28.08.2018 - 14:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Schiris pfeifen aus dem letzten Loch

1000 Euro Geldstrafe und sechs Punkte Abzug für Vereine, die keine Schiedsrichter stellen? Während sich in der Bundesliga derzeit am Videobeweis die Geister scheiden, plagen die Unparteiischen an der Basis Existenzsorgen.

Der Weidener Schiri-Boss Willi Hirsch (links) ist ein Freund klarer Ansprachen an die Spieler. In den A- und B-Klassen der Region fehlt immer öfter ein Unparteiischer. Hirsch sieht die Vereine in der Pflicht.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

(fle) Egal, ob in Fußball-Talkshows oder am Stammtisch im Dorfwirtshaus: Am Thema Videobeweis kam niemand nach dem Auftakt in die neue Bundesliga-Spielzeit vorbei. An der Basis sind die Freizeit-Kicker aktuell aber weit von "Video-Assistant-Referee" oder "Review-Area" entfernt. In den A- und B-Klassen der Region kommt es immer häufiger vor, dass gar kein Schiedsrichter mehr eingeteilt werden kann. Den Unparteiischen fehlt es an Nachwuchs. Die Einteiler der Schiedsrichter-Gruppen Schwandorf (Florian Fleischmann), Weiden (Willi Hirsch) und Marktredwitz (Wolfgang Klose) erläutern den Status quo in ihrem Zuständigkeitsbereich und welche Maßnahmen sie gegen den Schiedsrichter-Mangel ergreifen. Dazu blickt das Trio in die Glaskugel, wie sich das Schiedsrichter-Wesen zukünftig darstellt - sofern sich der aktuelle Trend fortsetzt.

Fußballkreis Schwandorf/Cham

Laut Florian Fleischmann, Chef-Einteiler im Teilkreis Schwandorf, sind in den Kreis- und A-Klassen alle Spiele zumeist mit einem Schiedsrichter besetzt. "Anders sieht es in den B-Klassen aus, da finden sechs bis acht Spiele pro Wochenende ohne Unparteiischen statt", sagt der ehemalige Regionalliga-Schiedsrichter, der aktuell selbst noch in der Bayernliga aktiv ist. Pro Spieltag (Freitag bis Sonntag) stünden ihm 60 bis 80 aktive Schiedsrichter zur Verfügung. "Sind es 80, besetzen wir alle Spiele ‚auf dem Zahnfleisch‘. Sind es weniger, wird in den Kreisligen auf die Assistenten verzichtet oder es trifft die untersten B-Klassen, die ganz ohne Spielleitung auskommen müssen." Zumeist sind aktive Schiris mehrmals am Wochenende im Einsatz, zum Teil sogar zwei Mal am Tag. Dankbar ist Fleischmann dem Nachbar-Spielkreis Amberg. Dessen Boss Thomas Gebele nimmt dem Kollegen, falls möglich, immer mal wieder ein bis zwei Spiele am Wochenende ab und besetzt sie mit "seinen" Leuten.

Tritt der "worst case" ein, benachrichtigt Fleischmann die betroffenen Vereine über das BFV-Postfach-System, dass kein Referee eingeteilt wird. "Dann ist der Heimverein dafür verantwortlich, dass ein ehemaliger Schiri, der zum Beispiel später sowieso die ‚Erste‘ anschauen will, vorher die ‚Zweite‘ pfeift. Oder ein Betreuer leitet die Partie. Jeder kennt die Regeln und bislang ist es noch nie zu Problemen gekommen. Den Vereinen ist die Thematik durchaus bewusst." Um dem Schiedsrichtermangel Herr zu werden plant der Fußballkreis Schwandorf/Cham Ein-Tages-Crashkurse für Vereinsschiedsrichter, die im Fall der Fälle einspringen und "wenigstens ein bisschen Ahnung haben". "Vielleicht bleibt über diesen Weg der ein oder andere bei der Pfeiferei hängen", hofft Fleischmann, der bei aller Diskussion um den Videobeweis mahnt: "Der Amateurfußball darf nicht vergessen werden."

