18.10.2021 - 15:09 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Literatur mit Nachhall: Shida Bazyar stellt "Drei Kameradinnen" in Sulzbach-Rosenberg vor

Alltägliche Diskriminierungen, ständige Angst vor rechtem Terror: Shida Bazyars Roman erzählt vom Schrecken unserer Zeit. Und von bedingungsloser Freundschaft. Ein Interview über Alltagsrassismus, Longlist und die Kraft der Literatur.

Schriftstellerin Shida Bazyar stellt ihren Buchpreis-Longlist-Roman "Drei Kameradinnen" im Capitol vor.
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herzlichen Glückwunsch, Frau Bazyar! Wie groß war die Freude über die Longlist-Nominierung zum Deutschen Buchpreis 2021?

Shida Bazyar: Danke. Die Freude war natürlich riesengroß. Als Autorin explizit politischer Bücher bleibt immer die latente Sorge, dass die eigene Arbeit zwar irgendwie als „wichtig“ oder „aktuell“ wahrgenommen, letztlich aber nicht auf ihre künstlerisch-literarische Leistung hin bewertet wird. Deswegen sind Preise oder Nominierungen gerade für Autorinnen und Autoren wie mich umso wichtiger, damit sie nicht als Litfaßsäule für Themen, sondern als Literatinnen und Literaten wahrgenommen werden können.

ONETZ: Schon Ihr Debüt-Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Wird eine gewisse Erwartungshaltung zukünftig mit am Schreibtisch sitzen oder können Sie so etwas komplett ausblenden?

Shida Bazyar: Ehrlich gesagt kann ich das ganz gut ausblenden. Was nicht heißt, dass ich während der Arbeit an „Drei Kameradinnen“ nicht doch einige Momente hatte, in denen ich mich unter Druck gesetzt habe - da helfen zum Glück Telefonate mit Freundinnen und Freunden oder anderen Menschen aus dem Literaturbetrieb ganz gut, um das möglichst schnell einzuordnen und weiterzuarbeiten. Denn letztlich geht es mir darum, einen Text zu schreiben, der meinem eigenen Anspruch an Texten genügt und das funktioniert im Moment des Schreibens ja immer noch unabhängig von äußeren Meinungen. Auch, wenn diese positiv und wertschätzend sind.

ONETZ: Ist das Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft eine besonders gute Adresse für angehende Erfolgsschriftstellerinnen und -schriftsteller? Wie Sie hat beispielsweise auch Vea Kaiser dort kreatives Schreiben studiert.

Shida Bazyar: Ich glaube, dass ein Studium dort für jede schreibende Person völlig unterschiedlich ist. Ich musste für mich erst lernen, mich von vielen dortigen Dynamiken unabhängig zu machen, um das zu lernen, was ich dort lernen wollte. Anderen ist das deutlich schwerer gefallen, das gegenseitige Kritisieren und Begutachten kann unangenehm sein und das eigene Schreiben hemmen. Wieder andere haben sich gerne in diese Dynamiken geworfen – am Ende aber kaum noch geschrieben. Ich kann nur für mich sagen, dass es eine Zeit war, in der ich unfassbar viel über Literatur, das Lesen und den Blick auf die eigenen Texte gelernt habe. Aber das ging eben nur, weil ich auf erstaunlich vieles dort gepfiffen habe.

ONETZ: „Drei Kameradinnen“ legt den Finger auch in die Wunde Alltagsrassismus. Wie nehmen Sie die aktuelle Diskussion zu diesem Thema wahr? Kommt da endlich etwas in Bewegung?

Shida Bazyar: Wir sprechen immerhin endlich öffentlich darüber, das zeigt ja, dass etwas in Bewegung gerät. Trotzdem haben deutsche Redaktionen ganz offensichtlich immer noch ein Defizit darin, Expertinnen und Experten zu diesen Themen einzuladen und nicht einfach auf Prominente zurückzugreifen, die irgendwie eine persönliche Meinung haben. Das ist bedenklich, denn wir sprechen hier von einem kompletten Wissenschaftszweig, der in öffentlichen Medien fast durchgehend ausgeblendet wird. Deutschland hat seine Professorinnen und Professoren und thematisch arbeitende Journalistinnen und Journalisten, die man beispielsweise in Talkshows einladen könnte. Die persönlichen Gefühle von Elke Heidenreich dagegen gehören für mein Gefühl viel mehr an den Wohnzimmertisch von Elke Heidenreich und nicht in eine öffentliche Debatte. Zumindest solange nicht, bis sie sich nicht mit dem Status quo an Forschung beschäftigt hat. Insgesamt also haben wir als Gesellschaft uns zwar auf den Weg gemacht, allerdings fühlt es sich oft so an, als würden wir hierbei sehr merkwürdige Umwege nehmen und dadurch sehr viel Zeit verlieren. Und diese Zeit ist kostbar, denn die existentiellen Ausschlüsse gehen in der Zwischenzeit weiter und das auf Kosten derer, die meist sowieso keine öffentliche Stimme haben.

