17.05.2019 - 16:26 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

Pfeif drauf! Was sich eine Schiedsrichterin alles anhören muss

Bepöbelt, beschimpft, bedroht: Im wöchentlichen Wahnsinn auf den Oberpfälzer Fußballplätzen müssen sich Schiris einiges gefallen lassen. Lisa Manner aus Schwarzenfeld hat trotzdem Spaß. Wir haben sie bei einem Kreisligaspiel begleitet.

Die Schwarzenfelderin Lisa Manner ist seit gut zehn Jahren Schiedsrichterin.
von Julian Trager Kontakt Profil

Der Mann donnert seine Hand gegen die Werbebande, zweimal, dreimal. „Ey, Schiri!“, schreit er. „Schiri!“ Seine Stimme überschlägt sich. „Tussi!“, schreit er, nun eher krächzend. Der Mann, um die 50 Jahre alt, Jeans, Outdoorjacke, greift zur Bierflasche in seiner Gesäßtasche, nimmt einen Schluck. Später wird er einem Spieler zurufen: „Knall ihr eine runter!“ Gemeint ist Lisa Manner, die sich einiges anhören muss auf einem Fußballplatz in Weiden. Die 27-Jährige ist Schiedsrichterin, und pfeift gerade ein Herren-Fußballspiel in der Kreisliga. Kein leichter Job – zumal für eine Frau.

„Am Anfang habe ich die Sprüche mehr an mich rangelassen“, sagt Manner nach dem Spiel im Sportheim. Vor allem die ersten Herrenspiele seien nicht leicht gewesen. Die untersten Ligen, allein, ohne Assistenten. „Jetzt prallt das ab, gerade wenn es von den Zuschauern kommt“, sagt die Schwarzenfelderin (Kreis Schwandorf). „Man entwickelt ein dickes Fell.“ Sie lacht und schiebt nach: „Man schaltet auf Durchzug.“ Das Spiel heute? Hart, aber auch schön. „Hat übelst Spaß gemacht, weil Anspruch drin war, weil sich was gerührt hat. Ein Schmankerl.“

Froh über Ordnungsdienst

Manner pfeift seit gut zehn Jahren, knapp 300 Spiele sind‘s bisher. Nicht alle davon waren Schmankerl. „Klar, bei manchen Spielen war ich schon froh, dass ein Ordnungsdienst mich zur Kabine begleitet hat.“ Einmal trat ein aufgebrachter Kicker nach dem Spiel gegen die Tür der Schiri-Kabine. Ein Schreck, nicht mehr. Tätlich angegriffen sei sie nie geworden. Anders als Kollegen, etwa im mittelfränkischen Adelsdorf. Dort wurde im Mai vergangenen Jahres ein Spiel abgebrochen – weil ein Spieler den Schiedsrichter attackiert hatte. In der Oberpfalz ist die Situation nicht so schlimm, berichtet Bezirksschiedsrichterobmann Andreas Allacher. „Im Vergleich zu Großstädten leben wir in der Oberpfalz trotz einiger Ausreißer fast auf einer Insel der Seligen.“ Und trotzdem: Allacher stellt fest, dass auch auf den Oberpfälzer Fußballplätzen der Respekt vor den Spielleitern schwindet.

Zurück zur Partie in Weiden. Ein Foul vor den Trainerbänken, alles springt auf, schreit. Schiedsrichterin Manner pfeift, läuft zum Tatort, beugt sich zum gefoulten Spieler. Richtet sich wieder auf, holt den Übeltäter zu sich. Nickt, die Handflächen dämpfend nach unten gehalten. Soll bedeuten: „Runterkommen. Locker bleiben.“ Die Situation beruhigt sich. Nur einer meckert weiter: Der Mann in der Outdoorjacke. „Ist ja eine Frau, die lachen‘s doch aus“, ruft er und nippt am Bier. „Dumme Kuh!“ Rechts neben ihm steht ein kleiner Junge, links zwei Mädels.