Fußballkreis Hof/Wunsiedel/Tirschenreuth

Im Gegensatz zu den benachbarten Kreisen existieren im Fußballkreis Hof-Wunsiedel-Tirschenreuth (noch) keine B-Klassen. Deshalb trifft es, laut Wolfgang Klose (als Chef-Einteiler für den Teilbereich Stiftland verantwortlich), hier bereits die A-Klassen. "Wir befinden uns aktuell wieder in einer ganz heiklen Phase. Wie für die Spieler ist der Fußball auch für die Schiedsrichter ein Hobby. Viele sind im Urlaub oder wollen Zeit mit Familie und Kindern verbringen. Da kann nicht mehr jedes A-Klassen-Spiel mit einem Unparteiischen besetzt werden", sagt Klose, der selbst Woche für Woche aktiv an der Pfeife ist. Am vergangenen Wochenende betraf es die Begegnung SG Steinmühle/Wiesau II - TSV Neualbenreuth II in der A-Klasse Stiftland. "Dort ist Schiedsrichter Thorsten Fischer, der vorher die Kreisliga-Begegnung gepfiffen hat, länger geblieben, und hat auch noch das Spiel der Reserve übernommen."

Klose benötigt pro Wochenende zwischen 50 und 55 Schiedsrichter, um alle Spiele besetzen zu können. Erreicht er diese Zahl aus 75 Aktiven in der Haupturlaubszeit, an Ostern oder am Muttertag nicht, hat er eine klare Prämisse. "Dann trifft es zuerst die Vereine, die selbst keinen oder nur wenige Schiedsrichter stellen. Das hat etwas mit Fairness zu tun." Kloses Appell richtet sich an die Vereine, die unbedingt mehr Schiedsrichter stellen müssen. Derzeit zahlen Vereine, die ihr Schiedsrichter-Soll (pro gemeldeter Vereinsmannschaft ein Schiedsrichter) nicht erfüllen, in den ersten beiden Jahren 120 Euro je fehlendem Referee Strafe, ab dem dritten Jahr 180 Euro und ab dem fünften Jahr 240 Euro. "In Hessen haben sie die Strafen drastisch verschärft: Pro fehlendem Schiedsrichter müssen die Vereine dort 1000 Euro hinlegen und die erste Mannschaft erhält einen Abzug von sechs Punkten. Das zeigte Wirkung", nennt Klose eine mögliche Neuerung. Er fügt aber im selben Atemzug an: "Ich werde das mit Sicherheit nicht ändern. Da müssen andere ran."

Fußballkreis Amberg/Weiden

Noch ist Weidens oberster Schiri-Boss Willi Hirsch in der Lage, alle Spiele bis hinab in die B-Klasse mit Schiedsrichtern zu besetzen. "Die Betonung liegt hier aber eindeutig auf noch. Uns fehlt einfach der Zuwachs und es wird von Jahr zu Jahr schlechter", klagt der erfahrene Referee, der selbst mehrmals pro Woche pfeift. Im vergangenen Jahr betraf es lediglich ein Spiel in der B-Klasse, das unbesetzt bleiben musste. "In diesem Fall könnte etwa ein als neutraler Zuschauer anwesender Unparteiischer aus einem anderen Kreis einspringen. Wichtig ist nur, dass sich die Vereine einigen und die Spielführer unterschreiben."

Der Zuspruch bei den jährlich angebotenen Neulingskursen sei stets rückläufig. "Früher hatten wir noch 25 neue Schiedsrichter pro Jahr. Aktuell sind es kaum mehr als zwölf." Eine Abkehr von den Schiedsrichter-Gespannen in der Kreisliga kommt für Hirsch überhaupt nicht in Frage. "Gerade für unsere Neulinge sind die Einsätze an der Linie eines Kreisliga-Spiels eine wertvolle Erfahrung, die sie auf künftige, höhere Aufgaben vorbereiten soll. A- und B-Klassen-Spiele sind nichts für unsere Nachwuchsleute." Dort kämen stattdessen die erfahrensten Schiedsrichter zum Einsatz. "Wenn aber diese Kameraden, die sich das aktuell trotz ihrer 70 oder 75 Jahre noch Woche für Woche antun, aufhören, können wir Spiele in der B-Klasse nicht mehr besetzen. Die Vereine sind jetzt gefordert, für Nachwuchs zu sorgen."

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