28.03.2021 - 09:57 Uhr
Stein bei PlößbergOberpfalz

Kleine Kirche, große Werke: Vier neue Maurus-Fuchs-Gemälde entdeckt

Für Historiker und Kunstinteressierte vor allem im Stiftland ist es eine kleine Sensation: Die vier Gemälde an der Westseite in der Kirche St. Laurentius in Stein stammen von Maurus Fuchs. Eine Spurensuche.

Die Kirche in Stein gilt als ein Kleinod der Stiftländischen Kirchenbaukunst. Im Hintergrund unterhalb und auf der Empore sind die vier Bilder zu erkennen, die nun Maurus Fuchs zugeordnet wurden. Rechts ist das "Gottesgericht" von Oskar Tytlik zu sehen, das dieser 1947 gemalt hat. Bekannt wurde es, da Adolf Hitler in der Hölle schmort.

Der Tirschenreuther Maler, der als erster Stiftländer aufgrund seines Könnens auch im benachbarten Böhmen grandiose Werke hinterlassen hat, wurde vor 250 Jahren geboren: Maurus Fuchs. Passend dazu ist Thomas Sporrer aus Tirschenreuth in der Kirche St. Laurentius in Stein auf vier großformatige Bilder aufmerksam geworden, die er sofort Richtung Maurus Fuchs taxierte. Seit Jahrzehnten fristen sie im hinteren Bereich der Kirche ein eher bescheidenes Dasein, niemand hat die Bilder je so recht gewürdigt. Das könnte sich nun ändern.

Und so waren Thomas Sporrer die Bilder aufgefallen: Er fotografierte in der Kirche für seine Recherche über den Maler Oskar Tytlik, der 1947 in der Kirche in Stein unter anderem das großformatige Wandgemälde vom "Gottesgericht" gemalt hat. Das ist berühmt geworden, weil er mit Adolf Hitler und Konsorten auch Personen der Zeitgeschichte ins Höllenfeuer geschickt hat. Sporrer hatte nach etwa zwei Stunden Arbeit sein Equipment schon wieder eingepackt, als er - nur mit Kamera und lichtstarkem Objektiv ausgerüstet - abschließend nochmal durch die Kirche schlenderte, auf der Suche nach den „kleinen Schönheiten“, so der Autor und Fotograf.

Keine Hinweise im Kirchenführer

Diesmal war es etwas Großes. Mehr durch Zufall betrachtete er dann auch eines der vier großformatigen Gemälde genauer, die an der Rückfront fast schon versteckt sind, also so gar nicht in den Blick der Besucher fallen. Dann wurde er stutzig. „Das ist doch Maurus Fuchs.“

Im Moment unterstützt Sporrer die Leiterin der Tourist-Info der Stadt Tirschenreuth, Stefanie Süß, bei der Vorbereitung der Jubiläumsausstellung zum 250. Geburtstag des Malers, die im Juni startet. Er beschäftig sich intensiv mit dem Tirschenreuther Maler. In diesem Zusammenhang hat er auch in Griesbach ein seit Jahren vom ehemaligen Pfarrer Schultes eingelagertes Altarbild des Maurus Fuchs wieder in den Blick der Öffentlichkeit geführt. Er kennt sich also aus mit den verschiedenen Bild-Elementen, die eine Arbeit des Künstlers auszeichnen. Er lichtete schnell alle Gemälde ab und die Recherche begann.

Maurus-Fuchs-Altarbild aus Versenkung geholt

Tirschenreuth

Karl Gehret, Liebensteiner Burgführer und ehemaliger Mesner von St. Laurentius, war erster Ansprechpartner. Von der Ansage, dass die Bilder von Maurus Fuchs stammen könnten, war er überrascht: „Davon wissen wir nichts.“ Auch ein Blick in den erst vor ein paar Jahren mit viel Aufwand neu aufgelegten Kirchenführer brachte kein Licht ins Dunkel. Nur zwei lapidare Sätze zu diesen vermeintlichen Schätzen: „ ... hängen vier großformatige, gute Bilder“. Wie wahr, aber kein Wort über Maurus Fuchs.

