11.11.2020 - 14:54 Uhr
SpeichersdorfOberpfalz

Vergangenheit darf nicht geleugnet werden

Die Corona-Pandemie lässt in der Gemeinde Speichersdorf keine Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag in der gewohnten Form zu. Sie werden zwar nicht abgesagt, jedoch drastisch reduziert. Hohen Stellenwert hat das Gedenken in Haidenaab.

„Keine Gedenkfeier zu halten ist angesichts der existentiellen Welt-Dimension für mich ein No-go“, meint Vorsitzender Roland Veigl (Zweiter von rechts), wenngleich sie sich 2020 coronabedingt anders gestaltet.
von Autor HAIProfil

Mit 85 Mitgliedern zählt die Krieger- und Soldatenkameradschaft Haidenaab-Göppmannsbühl zu den stärksten im Kreisverband. 2019 feierte sie 120-jähriges Bestehen, 2021 veröffentlicht sie ihr zweites Buch über die Gefallen des Zweiten Weltkriegs. Oberpfalz-Medien-Mitarbeiter Wolfgang Hübner sprach mit Vorsitzendem Roland Veigl über das Gedenken am Volkstrauertag unter Coronavorzeichen

ONETZ: Corona hat ja das Vereinsleben der Kameradschaften hart getroffen.

Roland Veigl: In der Tat: Bereits im Frühjahr kam das Vereinsleben nahezu vollständig zum Erliegen. Einmal mehr müssen wir auch jetzt alle Mitglieder des Soldaten- und Kriegervereins sowie die Bevölkerung von Haidenaab-Göppmannsbühl, Beerhof, Lettenhof und Tauritzmühle um Verständnis bitten, dass in einer durch Covid-19 besonderen Situation unserem Vereinen Besonderes abverlangt wird. Wir unternehmen alle Anstrengungen, damit unser Vereinsleben und das kulturelle Leben nach der Zwangspause wieder zu neuem Leben erwacht.

ONETZ: Wie tangiert Corona den Volkstrauertag?

Roland Veigl: Trotz der Corona-Pandemie und der geltenden Einschränkungen ist es uns wichtig, den Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie der Opfer der Auslandseinsätze der Bundeswehr und der Opfer von Terror und Gewalt ein gebührendes Andenken zu bewahren. Aufgrund der neuen Pandemie-Maßnahmen vom 2. November darf die feierliche Andacht am Kriegerdenkmal nicht begangen werden. Denn die Andacht fällt unter die Rubrik „Kulturelle Veranstaltung“, sie ist damit genehmigungspflichtig und bedarf somit einer Antragsstellung an das zuständige Landratsamt Bayreuth. Entsprechende Anträge bezüglich des Volkstrauertages werden vom Landratsamt leider nicht genehmigt.

ONETZ: Man könnte doch ganz verzichten – die Resonanz in der Bevölkerung ist doch eh geschwunden.

Roland Veigl: Es stimmt mich sehr traurig, dass die Bereitschaft, sich aktiv an weltlichen, aber auch an kirchlichen Festen im Allgemeinen und am Volkstrauertag im Besonderen zu beteiligen, zunehmend schwindet. Doch der Volkstrauertag ist viel mehr als nur der Tag, an dem Menschen erinnernd und trauernd zurückblicken. Es ist der Tag, der daran erinnert, dass Frieden alles andere als selbstverständlich ist. Das Wissen um die Geschichte und die Einbeziehung der aktuellen Geschehnisse verpflichtet, die Stimme zu erheben gegen die Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts in allen Teilen dieser Welt.

ONETZ: Ist der Volkstrauertag ein Leuchtturm für eine friedliche Zukunft?

Roland Veigl: Die Vergangenheit mit ihren geschichtlichen Fakten und dem Verhalten der Menschen in dieser Zeit können und dürfen nicht geändert oder geleugnet werden. Sie sind Teil unserer persönlichen, nationalen und internationalen Geschichte und damit unveränderbar. Doch die Gegenwart und das gegenwärtige Handeln können wir selbst gestalten und beeinflussen. Sie ist die Basis für eine friedliche Zukunft.

