10.12.2020 - 10:00 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Der Schuldenfalle entkommen

Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, Kauf- und Alkoholsucht sind einige Gründe, warum Menschen ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Johann Most ist Schuldenberater beim ARV und weiß, was dann zu tun ist.

Auch nach der Restschuldbefreiung per Insolvenz ist es oft so, dass die betroffenen Menschen weiterhin Schwierigkeiten haben, mit dem Geld, das ihnen monatlich zur Verfügung steht, umzugehen.
von Christa VoglProfil

Häufig ähneln sich die Anzeichen: Rechnungen, die per Post oder E-Mail kommen, werden ignoriert, landen ungelesen in einer Schublade oder werden geöffnet – und einfach beiseite gelegt. Mit der Zeit sammelt sich ein ganzer Stapel solcher Rechnungen an, dazu kommen Mahnungen, die erste, die zweite, die dritte. Inklusive Mahngebühren, Verzugszinsen und Vollstreckungsandrohung. Die Situation bedroht die Existenz. Was tun in einer solchen Situation? Was tun, wenn Schulden nicht mehr bezahlt werden können? Und wie ist es möglich, der Überschuldung zu entkommen?

Johann Most weiß genau, was in einem solchen Fall zu tun ist. Er ist seit zehn Jahren ehrenamtlich beim ARV (Allgemeiner Rettungsverband Oberpfalz e.V.) in Schwandorf tätig und berät dort Menschen, die sich in einer finanziellen Sackgasse befinden und auf der Suche nach Hilfe zur Schuldner- und Insolvenzberatung kommen.

„Gründe für die finanzielle Notlage gibt es genügend“, sagt Most, der früher jahrelang in der Bankenbranche tätig war: Arbeitslosigkeit, der soziale Abstieg – oft verbunden mit Hartz IV, Krankheiten, Trennung, Scheidung, Unterhaltskosten, Kaufsucht, Alkohol, Geldstrafen, niedrige Löhne.

Doch noch eine weitere und beunruhigende Veränderung konnte der Schuldenberater in den vergangenen Jahren beobachten: Gerade bei jungen Menschen unter 25 Jahren hat eine starke Zunahme der Verschuldung stattgefunden. Verbunden mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber Rechnungen und Mahnungen.

Woran das liegt? „Sie überschätzen sich. Sie haben teure Handys, teure Handyverträge, Raten-Verpflichtungen zum Beispiel für Auto und Wohnungseinrichtung. Heutzutage wird ja alles finanziert.“ Oft seien sich diese jungen Erwachsenen der Tragweite ihrer Zahlungsverpflichtungen nicht bewusst, sie seien sorglos im Umgang mit Geld und Ausgaben. Die Folge: Überschuldung. Und Johann Most weiß aus seiner jahrelangen Erfahrung: „Aus dem Teufelskreis kommen sie von alleine nicht mehr raus.“

Genau in dieser Situation bietet die Schuldner- und Insolvenzberatung ihre Hilfe an. Sie leistet Unterstützung, um den Teufelskreis zu durchbrechen und zeigt, wie der Weg in die Schuldenfreiheit funktionieren kann. „Die Beratung ist kostenfrei, sie kann jeder in Anspruch nehmen. Einfach einen Termin vereinbaren und dann bei mir im Büro vorbeikommen. Natürlich mit den Unterlagen“, erklärt Johann Most die übliche Vorgehensweise. Aber bereits da gebe es große Unterschiede: „Die einen bringen ihre Unterlagen, die Rechnungen und Mahnungen, die Verdienstbescheinigungen und Bescheide gut sortiert und geordnet mit, andere dagegen stopfen alles kunterbunt in eine Plastiktüte und legen diese einfach auf meinen Tisch.“

Dann kommt der nächste Schritt: die Erfassung der bestehenden Schulden und des monatlichen Einkommens. Aus diesem Verhältnis Einnahmen/Ausgaben ergibt sich dann zwangsläufig das weitere Vorgehen. Denn wie Most sagt: „Es muss irgendwie auch zusammenpassen, es muss ja auch verkraftbar sein, einen gewissen Betrag – zum Beispiel 200 Euro pro Monat – abzuzwacken, um die Schulden abzubauen.“