Suche nach Signatur

In der gängigen Fachliteratur war nichts zu entdecken. So fanden sich im Nachschlagwerk von 1908 „Die Kunstdenkmäler des Königreichs Bayern – Bezirksamt Tirschenreuth“ und der aktuellen Ausgabe „Denkmäler in Bayern – Landkreis Tirschenreuth“ unter „Stein – Kirche St. Laurentius“ keinerlei Hinweise auf den bekannten Oberpfälzer Maler.

Sporrer schaltete dann die bekannten regionalen Experten zu Maurus Fuchs ein: Franz Krapf, Vorsitzender des Historischen Arbeitskreises Tirschenreuth, und Ingrid Leser aus Bärnau. Beide waren vom ersten Augenschein ebenfalls positiv beeindruckt, aber sie wollten die Bilder auch persönlich sehen.

Die „Inaugenscheinnahme“ fand am letzten Sonntag im Februar statt, mit Masken und Abstand. Eine Signatur würde helfen, aber vorne waren die Bilder nicht signiert, das konnte man auf den Fotos von Sporrer schon erkennen. Eventuell auf der Rückseite? Mesner Heinrich Zölch und Karl Gehret unterstützten die Experten vor Ort, als das erste Bild abgenommen wurde. Technisch nicht einfach, da die Diebstahlsicherung auf dem neuesten Stand ist. Und sie funktionierte, also erstmal alle über den Fehlalarm informieren.

Steintafel hinter einem Bild

Signiert waren die Bilder auch auf der Rückseite nicht. Später erklärte dazu Wolf-Dieter Hamperl, dass dies auch nicht ungewöhnlich sei: „Solche kleinen Bilder (immerhin um 170 Zentimeter hoch) hat er nicht signiert.“

Hinter diesem ersten Bild „Maria Verkündigung“ kam eine Steintafel zum Vorschein, die an zwei Gefallene aus der Gemeinde Stein im Krieg 1870/71 gegen die Franzosen erinnert. Das Gemälde selbst ist farbenprächtig und lichtdurchflutet, bei dem viel auf Maurus Fuchs hindeutet, aber nicht alles. Maria blickt voller Demut zu Boden, das findet man auf seinen Bildern eher selten.

Das zweite Bild „Jesus am Ölberg“ wurde abgenommen. Hier waren aber alle Stiftländer Experten gleicher Meinung: Das kann nur ein Maurus Fuchs sein. Der andächtige Blick in den Himmel, die immer wiederkehrende Farbenpracht, der inszenierte Vordergrund und, und, und. Die beiden weiteren Bilder wurden nicht mehr abgenommen, aber genau betrachtet: die „Dornenkrönung“ und die „Geißelung von Jesus“. Viel deutete bei den vier Bildern auf Maurus Fuchs hin, aber ganz sicher war man sich eben nicht.

Experte liefert Bestätigung

Was also tun? Der ausgewiesene Experte für Maurus Fuchs ist Wolf-Dieter Hamperl, der dem Tirschenreuther Künstler aus dem 18. Jahrhundert mit seinem Buch „Maurus Fuchs – der vergessene Tirschenreuther Kirchenmaler“ ein wunderbares Denkmal gesetzt hat. Sporrer kontaktierte ihn per E-Mail. Die Antwort kam innerhalb von einer Stunde: „Sie können meine Bewertung der Bilder gerne veröffentlichen, die vier Bilder sind von Maurus Fuchs.“

Hamperl musste auch gar nicht vor Ort erscheinen. Er hatte vor einiger Zeit die Kirche wie Thomas Sporrer wegen Oskar Tytlik besucht und auch die vier Bilder entdeckt. Sein Urteil: „Das sind echte Maurus-Fuchs-Bilder, sowohl von der Thematik, der Komposition und der wunderbaren Farbigkeit.“

Aber warum hat er das bisher nicht publiziert, ja sogar weder die Verantwortlichen in der Pfarrgemeinde noch die Stiftländer Fachleute informiert? Hamperl ist halt auch Schriftsteller. Für den Herbst 2021 plant er in einem Buch, die nach 2014 entdeckten Bilder des Malers zu veröffentlichen. Da sind ihm jetzt die aufmerksamen Stiftländer aber etwas in die Parade gefahren. Der Überraschungseffekt für St. Laurentius in Stein wird nicht mehr ganz so groß sein, aber dem kunstverständigen Schriftsteller geht es ja auch vor allem um das Erbe von Maurus Fuchs, um die Sicherung dieser Gemälde, und je mehr darüber berichtet wird, desto besser ist es.

