12.08.2019 - 18:22 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

Die Flucht einer Familie aus der DDR nach Speichersdorf

Die Flucht einer DDR-Familie mit dem Hubschrauber in den Westen liegt fast 40 Jahre zurück. Dreh -und Angelpunkt des Krimis war Speichersdorf. Ein lebensgefährliches Unterfangen.

Der feuerrote Jet-Ranger startete am 4. April 1980 vom Flugplatz Speichersdorf Richtung Eger, um dort DDR-Bürger zu holen.
von Externer BeitragProfil

Karfreitag, 4. April 1980, ein kalter und regnerischer Tag. Die Fluchthilfeaktion mit dem Hubschrauber von Speichersdorf (Kreis Bayreuth) aus läuft streng geheim. Viele Jahre lang schweigt Hans Bauer (74) in der Öffentlichkeit darüber, doch nun erzählt er erstmals. Das Bayerische Fernsehen drehte jetzt einen Film über spektakuläre Fluchtfälle aus der DDR, darunter auch auf dem Flugplatz Speichersdorf. Der Streifen wird am 4. November um 21 Uhr gesendet, erläutert Regisseurin Julia Zantl. "Es ist toll, Beteiligte zu finden, die sich bisher nicht so in den Mittelpunkt gestellt haben", freut sich Zantl.

"Stille Helden"

Mit diesen "stillen Helden" meint sie Hans Vogtmann (76) aus Creußen, der die Flucht organisiert hatte, sowie die damalige vierköpfige Ost-Berliner Familie Bauer, die im April 1980 aus der Tschechoslowakei herausgeholt wurde. Vogtmann und Hans Bauer kannten sich von internationalen Flugveranstaltungen. Bauer, ein studierter Mathematiker, war in den 1970er Jahren Mitglied der DDR-Nationalmannschaft für Kunstflug. Auch der mehrfache Europa- und Weltmeister im Kunstflug, Manfred Strößenreuther aus Speichersdorf, gehörte zu diesem Kreis. Er kam bei einem Flugzeugabsturz im März 1986 ums Leben.

Bauer arbeitete in der Zentralverwaltung für Statistik der DDR und konnte durch seine Aufenthalte im "kapitalistischen Ausland" beurteilen, dass die Verhältnisse in der DDR nicht so waren, wie von offizieller Seite dargestellt. Seine Zweifel wuchsen, er galt als "politisch unzuverlässig". 1978 sprach er in Budweis mit Strößenreuther über eine mögliche Flucht. "Es gibt nur einen, der das organisieren kann: Hans Vogtmann,", lautet der unmissverständliche Ratschlag. Vogtmann, ein unerschrockener Hobby-Pilot, heuerte den US-Piloten Jim Hill an.

Und eben an jenem Karfreitag flog Hill mit dem US-Kunstflieger Chipper Melton auf dem Co-Piloten-Sitz knapp unter der Wolkendecke illegal über die Grenze, um die Bauers auf einer Wiese nahe Cheb aufzunehmen. "Der Hubschrauber schoss aus 500 Metern Höhe direkt auf uns zu, landete vor unseren Füßen. Wir sind hektisch reingekrabbelt, dann ist der Hubschrauber zurück in den Westen", erinnert sich Bauer. Mit an Bord waren seine Ehefrau Ruth und die beiden Töchter Kathrin (13) und Antje (11). Die Flucht kostete 45 000 Mark, die Vogtmann mit vorfinanzierte.

"Durch den Film kommt vieles wieder", blickt Bauer heute zurück. Die Frage, ob er die riskante Flucht nochmals unternehmen würde, kann er nicht beantworten. "Das war lebensgefährlich", hat er nicht vergessen. Das Areal nahe Eger (Cheb) fanden Bauer und Vogtmann für die Dreharbeiten ohne Probleme. Auch Ehefrau Ruth und Tochter Antje Bauer waren bei den Filmarbeiten dabei. Als sie damals mit der Familie nahe Eger durch den Wald zum Landeplatz streifte, habe sie sich schon etwas gewundert, berichtet Antje Bauer. Doch Angst habe sie nicht gehabt.

Hans Vogtmann (links) und Hans Bauer auf dem Flugplatz Speichersdorf.

Eine Harke für die DDR

Ihre Mutter erinnert sich an die Ungeduld der Töchter, die von der Flucht nichts wussten. Man habe das Auto in der Nähe abgestellt, sei dann zu Fuß zum Landeplatz gelaufen. "In diesem Moment habe ich mir keine weiteren Gedanken gemacht", sagt Ruth Bauer. Man habe Vogtmann vertraut, "doch Angst war immer da". "Es sind wieder Erinnerungen aufgekommen", kommentiert Vogtmann. Er habe das damals aus Idealismus organisiert und wollte der DDR zeigen, "was eine Harke ist." Später, im Mai 1983, hat er ein junges DDR-Paar von Asch aus mit dem Hubschrauber nach Speichersdorf fliegen lassen. Dann war Schluss mit Fluchthilfe.

Was bleibt? Bauer hat eine Stasiakte mit 4600 Seiten, die er nach der Wende einsehen konnte, Vogtmann eine von 1800 Seiten. Die Stasi bezeichnete den Flugplatz Speichersdorf als "Feindstützpunkt" und Vogtmann als einen gefährlichen "Geheimdienstmann". Er landete sogar im Fahndungscomputer des russischen Geheimdienstes KGB. Heute kann Vogtmann darüber schmunzeln.

Antje (links) und Ruth Bauer.
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