Falls der Betrag „verkraftbar“ ist und der Ratsuchende sein Einverständnis erklärt, verteilt Most diese Summe auf die verschiedenen Gläubiger. Denn meistens sind es bereits mehrere Unternehmen, die auf ihr Geld warten. „Ich schreibe die Gläubiger an, schildere die Situation und frage nach, ob sie mit einer Rückzahlung in Raten-Beträgen einverstanden sind. Und ob sie damit einverstanden sind, auf einen Teilbetrag zu verzichten.“ Größtenteils, so der Finanzexperte, reagieren die Gläubiger positiv auf seinen Vorschlag: „Die sagen in den meisten Fällen: Es ist besser in kleinen Summen zumindest einen Teil des Geldes zu bekommen, als einen Totalverlust hinnehmen zu müssen.“

Falls ein monatlicher Rückzahlungsbetrag für den Schuldner „nicht verkraftbar“ ist, weil die Zahlungsverpflichtungen im Verhältnis zum monatlichen Einkommen zu hoch sind, und dieses unter einem gewissen Niveau liegt, dann wird bei der Beratung üblicherweise die Insolvenz vorgeschlagen. „Ich schreibe einen Brief an die Gläubiger und setze sie von der Zahlungsunfähigkeit des Schuldners in Kenntnis. Ich erstelle den entsprechenden Antrag beim Insolvenzgericht auf Genehmigung der Insolvenz.“

Wird diese genehmigt, so brauchen die fälligen Raten vom Schuldner nicht mehr bezahlt werden. Und zwar so lange eine gewisse Einkommensgrenze nicht überschritten wird. Für Alleinstehende beträgt sie beispielsweise 1178 Euro netto/Monat. Sobald der Schuldner allerdings mit seinem monatlichen Nettoeinkommen über dieser Freibetragsgrenze liegt, ist er verpflichtet, dies zu melden. Dann wird er „zur Kasse gebeten“, wie es Most formuliert. Liegt der Schuldner darunter, so können die Gläubiger nicht bedient werden und nach Ablauf von drei Jahren erfolgt die sogenannte Restschuldbefreiung. Johann Most sagt: „Dann sind die Schulden weg und ein Neustart ist möglich.“

Doch auch nach der Restschuldbefreiung per Insolvenz ist es oft so, dass die betroffenen Menschen weiterhin Schwierigkeiten haben, mit dem Geld, das ihnen monatlich zur Verfügung steht, umzugehen. Der frühere Banker erzählt: „Ich sage zu ihnen: Du kannst genauso gut rechnen wie ich. Das hier ist dein Verdienst, und das da sind deine Ausgaben. Damit musst du zurechtkommen.“ Dann gebe er meistens den Tipp, ein Haushaltsbuch zu führen und darin sorgfältig alle Einnahmen und Ausgaben aufzuschreiben. Denn damit sehe man am besten, wie viel man zum Leben brauchen darf.

Bei manchen helfe die Schuldnerberatung, sie würden seine Ratschläge beherzigen. Bei vielen anderen helfe sie nicht. Frustriert ist der 71-Jährige deswegen keinesfalls. „Es gehört immer die Mitwirkung der Beteiligten dazu. Sie sind erwachsen. Ich kann sie nicht zur Bank begleiten und ständig ein Auge drauf haben, dass sie nicht zu viel Geld abheben und zu viel Geld ausgeben.“

Aus seiner zehnjährigen Erfahrung als Schuldnerberater hat Johann Most natürlich auch ein paar grundsätzliche Tipps für den Umgang mit Geld: „Jeder sollte sich Gedanken machen über seine finanzielle Situation. Notfalls durch eine detaillierte Liste mit Einnahmen und Ausgaben. Außerdem sollten Rechnungen möglichst gleich bezahlt werden. Aber am allerwichtigsten: Auf keinen Fall mehr Geld ausgeben als man hat.“

Der ARV Oberpfalz ist zentral erreichbar unter Telefon 0961/2000. ARV-Schuldnerberatungsstellen gibt es in Schwandorf, Weiden, Tirschenreuth und Erbendorf. Weitere Informationen auf www.arv-opf.de.

„Gründe für finanzielle Notlagen gibt es genügend", weiß ARV-Schuldenberater Johann Most.
Gerade bei jungen Menschen unter 25 Jahren hat eine starke Zunahme der Verschuldung stattgefunden. Verbunden mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber Rechnungen und Mahnungen.

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