26.11.2019 - 09:13 Uhr
Schwend/BirglandOberpfalz

"Bavarian Pickers": Tino Ertel und Thomas Turnwald restaurieren verrottende Autos

In der Szene sind sie als "Bavarian Pickers" bekannt. Jetzt interessiert sich auf einmal ein deutschlandweites Publikum für Tino Ertel aus Neuöd und Thomas Turnwald aus Reicheltshofen.

Bergung des Busses, Baujahr 1951, mit einem Spezialraupenfahrzeug
von Norbert WeisProfil

Im Porschemuseum in Stuttgart wurden die beiden als "Personen des Jahres 2019" ausgezeichnet. In der Kategorie "Personen des Jahres 2019" hatten die beiden von den Lesern der Fachzeitschrift Auto-Bild Klassik die meisten Stimmen bekommen. Wörtlich übersetzt sind "Pickers" Leute, die in etwas herumstochern. Für Ertel und Turnwald ist das Herumstochern in den vergangen Jahren zur Sucht geworden. "Unsere größte Passion sind Bergungen von verwilderten, teils vergrabenen oder vergessenen Oldtimern in Scheunen, Garagen und speziell auch in der freien Natur. Wir sind immer wieder erstaunt, was allein in Deutschland noch so alles in den Wäldern zu finden ist," betont Ertel.

Seit sie als "Bavarian Pickers" unterwegs sind, haben sie spektakuläre Entdeckungen und Bergungen erlebt. "Die meisten Bergungen waren bisher schwierig und aufwendig, da die Fahrzeuge häufig versteckt und schwer zugänglich waren," machten die Pickers deutlich. Der Fokus der beiden liegt darauf, das jeweilige Objekt so behutsam wie möglich zu bergen, da es über die Jahre hinweg instabil geworden ist. Im Laufe der Zeit haben sie gute Techniken entwickelt, um die Oldtimer sicher zu retten.

Tino Ertel (rechts) und Thomas Turnwald (links) mit der 1.Bürgermeisterin der Gemeinde Birgland Brigitte Bachmann auf dem Lagerplatz des Maulwerks in Schwend zwischen viel altem Blech.

Tino Ertel war schon als Kind besonders gern auf Schuttplätzen und beim Sperrmüll unterwegs. Thomas Turnwald ist, nach seinen Angaben, seit über 25 Jahren dem alten Blech verfallen. Kennengelernt haben sich die beiden im Jahr 2014. Seitdem sind sie gemeinsam in der Freizeit unterwegs, immer auf der Suche nach besonderen Raritäten. Oft werde ihnen die Frage gestellt, warum sie das machen. Ihre Antwort lautet: "Hauptsächlich aus purem Idealismus und einer Art von Sucht, die uns nicht ruhen lässt." Die beiden möchten versuchen, so viele Fahrzeuge wie möglich vor dem Zerfall zu bewahren. "Die Freude darüber, das Erstaunen und das Glänzen in den Augen der Betrachter zu sehen", ist für beide Lohn genug für ihre Mühen.

Bergung eines weiteren Fahrzeugs aus einem Waldstück, mit Hilfe eines Krans

Nicht nur Oldtimer haben für sie ihren Reiz, sondern gerade die vergessenen, stummen Zeitzeugen, die irgendwo draußen vor sich hin rotten. Für Ertel und Turnwald ist es eine Art von Schatzsuche. Neben der Bergung reizt sie auch die Verwertung alter Teile, das Restaurieren und natürlich der Handel mit den entstandenen Objekten. Inzwischen sind die beiden mit ihrem speziellen Hobby in der Szene gut bekannt. Ganz wichtig ist es ihnen, Tipps über mögliche Vehikel aus der Bevölkerung zu bekommen. Zentraler Anlaufpunkt der inzwischen zahlreichen Fans ist das Maulwerk in Schwend (Gemeinde Birgland). Ursprünglich war es das Autohaus Maul mit einer Shell-Tankstelle. 2012 kaufte es Tino Ertel mit seinem Onkel Ernst, baute es um und nahm Renovierungsarbeiten vor. Hauptberuflich betreibt Tino dort die Firma Birgland-Classics. Bei dem Bauprojekt gelang es ihm, den Charme des alten Gebäudes zu erhalten. Vor allem an den Wochenenden steuern viele Oldtimerfreunde mit ihren besonderen Fahrzeugen das Maulwerk an. Besonderer Anziehungspunkt ist dabei das Café. Es strahlt das Flair der 1950er-Jahre aus. Bei schönem Wetter sind auch die Plätze im Freien sehr gefragt. Im Maulwerk befinden sich auf zwei Etagen Stellplätze für 40 Klassikfahrzeuge.

Begeistert ist Bürgermeisterin Brigitte Bachmann von dem, was aus dem lange leerstehenden Autohaus geworden ist. Sie lobt den Unternehmergeist von Tino Ertel. Das Maulwerk sei ein Juwel für die Gemeinde Birgland. "Ohne diesen Unternehmergeist", sagt Bachmann, "wären vielleicht viele nicht zu uns gekommen. Als Fremdenverkehrsgemeinde freuen wir uns über diese Einrichtung besonders."

Homepage des Maulwerks in Schwend

In einer aufwendigen Aktion haben Ertel und Turnwald im Jahr 2018 im südlichen Landkreis Amberg-Sulzbach einen Mercedes-Benz Omnibus des Baujahres 1951 geborgen. Die "Bavrian-Pickers" hatten das Gefährt entdeckt und die Bergung organisiert. Der Bus mit einer Länge von 8,50 Metern war in einem schwer zugänglichen Waldstück verborgen. Unterstützung bekamen die beiden von einer Spezialfirma, die Raupenfahrzeuge verleiht. Sie entwickelten ein leichtes, aber stabiles Hubgerüst, mit dem der Bus aus der Grube herausgehoben wurde. Die ferngesteuerte Transportrampe brachten die Einsatzkräfte unter das Fahrgestell. Fest verzurrt fuhren sie es aus dem Waldstück.

Schließlich erfolgte der endgültige Abtransport des fünf Tonnen schweren Oldtimers durch einen Tieflader. Die gesamte Aktion ging innerhalb von zwei Tagen über die Bühne. Das geborgene Objekt war ursprünglich als Linienbus in der Oberpfalz im Einsatz. Nachdem er nicht mehr gebraucht wurde, erwarb ihn ein Lehrer aus Mendorferbuch, der auch Bienenzüchter war. Er brachte das Fahrzeug tief in den Wald und nutzte es als Schutzraum für die Bienenstöcke.

Onetz-Bericht zur Eröffnung des Maulwerks im April 2014

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.