30.09.2021 - 16:06 Uhr
SpeinshartOberpfalz

Seit 875 Jahren wirken die "weißen Chorherren" in Speinshart

Sie sind keine Mönche, sondern geweihte Priester mit Ordensgelübte. Der Prämonstratenser-Orden feiert in diesem Jahr 900-jähriges Gründungsjubiläum. Fast ebenso lange gibt es die Chorherren in Speinshart.

Zur 900-jährigen Geschichte des Prämonstratenser-Ordens gehört auch die wechselvolle Geschichte der Prämonstratenser-Abtei Speinshart.
von Robert DotzauerProfil

Alles begann mit den Wanderpredigten des heiligen Norbert von Xanten. 1115 wandte sich der kaiserliche Hofgeistliche vom Luxus des hohen Klerus ab und einem Leben in Demut und Bescheidenheit zu. Schon 1120 erlaubte der Bischof von Laon die Gründung eines Klosters im französischen Prémontré, wo Weihnachten 1121 der Prämonstratenser-Orden gegründet wurde. Wie die Zisterzienser gehörten die Prämonstratenser zu den überaus erfolgreichen Reform-Orden des hohen Mittelalters, welche die Geschichte und die Landschaft vieler Regionen und Orte nachhaltig prägten. So auch in Speinshart.

Stiftung durch die Grafen Reifenberg

Man schrieb das Jahr 1145, als es zur Gründung des Klosters in Speinshart kam. Über den genauen Vorgang der Gründung gibt es keine Urkunden. Eine erste Niederschrift findet sich im Jahr 1163, als Kaiser Barbarossa das Kloster unter seinen Schutz nahm. In diesem Dokument wird auch Adelvolk von Reifenberg namentlich als Stifter erwähnt und die Besiedelung des Klosters durch die Chorherren des Stiftes Wilten genannt. Eine erste päpstliche Urkunde existiert aus dem Jahr 1181. Damals bestätigte Papst Alexander III. dem Kloster die Exemplation. Das bedeutete: Das Kloster unterstand keiner weltlichen Macht, sondern direkt dem Papst.

Die Geschichte der Speinsharter Prämonstratenser, die geweihte Priester mit Ordensgelübte und keine Mönche sind und sich den Regeln des heiligen Augustinus und dem Grundsatz des gemeinschaftlichen Betens, Arbeitens und Lebens unterwarfen, lässt sich in drei große Epochen aufteilen. Die Erstgründung, die Wiederbesiedlung nach der Reformation und schließlich die zweite Wiederbesiedlung 1921, also vor genau 100 Jahren durch die Prämonstratenser-Abtei Tepl bei Marienbad.

In der Eingangshalle der Klosterkirche zu Speinshart ist an der Decke das sogenannte Stifterbild zu sehen. Dieses Bild ist gewissermaßen als Gründungsurkunde des Klosters überliefert. Als Vorlage diente vermutlich ein spätmittelalterliches Tafelbild. In seiner Abschlussarbeit im Fach Kirchengeschichte, die bei den Feierlichkeiten zum Rosenkranzfest am 3. Oktober als Festschrift vorgestellt wird, verweist Pater Johannes Bosco unter anderem auf ein Büchlein von Gustl Motyka. Darin beschreibt Motyka den Einzug der ersten elf Kanoniker in das neu gestiftete Kloster im Jahr des Herrn 1145. 1459 zur Abtei ernannt, entwickelte sich Speinshart mit seinen reichen Fischteichen, Gütern und Gutshöfen äußerst segensreich.

Reformation und Säkularisation beenden die Klosterblüte

Hohe Wellen schlug 100 Jahre später die Reformation. Es kam zur Selbstauflösung. Neues Leben zog erst wieder 1661 ein, als der Abt von Steingaden vier Mitbrüder nach Speinshart entsandte. Eine baufällige Klosteranlage kam zu neuer Blüte, heißt es in den Aufzeichnungen, bis im Jahr 1803 die Säkularisation auch den Prämonstratensern in Speinshart ein jähes Ende setzte. „Sämtliche Güter, Kapitalien und Rechte wurden vom Staat in Besitz genommen“, ist in der Festschrift von Pater Johannes Bosco nachzulesen. Doch den Geist des Glaubens und der Kultur konnte die Einziehung der klösterlichen Besitztümer nicht zerstören. Bis zur erneuten Wiederbesiedlung dauerte es allerdings über 100 Jahre.

