29.12.2020 - 15:11 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Der tragische Tod des Andrea Schivo im KZ Flossenbürg

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Den Namen Andrea Schivo kennt hierzulande kein Mensch. 75 Jahre nach seinem Tod im KZ Flossenbürg sollte sich das ändern.

Diese Messingplatte ist der Stolperstein, der Andrea Schivo gewidmet ist. Er befindet sich vor dem Mailänder Gefängnis San Vittore. Es ist weltweit der einzige Stolperstein vor einer Haftanstalt, in der Opfer der Verfolgung in den 1940er Jahren festgehalten wurden.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Der Italiener Andrea Schivo starb am 29. Januar 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg. Er wurde 50 Jahre alt. Sein Vergehen: Als Gefängniswärter in Mailand hatte er inhaftierte Juden heimlich mit Essen versorgt.

Die Geschichte Schivos lag auch in seiner Heimat lange verschüttet. Wie in Deutschland nimmt dort die Debatte über Erinnerungskultur ohne Zeitzeugen Fahrt auf. Im Zuge dessen kam Schivo zu besonderen Ehren, als sich sein Todestag zum 75. Mal jährte. In einer feierlichen Zeremonie wurde ihm heuer am 29. Januar vor seinem früheren Arbeitsplatz, dem Gefängnis San Vittore in Mailand, ein Stolperstein gewidmet. An dem Gedenkakt nahmen hochrangige Vertreter teil, neben zahlreichen Politikern auch die 90-jährige Senatorin Liliana Segre, Italiens bekannteste noch lebende Holocaust-Zeitzeugin.

Es sollte ein Schub sein, einem Opfer von Faschismus und Nationalsozialismus eine posthume Vorbildrolle zuzuweisen, die er mit dem Leben bezahlt hat. Schivo stammte aus Villanova d'Albenga in Ligurien, einem 2000-Seelen-Dorf in den Hügeln unweit der Riviera-Strände von Alassio und Imperia. Der Sohn eines Bauern und Teigwarenhändlers hatte drei Geschwister. Als einziger von ihnen hatte er Aussicht auf eine Art Karriere.

Veteran mit Mitte zwanzig

Der 20-Jährige wurde 1915 im Ersten Weltkrieg an die Isonzo-Front im Nordosten Italiens eingezogen. Dort schoss ihm ein ungarischer Soldat in den Kopf. Das Projektil drang durch ein Nasenloch ein und blieb in der Nasenscheidewand stecken. Ohne Narkose operierte ihm ein Arzt den Fremdkörper in einem Feldlazarett heraus. Seitdem trug Andrea diese Kugel an einer Kette als Talisman um den Hals. Sie sollte ihm vor weiterem Unheil im Leben beschützen.

Zunächst tat sie das ganz gut. Bald nach seiner Verwundung durfte der Gefreite in sein Heimatdorf zurück. Als Ausgleich für Fronteinsatz und Verwundung erhält der Veteran das Angebot, einen Posten mit regelmäßigem Einkommen und Pensionsansprüchen im Staatsdienst anzutreten - als Beamter im Strafvollzug. Kurzum: eine Stellung, die als Volksschulabsolvent aus der Provinz nicht leicht zu ergattern war.

Die Großstadt lockt

Nach ersten Berufsjahren im heimatlichen Ligurien lockte die Großstadt. Mailand, das klang mondän und prestigeträchtig. Ähnliches galt für den neuen Arbeitsplatz, das berüchtigte Zuchthaus San Vittore. Ein Name wie hierzulande Stadelheim oder Stammheim. Das neue Leben gefiel dem Burschen vom Land. Ebenso wie die Mailänderin Giuseppina, die 1935 seine Frau und bald darauf Mutter seiner Tochter Costanza wurde.

Doch die Idylle der Kleinfamilie verfinsterte sich bald. Es herrschte schon wieder Krieg, die Nazis hatten 1943 Oberitalien besetzt. Die Zellen von San Vittore füllten sich. Einen Teil der Anstalt übernahmen die Deutschen, die es auf Partisanen, Kommunisten und Juden abgesehen hatten.

Sie waren im Block 5 untergebracht, einer Art Hochsicherheitstrakt, zu dem wenig italienisches Justizpersonal Zugang hatte. Eine Ausnahme war der zuverlässige Andrea Schivo. Der lernte dort 1944 die Familie des jüdischen Gymnasiallehrers Francesco Cardosi kennen. Großvater, Großmutter, Vater und Mutter warteten auf ihr Schicksal: den Zug nach Auschwitz.

Familie mit Verbrecherstatus

An Straftäter gewohnt, konnte es Andrea schlecht ertragen, eine Familie wie Verbrecher behandeln zu müssen, deren einziges Vergehen darin bestand, einer anderen Religion anzugehören. Vom Dorfpfarrer erzogen und von klein auf ans Teilen gewohnt, erleichterte er mit seiner Giuseppina das Los der Cardosi. Er steckte ihnen Obst, Eier, Kuchen oder Marmelade zu. Zudem fungierte er als Briefträger für geheime Botschaften von und an Verwandte der Gefangenen.