Einige offene Fragen

Dennoch bleiben in Stein viele Fragen offen: Warum beispielsweise hat die Bilder bisher außer Hamperl und Sporrer niemand entdeckt? Schließlich hängen sie schon seit vielen Jahrzehnten dort. Sporrer hat dafür eine Erklärung: „Wer in diese Kirche nach Stein geht, ist auf das ,Gottesgericht' vom ,Ossy', also Oskar Tytlik, fixiert. Man sucht nach Adolf, dem Verdammten, und es schaut einfach niemand auf diese Bilder, die dazu auch noch etwas versteckt im Hintergrund hängen. Zwei davon sieht man vom Kirchenschiff her gar nicht, da muss man schon auf die Empore steigen.“

Woher sie stammen und wie die Bilder nach Stein kamen, sind weitere Rätsel. Mesner und Kirchenverwaltung haben davon keine Kenntnis mehr, auch aus alten Geschichten oder „vom Hörensagen“ ist dazu nichts zu erfahren.

Karl Gehret und Heinrich Zölch sind sich dennoch darin einig, dass die Bilder nicht schon immer in Stein waren. Dafür spricht auch, dass mit einem Gemälde die schon genannte steinerne „Helden-Tafel“ aus dem 1870er-Krieg gegen die Franzosen verdeckt worden ist. Es könnte also zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgt sein, etwa ein bis zwei Generationen nach 1870. Unterlagen in der Kirche in Stein gibt es dazu keine, St. Laurentius ist ja „nur“ eine Expositur von Beidl. Dort hat Maurus Fuchs allerdings auch gemalt. Also dort suchen? Die Pfarrgemeinde ist 2016 in einem Verbund mit der Pfarrgemeinde Plößberg eingetreten, das Archiv wurde nach Plößberg verlegt. Dort könnte man also weiterforschen.

Zudem kann sich Franz Krapf vorstellen, dass diese Bilder aus dem alten Pfarrhof in Wondreb stammen könnten. Hamperl schrieb in seinem Buch, dass von dort Bilder des Maurus Fuchs über die Jahrhunderte verschwunden sind. „Owa hergebm dou ma fei nix mehr“, sagte ein feixender Karl Gehret bei der Sichtung der vier Gemälde. Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Es dürfte weiterhin spannend bleiben in Stein, um die Geschichte dieser Bilder von Maurus Fuchs.

Hintergrund:

Sonderausstellung: 250 Jahre Maurus Fuchs

  • Die Stadt Tirschenreuth feiert den 250. Geburtstag von Maler Maurus Fuchs vom 19. Juni bis zum 15. August mit einer Sonderausstellung im Museumsquartier.
  • Attraktionen: Zwei der vier neu entdeckten Maurus-Fuchs-Gemälde aus der Kirche in Stein werden dort zu sehen sein, außerdem auch die Fuchs-Bilder aus Griesbach ausgestellt.
  • Coronabedingt musste das Programm der Kunstausstellung abgespeckt werden. Wolf-Dieter Hamperl wird wahrscheinlich zeitweise vor Ort sein, ebenso Ingrid Leser, die an zwei Tagen im August gemeinsam mit Thomas Sporrer auf den Spuren von Maurus Fuchs durch die Kirchen in Bärnau und Schwarzenbach führen wird.
  • Wolfgang Maurus Fuchs, genannt Maurus Fuchs, wurde am 16. Januar 1771 in Tirschenreuth geboren.
  • Fuchs war der Sohn des Malers Vitus (Fux) Fuchs und erlernte bei seinem Vater das Handwerk der Malerei. Schwerpunkt der gemeinsamen Tätigkeit war das Stiftland.
  • Später ging Fuchs ins Egerland, wo er zahlreiche Fresken schuf, darunter 1816 im Stift Tepl und 1827 im Franziskanerkloster Tachau.
  • Maurus Fuchs ist am 27. Juni 1848 in Tirschenreuth gestorben.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.