Unternehmen Auswirkungen – und steht damit beispielhaft für sehr, sehr viele andere Firmen. Die Witt-Gruppe merke die Folgen "insbesondere in Form von Kostensteigerungen durch höhere Energie- und Erzeugerpreise", erklärt Sprecherin Judith Weigl. Zudem verzeichne man einen Nachfragerückgang, den man auf Rezessionsängste der Kunden zurückführe.

Hintergrund:

Zahlen und Fakten

  • Die bayerischen Exporte nach Russland sind 2022 um fast 50 Prozent gesunken.
  • Die Exporte in die Ukraine sind um rund 20 Prozent gesunken.
  • Vor dem Krieg hatten rund 300 Unternehmen aus dem IHK-Bereich Oberpfalz/Kelheim Geschäftsbeziehungen mit Russland, 180 Firmen mit der Ukraine; zur aktuellen Lage liegen laut IHK keine Zahlen vor.
 
 

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