Ende Juni 1944 schmuggelte Andrea einen besonderen Leckerbissen in die Zelle - Hähnchenkeulen, zubereitet von Giuseppina. Bei einer Inspektion fiel ein Knochen dieses Festmahls einem SS-Mann auf. Unter Folter gestand Großvater Cardosi, wer den Juden diese ungewöhnliche Fleischration hat zukommen lassen.

Zwei Monate später, im September 1944, trug der Justizvollzugsbeamte Schivo statt einer Uniform als Verräter eine gestreifte Jacke an einem Ort, den er nie wieder verlassen sollte: Flossenbürg. Spätestens dort muss er auch die Halskette mit der Gewehrkugel abgeben, die ihn vor so einem Schicksal hätte bewahren sollen. Nach Aussagen von Mitgefangenen war Schivo in der Lagerküche eingesetzt. Die Häftlingskartei weist ihn vage als "Hilfsarbeiter" aus. "Das kann sehr vieles bedeuten", sagt Timo Saalmann von der historischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte.

Ein möglicher Hinweis, dass Schivos Gesundheit schon sehr bald beeinträchtigt war, ist seine Unterbringung im Quarantäneblock 23. Er lag nahe am Krematorium. Dorthin kam sein Körper nach dem Tod am 29. Januar im strengen Winter 1945. Als Todesursache gilt der unselige Dreiklang aus Misshandlung, Mangelernährung und Krankheit.

Erinnerungskultur im KZ Flossenbürg im Pandemiejahr 2020

Flossenbürg

Langes Schweigen nach 1945

Über dieser Tragödie lag bis 1998 eine dicke Staubschicht. Dann veröffentlichte das jüdische Dokumentationszentrum in Mailand ein Schreiben der ehemaligen Wärter-Kollegen Schivos aus dem Jahr 1945. Darin verneigen sie sich vor Mut und Hilfsbereitschaft des Ligurers.

Von da an zieht die Sache immer weitere Kreise. Zahlreiche Presseartikel erscheinen, die staatliche Ausbildungsanstalt für Justizvollzugsbeamte wird nach Andrea Schivo benannt. 2007 verleiht der Staat Israel Schivo den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern".

Eine 360-Grad-Führung durch die aktuelle Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Flossenbürg

Im symbolträchtigen 2020 sollte sich eine Art Klammer schließen. Eine Gruppe von Angehörigen und Vertretern seiner Heimatgemeinde Villanova, ergriff die Initiative für den Stolperstein vor San Vittore. Den zweiten Pol dieses Gedenkakts versuchte eine Delegation aus Mailand und Villanova im Frühjahr in Flossenbürg zu installieren. Dort wollte sie eine Gedenktafel auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte anbringen. Die Reisepläne scheiterten virusbedingt. Genauso, wie der Versuch, dies im November nachzuholen. Die Symbolik zum 75. Jahr von Schivos Tod und des Kriegsendes ist den Italienern dennoch wichtig. Also ließen sie die Keramiktafel in einer Messe segnen und schickten sie Anfang Dezember per Post nach Flossenbürg. Damit sie noch in den letzten Tagen des Jahres angeschraubt wird. Und damit diese Tragödie vor lauter Pandemie nicht vergessen bleibt.

Andrea Schivo Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre.
Leiter Jörg Skriebeleit (links) und Timo Saalmann von der historischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg wollen der Gedenktafel für Andrea Schivo einen würdigen Platz geben. Eventuell in der Kapelle "Jesus im Kerker".

Im Konzentrationslager Flossenbürg gab es Zwangsprostituierte

Hintergrund:

Gerechter unter den Völkern

  • Der Titel "Gerechter unter den Völkern" ist eine Ehrenbezeichnung für Nichtjuden, die der Staat Israel seit 1953 verleiht. Geehrt werden Einzelpersonen, die Juden während des Nationalsozialismus geholfen haben, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen.
  • Die Prüfung, wer dafür infrage kommt, übernimmt die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem
  • Die Geehrten erhalten er eine Ehrenurkunde und eine Medaille. Sofern die Person nicht mehr lebt, wird dies den nächsten Verwandten in feierlichem Rahmen in Israel oder im Heimatland vom israelischen Botschafter verliehen.
  • Der Name wird in eine Ehrenmauer im Garten von Yad Vashem gemeißelt. Ferner kann für jeden Geehrten dort ein Baum gepflanzt werden.
  • Bislang wurden über 27000 Menschen aus über 50 Nationen geehrt.
  • Der bekannteste deutsche Gerechte ist Oskar Schindler.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.