17.05.2021 - 17:44 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Priorisierung weg, aber kein Impfstoff: Schwandorfer Ärztin spricht von Frust

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Die Telefone bei den Ärzten stehen kaum still: Die Freigabe der Priorisierung der Corona-Impfstoffe sorgt für Andrang. Die Mediziner müssen diese Woche aber viele enttäuschen. Den Grund nennt Karin Klier vom ärztlichen Kreisverband.

Covid-19-Vakzine sind nach wie vor Mangelware. Die Freigabe der Priorisierung für Impfungen bei den Haus- und Fachärzten in Bayern hat daran nichts geändert.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Die Freigabe der Priorisierung für alle Covid-Impfstoffe in Bayern lässt den Ansturm auf Termine bei den Hausärzten nochmal steigen. Grundsätzlich, sagt Allgemeinärztin Karin Klier (Schwandorf), sei es gut, den Hausärzten freie Hand zu lassen. Die zweite Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands (ÄKV) schiebt allerdings gleich hinterher: "Ansonsten haben wir von der Freigabe nichts, weil wir keinen Impfstoff haben". Astra-Zeneca sei zwar zu bekommen, werde aber von vielen Patienten nicht gewünscht. "Von Biontech haben wir in unserer Praxis in dieser Woche keine einzige Erstimpfung bekommen." Die Zweitimpfungen seien garantiert.

Die Enttäuschung ist entsprechend groß. "Wir haben den ganzen Vormittag Anrufe von Patienten bekommen, die das nicht verstehen, dass sie jetzt immer noch nicht dran sind." Es werde viel angekündigt, so Klier. Wenn genug Impfstoff da wäre, würden die Ärzte die Freigabe auch nutzen. "So sind wir etwas frustriert". Nach der Ankündigung der Freigabe rufe jetzt jede Altersgruppe an und wolle drankommen, "auch weil der mögliche Urlaub in die Nähe rückt". Das besonders Familien mit Kindern auf Freiheiten drängen, verstehe sie auch. "Man müsste uns einfach genügend Impfstoff geben, dann wäre das alles kein Problem. Aber daran scheitert es momentan."

Astra-Zeneca kaum gefragt

Nur rund 20 Prozent ihrer Patienten ließen sich auch mit Astra-Zeneca impfen, sagt Klier, obwohl er "schneller zu kriegen sei". Viele würden dann lieber warten. Die Diskussion um die Nebenwirkungen wirkt also noch nach. "Jetzt, wo es heißt, alles ist frei, sagen natürlich die Leute auch, dann will ich den anderen haben."

Jeweils bis dienstags mittags müssen die Ärzte ihre Anforderungen nach Impfstoff melden. Am Donnerstag früh erfahren sie, mit wie vielen Dosen für Erstimpfungen sie in den kommenden Woche rechnen dürfen. Diesmal, so Klier, habe es schon am Mittwoch (vor dem Feiertag) geheißen, "ihr bekommt wahrscheinlich nur zwölf. Am Donnerstag früh hat's dann geheißen : Ihr kriegt nix". So komme es, dass Patienten abgesagt werden müsse. "Wir haben ungefähr 300 bis 350 Leute auf der Warteliste", sagte Klier, das sei bei den Kollegen nicht anders.

Neben dem Praxisbetrieb

Man dürfe nicht vergessen, dass bei den Ärzten auch der normale Praxisbetrieb weiter gehe, so Klier. Die Zweitimpfung gehe zwar schneller vonstatten, weil die Unterlagen bereits vorliegen. Trotzdem seien die Kapazitäten beschränkt. "Das Alltagsgeschäft geht ja auch weiter".

"Wir tun unser Möglichstes, 80 bis 100 Impfungen neben dem Praxisbetrieb sind schon eine anständige Zahl", sagt Allgemeinärztin Christiane Heidrich (Schwandorf), ebenfalls im Vorstand des ÄKV. Auch bei ihr kam für diese Woche keine einzige Erst-Dosis Biontech an. Die Nachfrage nach Astra-Zeneca sei überschaubar. Gerade auch Ältere verzichten nach ihren Worten auf Astra, warten auf Biontech. Letzterer fehle dann für die jüngeren Patienten. Deshalb hält Heidrich die Freigabe der Priorisierung für alle Impfstoffe für "etwas schwierig". Die Probleme würden nun den Ärzten zugeschoben.

Meckern hilft nicht

„Ich habe die Hoffnung, dass wir ab Juni mehr Impfstoff bekommen“, sagt Klier, und denkt dabei an den Ferienbeginn im August. „Viele wollen ja doch ein bisschen wegfahren, oder einfach ins Bad, die muss ich dann im Juni impfen, damit die rechtzeitig fertig sind.“ Vom ersten Impftermin bis zum vollständigen Schutz dauert es bei Biontech zwei Monate. Meckern helfe aber nicht weiter, sagt Klier. „Wir müssen den Patienten immer wieder vermitteln, dass sie geduldig sein müssen.“ Sie hofft, dass bis zu den Sommerferien „alle etwas Freiheit bekommen.“ Etwa für den Besuch im Freibad oder am See, das sei gerade für Familien wichtig.

Die Chefin des Ärzteverbands Marburger Bund, Susanne Johna, kritisierte am Montag im Deutschlandfunk die Aufhebung der Impfpriorisierung deutlich: "Wenn ich jetzt gleichzeitig allen Menschen die Vorstellung gebe, sie könnten drankommen, gleichzeitig aber das Gut so knapp ist, dass das gar nicht möglich ist, führt das doch zu Frustration."

Die Ärzte im Landkreis haben dem Impftempo bereits jetzt erheblich Schwung verliehen: Bis einschließlich 11. Mai haben sie über 21600 Impfungen verabreicht, das ist über ein Drittel aller im Kreis verabreichten Impfungen. Zum Stichtag waren knapp 1400 ihrer Patienten schon zweimal geimpft. Daraus lässt sich deutlich sehen, dass noch sehr viele Zweitimpfungen in den Praxen ausstehen.

Impfzentren bleiben bei Priorisierung

Schwandorf

„Man müsste uns einfach genügend Impfstoff geben, dann wäre das alles kein Problem. Aber daran scheitert es momentan.“

Allgemeinärztin Karin Klier, stellvertretende Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Schwandorf.

Hintergrund:

Risikofaktoren weiter beachten

  • Ab Donnerstag, 20. Mai sind in Bayern alle Covid-19-Impfstoffe unabhängig von der Priorisierungsgruppe der zu impfenden Person freigegeben.
  • Das gilt für die Impfung bei Haus- oder Fachärzten. Die Impfzentren folgen weiter der Priorisierung.
  • Mit der Freigabe sei jedoch keine Erhöhung an verfügbaren Impfdosen verbunden, so die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB).
  • Die KVB bittet in einem Schreiben die Ärzte, "weiterhin diejenigen Patienten zu impfen, die den Impfschutz auf Grund der bekannten Risikofaktoren für einen schweren Verlauf am dringendsten benötigen."

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