1921 zweite Wiederbesiedlung

Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne. Vielleicht war es dieser Satz von Hermann Hesse, der Anfang des 20. Jahrhunderts Menschen bewegte, ihr Herz für Speinshart zu öffnen. Als Retter erwies sich der kunstsinnige Prälat und Münchener Domkapitular Dr. Michael Hartig. Sein Vorschlag: ein Rückkauf des Areals vom Bayerischen Staat. Die Prämonstratenser-Abtei Tepl bei Marienbad zeigte Interesse. Am 30. September 1921 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Beim Rechtsgeschäft immer dabei: Dr. Michael Hartig, der auch im Namen des Ordens handelte. Der Kaufvertrag regelte zudem die Übergabe aller Rechte an Speinshart und die staatsrechtliche Anerkennung der Abtei.

Internationale Begegnungsstätte

Das Kloster ist dicht verwoben mit der Geschichte der Oberpfalz und darüber hinaus mit den böhmischen Landen. Jener Großlandschaft im Herzen Europas, die sich heute zunehmend als Euregio Egrensis versteht. Diesem Erbe nahm sich im Jahr 1979 auch ein „Verein der Freunde und Förderer einer Internationalen Begegnungsstätte“ an. Gründungsvorsitzender Professor Dr. Max Kunz und sein Nachfolger Georg Girisch nahmen sich mit weiteren Visionären in enger Zusammenarbeit mit den Speinsharter Chorherren der Restaurierung des Klosters und des Aufbaues einer Begegnungsstätte an.

In den 1990er Jahren begann die Revitalisierung des Großprojekts, die sich 25 Jahre hinziehen sollte und eine Bausumme von zirka 30 Millionen Euro verschlang. In drei Bauabschnitten formten die Planer und Vordenker das barocke Kleinod der Klosterkirche, die Abtei und den Klostergasthof zu einem harmonischen Gesamtensemble. Nun erinnert das Klosterareal auf eine ganz lebendige Art an die reiche Geschichte und schlägt als moderner Kulturbetrieb mit grenzenloser Ausrichtung unter dem Leitgedanken „Glauben – Begegnung – Kultur“ die Brücken in die Zukunft. In der Nachfolge von Georg Girisch engagiert sich seit der Neuwahl Ende Juli 2021 der Landtagsabgeordnete Tobias Reiß als neuer Vorsitzender des Fördervereins in freundschaftlicher Zusammenarbeit mit der Abtei um eine ergänzende Ausrichtung der Begegnungsstätte als Ort der Wissenschaft.

Kloster Speinshart: Ein Zentrum für Künstliche Intelligenz

Speinshart

Gräber aus dem Frühmittelalter in Iffelsdorf

Iffelsdorf bei Pfreimd
Das Festprogramm:
  • In Speinshart gilt das Rosenkranzfest am 3. Oktober als Tag der Wiederbesiedlung durch das Stift Tepl 1921.
  • In diesem Jahr feiert das Kloster nicht nur 100-jährige Wiederbesiedelung, sondern auch "900 Jahre Prämonstratenser" und "875 Jahre Kloster Speinshart".
  • Am Sonntag, 3. Oktober 2021, beginnt um 9.30 Uhr ein Pontifikalgottesdienst mit dem Generalabt des Klosters, Jos Wouters aus Rom.
  • Um 13.30 Uhr wird eine kleine Ausstellung eröffnet und die Festschrift vorgestellt.
  • Den Abschluss des Festtages bildet um 14.30 Uhr eine Pontifikalvesper mit Abt Filip Lobkowitz vom Stift Tepl.

 

 

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