"Geh heim in die Küche"

Frauenfeindliche und sexistische Sprüche hört Lisa Manner immer wieder. Das Schlimmste: „Du musst doch mit deinem Obmann vögeln, damit du hier pfeifen darfst“, erzählt die 27-Jährige. Und lacht, nimmt sie nicht ernst. „Geh heim in die Küche“, sei eher der Klassiker. Die Sprüche kämen hauptsächlich von älteren Zuschauern. „Das ist Neuland für die“, sagt Manner. Die Spieler seien relativ brav. „Die akzeptieren das.“ Trotzdem würden immer noch zu wenig Frauen pfeifen. In der Oberpfalz gebe es nur eine handvoll Schiedsrichterinnen, sagt die Schwarzenfelderin. Von denen pfeift sie am höchsten, Bezirksliga bei den Herren, Regionalliga bei den Frauen.

Aber egal welche Liga, Fußball ist ein einfaches Spiel, heißt es: 22 Spieler jagen 90 Minuten einem Ball nach – und jeder von ihnen weiß es besser als der Schiri. Genau wie die Zuschauer. „Nur für uns gibt‘s Gelb“, jammert der Mann in der Outdoorjacke in Weiden. 50 Meter weiter rechts schreit ein anderer Mann, offenbar fürs andere Team: „Immer Gelb, bei uns gibt‘s immer Gelb!“ Es scheint, als schauen die zwei Männer verschiedene Spiele. Nur in einem Punkt sind sie sich einig: Die Schiedsrichterin ist blöd. Eigentlich kann sie es niemandem Recht machen, egal wie sie pfeift. Warum tut sie sich das also an?

"Hilft bei der Bewerbung"

Lisa Manner muss nicht lange überlegen. Schiri-Sein sei anspruchsvoll, aus sportlicher und psychologischer Sicht. Es gibt Geld, wenn auch nicht allzu viel. Und: Man kommt als Schiedsrichter überall in Deutschland kostenlos ins Stadion, egal ob Champions-League oder Kreisliga. Dazu die Kameradschaft in der Schiri-Gruppe. „Das ist wie ein Verein, eine Freundesclique“, sagt Manner, die früher selbst Fußball gespielt hat und sich 2008 auch mal die „andere Seite“ anschauen wollte. 17 Jahre alt war sie damals. Seitdem habe sich viel getan. Mehr Persönlichkeit, mehr Selbstbewusstsein, alles durchs Pfeifen. „Auch bei der Bewerbung hat es geholfen. Durchsetzungsvermögen, Entscheidungsfähigkeit – das macht sich auch im Lebenslauf nicht schlecht.“ Manner wünscht sich, dass sich mehr Menschen fürs Schiedsrichterwesen begeistern. Denn auch in der Oberpfalz gibt es zu wenige Spielleiter. „Im ‚Mittelalter‘ fehlt eine ganze Schiedsrichtergeneration“, sagt Schiri-Obmann Allacher. „Und die Routiniers, die bislang die Masse der Spiele an der Basis weggepfiffen haben, kommen in ein Alter, in dem sie nicht mehr bereit oder körperlich in der Lage sind, zwei oder drei Spiele am Wochenende zu übernehmen.“ Irgendwann könnte es dann kritisch werden mit dem Spielbetrieb. Ohne Schiris keine Spiele.

Im Sportheim ist es mittlerweile ruhiger geworden. Die ersten Spieler verlassen den Raum. Aber keiner geht, ohne sich beim Schiedsrichterteam zu verabschieden. Die meisten klopfen auf den Tisch, sagen „Servus“. Einer gibt Lisa Manner die Hand, bleibt kurz stehen, entschuldigt sich für sein Verhalten auf dem Rasen und sagt lächelnd: „Bis zum nächsten Mal.“

Schiedsrichter-Mangel in der Region

Weiden in der Oberpfalz
Immer den Ball im Blick: Lisa Manner ist gerne Schiedsrichterin.
Mittendrin statt nur dabei.
Dieser Hinweis hängt überall, wo in der Nähe ein Fußballplatz liegt. Nur meistens bringt er überhaupt nichts.
Nachbesprechung in der Schiri-Kabine.
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