27.08.2021 - 10:56 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

Gedenken an KZ-Opfer: Stolperschwelle in Schwarzenfeld geplant

Schwarzenfeld war ein trauriger Schauplatz im Zweiten Weltkrieg: 157 KZ-Gefangene kamen 1945 am Bahnhof während des Todesmarsches bei einem Angriff auf ihren Zug ums Leben. An dieses dunkle Kapitel soll eine Stolperschwelle erinnern.

Der Künstler Gunter Demnig hält am 07. Mai.2016 in Leipzig (Sachsen) gegenüber der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Leipzig Dösen eine sogenannte Stolperschwelle. Eine solche Schwelle könnte auch in Schwarzenfeld an die 157 ermordeten KZ-Häftlinge erinnern.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Es ist eine Herzensangelegenheit der Gemeinde, wie Bürgermeister Peter Neumeier im Gespräch mit Oberpfalz-Medien klar sagt: In Schwarzenfeld soll zum Gedenken an die KZ-Häftlinge, die im Ort getötet worden sind, eine besondere Stelle geschaffen werden. Sichtbar und würdig. Aktuell steht Neumeier in Kontakt mit dem weltweit bekannten Stolperstein-Künstler Gunter Demnig. Eine Stolperschwelle könnte es werden. Es gibt allerdings noch ein paar Hürden.

Verhängnisvolles Bombardement

Die Geschichte jenes Tages ist kompliziert. Am 19. April 1945 um 7 Uhr erreichte ein Zug mit über 100 KZ-Insassen den Ort Schwarzenfeld. Der Zweite Weltkrieg neigte sich in Europa dem Ende zu, die Kapitulation Deutschlands war völlig klar und nur noch eine Frage der Zeit. Soldaten der SS trieben die verbliebenen KZ-Häftlinge in sogenannten Todesmärschen weg von den immer näher rückenden ausländischen Truppen. Einen solchen Marsch gab es auch vom KZ Flossenbürg in Richtung KZ Dachau - und dieser führte durch den kleinen Ort Schwarzenfeld.

Der Zug, in dem die Häftlinge transportiert wurden, musste dort Halt machen - wenige Tage davor war der Bahnhof in Schwandorf durch amerikanische Bomber völlig zerstört worden. Wegen eines Irrtums hielten amerikanische Tiefflieger den Zug für ein Munitionstransport und begannen mit dem Beschuss. Die 200 SS-Soldaten gingen in Deckung und bewachten den Zug - nicht, um die Häftlinge gar zu schützen, sondern um zu verhindern, dass sie die Todesfalle verließen.

Diejenigen, die in ihrer Verzweiflung versuchten zu fliehen, verwundet oder schwach waren, wurden von den SS-Soldaten an Ort und Stelle erschossen. 157 Tote säumten am Ende den Bahnhof, die SS-Männer und die verbliebenden Überlebenden zogen weiter. Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen wurden die Schwarzenfelder gezwungen, innerhalb 48 Stunden die Leichen zu exhumieren und am örtlichen Friedhof zu bestatten - ansonsten würde der kleine Ort völlig zerstört werden. Später wurden die Leichen auf dem Flossenbürger KZ-Friedhof umgebettet.

Gedenkstein am Friedhof

Ein Gedenkstein am Schwarzenfelder Friedhof erinnert bis heute an die 157 Ermordeten an jenem 19. April 1945. Doch "mehrere engagierte Bürgerinnen", wie Peter Neumeier sagt, seien an ihn herangetreten, wünschen sich, dass das Thema auch an den Schulen wieder präsenter werde. Sie hätten die Idee mit den Stolpersteinen ins Rollen gebracht.

Neumeier habe Kontakt aufgenommen zum Stolperstein-Künstler Gunter Demning. "Die ersten Monate war er schwierig zu erreichen - irgendwann habe ich dann nochmal seine Nummer gewählt und ihn prompt am Telefon." Das Gespräch sei gut gewesen, Ideen ausgetauscht worden. Erste Textabstimmungen habe es gegeben. Einig sei man sich geworden, dass es keine 157 Stolpersteine, sondern eine Schwelle werden solle.

Ort der Schwelle noch unklar

Wo diese allerdings angebracht werden soll, ist noch nicht klar. "Der Ort des Geschehens war zwischen dem Bahnhof und einer heutigen Lagerhalle", sagt Neumeier. Ganz zufrieden ist er nicht damit, dass die Schwelle genau dort platziert wird. "Ich glaube, auf dieser Fläche ist es würdiges Gedenken schwierig." Er wolle außerdem, dass die Erinnerung sichtbarer ist.

Wichtig sei ihm, dass die Schulen für das Projekts ins Boot geholt werden. Neumeier glaubt, dass diese Tat von 1945 heute womöglich nicht mehr sonderlich präsent ist im Bewusstsein der Bürger. "Ich denke überhaupt nicht, dass es verdrängt würde - es ist einfach in Vergessenheit geraten." Er erinnert sich an seine eigene Schulzeit, lediglich sein Grundschullehrer hatte den Kindern die Geschichte von damals erzählt.

Auch ein genauer Zeitpunkt, wann die Schwelle kommen könnte, kann Neumeier noch nicht sagen. Künstler Demnig ist viel unterwegs, europaweit. Auch aufgrund der Corona-Pandemie hätten die Schulen bislang noch nicht wirklich eingebunden werden können in das Projekt. "Eine würdige Gedenkstätte wollen wir aber auf jeden Fall", macht Neumeier klar. "Egal, ob es nun eine Schwelle ist oder ein anderes Projekt." Für ein Gespräch mit Oberpfalz-Medien war Demnig bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Der Gefängniswärter Andrea Schivo starb im KZ Flossenbürg - wir erzählen seine Geschichte

Flossenbürg

Auch in Regensburg erinnern Stolpersteine an die Schicksale von NS-Opfern

Regensburg
Auch in Nabburg liegen sogenannte "Stolpersteine", die an ermordete jüdische Mitbürger erinnern sollen. Solche sind ebenfalls in Schwarzenfeld geplant - 140 KZ-Häftlinge kamen dort bei einem Massaker am Bahnhof ums Leben.
Hintergrund:

Das Projekt "Stolpersteine"

  • Jedes Opfer erhält seit 1996 seinen eigenen Stein. Gedacht wird mit diesem Projekt aller verfolgten oder ermordeten Opfer des Nationalsozialismus: Juden; Sinti und Roma; politisch Verfolgten; religiös Verfolgten; Zeugen Jehovas; Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung; Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe verfolgt wurden; als „asozial“ verfolgte Menschen, wie Obdachlose oder Prostituierte; Zwangsarbeiter:innen und Deserteure. "Letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten", heißt es auf der Homepage des Projekts.
  • Das Projekt sei im Juni 2021 auf fast 90.000 verlegte Steine in über 1.800 Kommunen angewachsen. Zudem liegen mittlerweile mehr als 25 Stolperschwellen in Europa und die ersten Remembrence Stones erinnern in Spanien an die Opfer des Franco-Regimes.
  • Besonders wünschenswert sei das Engagement von Schulen beziehungsweise das Einbeziehen von SchülerInnen in die Erarbeitung von Inschriften und die Organisation einer Verlegung.
  • Es wird gebeten, die Angehörigen der Opfer ausfindig zu machen und sie über die bevorstehende Stolperstein-Verlegung zu informieren. "Bitte lassen Sie diesbezüglich keinen Stein unumgedreht, denn erfahrungsgemäß reisen die Familienangehörigen gern zur Verlegung an. Viele empfinden die Stolpersteine als einen wichtigen Teil ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Geschehenen."

 

 

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