16.07.2021 - 12:52 Uhr
SchwandorfOberpfalz

"Mexiko-Heinz": Die beiden Opfer hatten keine Chance

Es gäbe so viele Fragen. Besonders von Angehörigen, die wissen wollen, warum zwei Menschen grundlos getötet wurden. Das rührt den Mann auf der Anklagebank nicht. Der mutmaßliche Doppelmörder Karlheinz R. (58) sitzt da und schweigt.

Vor dem Landgericht Amberg muss sich ein 58-Jähriger verantworten. Er soll seine Ex-Lebensgefährtin und deren neuen Partner getötet haben.
von Autor HOUProfil

Das sich am Freitag über Stunden hinweg bietende Bild vermittelte den Eindruck, als ob da ein Handwerker sitzt, der eine lange Ruhepause einlegt. Blauer Arbeitsanzug, den Gefangene tragen. Eine Sonnenbrille vor den Augen und den Kopf in die linke Hand gestützt. "Mein Mandant will momentan keine Angaben machen", hat Verteidiger Jürgen Mühl zum Prozessauftakt vor dem Amberger Schwurgericht gesagt. Irgendwie ist Mühl in der Zwickmühle. Denn alles, wirklich alles, spricht gegen Karlheinz R. (58) aus Schwandorf.

Am frühen Abend des 27. Juni letzten Jahres wurden am Stadtrand von Schwandorf zwei Menschen getötet, die als Paar zueinander gefunden hatten. Die 57-Jährige und ihr neuer Lebensgefährte (69) saßen auf der Terrasse eines der Frau gehörenden Hauses in Büchelkühn, als um 18.28 Uhr ein Mann auf das Grundstück stürmte. Was dann passierte, offenbarte zumindest teilweise ein Videofilm, den eine im Freien aufgehängte Wildkamera aufnahm. Eine nur wenige Sekunden dauernde Sequenz mit Horror pur und Entsetzen bei allen, die sie sahen.

Ungute Vorahnungen

Das sich zum Grillen treffende Paar hatte ungute Vorahndungen. Erst die Installierung einer Kamera auf der Terrasse, dann das Bereitlegen eines hölzernen Knüppels. Die Beweisaufnahme am ersten Verhandlungstag beantwortete die Frage nach dem Grund dieser Vorkehrungsmaßnahmen. Karlheinz R. hatte Drohungen gegen seine Ex-Freundin und deren neuen Partner ausgestoßen. Die Polizei war deswegen bereits eingeschaltet worden. Weil die Frau, die sich von ihm getrennt hatte, um behördliche Unterstützung bat.

Der Täter ging an diesem Sommerabend gnadenlos vor. Er stach auf der Terrasse auf den in einem Stuhl sitzenden 69-Jährigen ein. Der schwer Verletzte rappelte sich auf, lief dem Angreifer hinein in die Wohnung nach und sah, wie seine in Panik dorthin geflüchtete Lebensgefährtin Stiche in den Körper erhielt. In diesen dramatischen Sekunden benutzte er den mitgenommenen Knüppel, um mit Schlägen an den Kopf von Karheinz R. das Schlimmste noch abzuwenden. Vergebens. Beide Opfer starben am Tatort.

Messer weggeworfen

Der nach Meinung von Leitendem Oberstaatsanwalt Joachim Diesch aus rasender Eifersucht und heimtückisch verübte Doppelmord bekam noch eine weitere schier unglaubliche Episode. Bevor er flüchtete, entkleidete der Täter das Paar teilweise und legte es nebeneinander auf den Boden. So fanden später Polizeibeamte die beiden Toten. Sie waren zu dem Haus gefahren, als der 69-Jährige, der aus dem Raum Oberviechtach stammte, nicht zu seiner Arbeitsstelle erschienen war und sich seine Tochter sorgte. Sie sagte der Schwurgerichtsvorsitzenden Jutta Schmiedel: "Er war ein guter Papa. Immer für uns da."

Im Gerichtssaal sitzen Angehörige der Mordopfer. An ihrer Seite sind die Anwälte Erwin Hubert (Hof), Claudia Schenk (Regensburg) und Claus Gelhorn (Ingolstadt). Sie möchten wissen, wie jemand zu einer solchen Bluttat ansetzen konnte. Doch Karlheinz R., den man später im Nachbarland Tschechien verhaftete, sieht ihnen nicht in die Augen. Sein Messer hatte er weggeworfen. Es wurde ein paar Tage später gefunden und der Polizei übergeben.

Wuchtige Stiche

Das Schwurgericht hat nicht nur das durch eine Wildkamera aufgenommene Video angesehen. Es schaute sich auch rund 300 von der Kripo gemachte Fotoaufnahmen an, vernahm von einem Spurensicherungsbeamten Erläuterungen dazu und bekam dabei den Eindruck vermittelt, dass sich der finale Akt des Kapitalverbrechens in mehreren Räumen der Erdgeschosswohnung abspielte. Die Opfer hatten dabei keine Chance, den wuchtigen Stichen zu entkommen.

Der mutmaßliche Täter wurde von Schwandorfer Bekannten "Mexiko-Heinz" genannt. Wie kam er zu diesem Spitznamen? Karlheinz R., Schweißer von Beruf, schwärmte von diesem Land, in das er einmal gereist war. Irgendwann wollte er dorthin zurück. Nun könnte es sein, dass dieser Traum für den bereits mehrfach Vorbestraften zeitlebens zerplatzt ist. Der Prozess wird am Donnerstag, 22. Juli, fortgesetzt.

Mehr zum Fall in Büchelkühn

Schwandorf
Hintergrund:

Video aus der Wildkamera

Eine auf der Terrasse des Hauses in Büchelkühn installierte Wildkamera hat der Polizei ungewöhnliches Beweismaterial in die Hände fallen lassen..

Das Gerät liefert vom 27. Juni 2020, dem Tattag, zunächst zwei Standbilder. Sie zeigen die beiden späteren Opfer in sommerlicher Bekleidung an einem Tisch. Die 57-jährige Frau steht, ihr Lebensgefährte sitzt. Nichts deutet auf eine Angriff hin. Es gibt Gegrilltes,

18.28 Uhr: Blitzschnell um die Hausecke kommend sticht ein vordringender Täter mit einem Messer auf den im Stuhl sitzenden 69-Jährigen ein. Der Mann bekommt Verletzungen am Oberkörper zugefügt, sackt zusammen.

Noch immer 18.28 Uhr: Der Angreifer läuft mit schnellen Schritten der Frau nach, die sich in ihre Erdgeschosswohnung flüchtet. Beide werden plötzlich nicht mehr von der Kamera erfasst. Nur Augenblicke später folgt der bereits schwer verletzte 69-Jährige. Er hat einen Holzknüppel in der Hand, will offenbar seine Partnerin schützen. Auch er verschwindet im Haus. Dann ist die Terrasse leer, setzt sich das Verbrechen in mehreren Räumen des Gebäudes fort. Die Kamera kann das nicht mehr erfassen.

Die Tonqualität des Videos ist äußerst schlecht. Auch das Landeskriminalamt (LKA) in München, eingeschaltet von der Kripo Amberg, kann sie nicht verbessern.

 

 

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