ONETZ: Wird deshalb nicht auf eine Gedenkfeier verzichtet?

Roland Veigl: Keine Gedenkfeier zu halten ist angesichts der existenziellen Welt-Dimension für mich ein No-go. Um ihr an diesem besonderen Tag wegen Corona trotzdem einen würdigen Rahmen geben zu können, haben wir uns entschieden, die Gedenkfeier im Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Ursula und anschließend am Kriegerdenkmal wenigstens in einer Minimalversion zu begehen. Um 10 Uhr wird Pfarrer Reinhard Forster mit uns heilige Messe feiern. Schweren Herzens müssen wir dieses Mal auf die musikalische Gestaltung mit der Schubert-Messe durch die Speichersdorfer Musikanten verzichten. Auch sind in der Kirche nur 29 Personen maximal zugelassen. Aufgrund der begrenzten Kirchenbesucherzahl dürfen folglich nur drei Kameraden unserer Soldatenkameradschaft und der Feuerwehr sowie deren Fahnenträger anwesend sein.

ONETZ: Eine Gedenkfeier aber mit einer besonderen symbolischen Tiefe?

Roland Veigl: Ich denke ja! Herzstück des Gedenkens wird das Zweifache Herz sein. Sie sind geflochten aus Trockengehölzen, verziert mit weißen und roten Rosen und versehen mit jeweils einem Grablicht, die wiederum das Licht der Osterkerze und damit die Auferstehung symbolisieren. Die Herzen und Lichter sollen Mahnung sein für die verlorenen Herzen in den Schrecken der beiden Weltkriege, der Opfer von Terror und Gewalt. Um ein Vielfaches mehr sollen sie aber Zeichen der Hoffnung auf ein liebendes Miteinander und damit auf Frieden und Freiheit sein.
Die Herzen werden zunächst in der Messe vor dem Altar ihren Platz finden. Angesichts dieses Symbols wird es mir eine Ehre sein, stellvertretend für unsere 85 Mitglieder das Totengedenken sprechen zu dürfen. Ein Vertreter der Gemeinde wird ebenfalls das Wort ergreifen. Von den Speichersdorfer Musikanten wird Amadeus Hübner auf seiner Trompete das Lied „Ich hatt´ einen Kameraden“ anstimmen. Die bislang übliche Gedenkfeier im Anschluss am Mahnmal mit Ansprachen entfällt. Ohne Publikum werde ich mich mit meinen Stellvertretern zum Mahnmal begeben, dort die Herzen niederlegen und einige Zeit im stillen Gedenken verweilen.

Josef Pöllath ist einer der Soldaten, denen die Haidenaaber besonders gedenken

Haidenaab bei Speichersdorf

ONETZ: Viele können auch nicht teilnehmen, weil sie zur Risikogruppe gehören.

Roland Veigl: Das ist völlig in Ordnung. Allen gilt mein innigster Wunsch: Bleibt‘s gesund! Ich bitte jedoch alle, die am Volkstrauertag nicht teilnehmen können beziehungsweise dürfen, in Stille unserer gefallen und vermissten Soldaten sowie unserer verstorbenen Kameraden zu gedenken.

Hintergrund:

Ramlesreuth gedenkt eine Woche später

Sieben Mahnmale gibt es in der Großgemeinde Speichersdorf, die an die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs erinnern. In Wirbenz gibt es zusätzlich eine dritte Mahntafel zum Gedenken an die Opfer des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71. Die Pflege des Kriegerdenkmals sowie das Gedenken und die Mahnung gehört zu den Kernaufgaben der jeweiligen Soldatenkameradschaft.

  • In Kirchenlaibach, Windischenlaibach und Speichersdorf sind das die Soldaten- und Kameradschaftsvereine, in Haidenaab und Ramlesreuth die Krieger- und Soldatenkameradschaften sowie außerdem in Wirbenz die Soldaten- und Kriegerkameradschaft. In Frankenberg kümmert sich die Feuerwehr um die Pflege.
  • Während die Gedenkfeiern üblicherweise am Volkstrauertag stattfinden,ist die in Ramlesreuth traditionell eine Woche später am Totensonntag.
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