ONETZ: Ihr Roman macht sehr eindringlich klar, wie verletzend nicht nur absichtliche Diskriminierungen, sondern schon vermeintlich gedankenlose Äußerungen sind. Haben Sie Hoffnung, dass die Leserinnen und Leser mit einer sensibilisierteren Einstellung das Buch schließen?

Shida Bazyar: Die Hoffnung habe ich, ja. Die hätte ich allerdings auch, wenn ich nicht über Alltagsdiskriminierungen schreiben würde. Literatur kann auf eine Art und Weise berühren und Empathie erzeugen, die andere Formen des Erzählens nicht bewirken können, da bin ich mir sehr sicher. Und ich glaube, dass die Literatur der vergangenen Jahrzehnte durch sexistische und rassistische Narrative einiges an unseren Machtstrukturen verfestigt hat, so dass es auch jetzt wiederum an der Literatur ist, diese aufzubrechen. Literatur kann das zum Glück auf so vielfältige Art und Weise: durch das, was erzählt wird ebenso wie auf die Art und Weise, wie erzählt wird.

ONETZ: Mit Belletristik erreicht man aber ja nicht alle. Lässt sich über Ihre Tätigkeit als Bildungsreferentin auch etwas gegen Rassismus und rechten Terror ausrichten?

Shida Bazyar: Meine pädagogische Arbeit musste ich leider aufgeben, nachdem die literarische Arbeit doch immer mehr und zeitaufwendiger wurde. Ich habe in den Jahren als Bildungsreferentin den Jugendlichen weniger Themen vorgegeben, sondern sie viel mehr dabei begleitet, eigene Schwerpunkte und Interessensgebiete zu finden. Hierbei ging es vor allem auch darum, was sie als Gruppe interessiert und wie man selbstorganisiert Inhalte und Themen aufbereiten kann. Das ist für mich ein sehr wichtiger Teil innerhalb der Demokratiebildung: eigene Bedürfnisse zu äußern, sich mit anderen darüber zu verständigen, notwendigerweise zu streiten, eine Lösung zu finden. Wenn unser Bildungssystem ein Fach wie Demokratiebildung anbieten würde, dann würden wir nicht nur selbstbestimmtere Kinder und Jugendliche erziehen, wir könnten auch davon ausgehen, dass sie ihren eigenen Privilegien gegenüber sensibilisierter wären. Und das mündet automatisch in eine gerechtere Gesellschaft, in der Rassismus nicht salonfähig ist und nicht im schlimmsten Fall in Terror mündet.

ONETZ: Aber ohne Freundschaft wäre sowieso alles nichts, oder?

Shida Bazyar: Das denke ich auch, wobei Freundschaft schon ein sehr enger Begriff ist. Ich würde tatsächlich von Bündnissen und Allianzen sprechen, ohne die es nicht geht. Und die gibt es nur, wenn es eine Form von Solidarität gibt, die besagt: „Ich kann das, was dich belastet, nicht zur Gänze verstehen, aber ich glaube dir, dass es wehtut und möchte dir helfen.“ Und das ist ja auch eine Aussage, die wir auch von unseren Freundinnen und Freunden gerne hören, wenn es uns mal schlecht geht.

Autor Christian Baron hat sein familiäres Erbe literarisch aufgearbeitet

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Zur Person, Buch und Lesung

  • Shida Bazyar, geboren in Hermeskeil (Rheinland-Pfalz), studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und arbeitete als Bildungsreferentin
  • Der Debüt-Roman "Nachts ist es leise in Teheran", 2016, wurde mehrfach ausgezeichnet
  • "Drei Freundinnen", gebunden, 352 Seiten, Kiepenheuer&Witsch, 22 Euro, Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021
  • Lesung mit Shida Bazyar am Donneratag, 21. Oktober, um 19 Uhr im Capitol Sulzbach-Rosenberg, Moderation Patricia Preuß (Literaturhaus Oberpfalz)
  • Karten 10 Euro; Anmeldung erforderlich beim veranstaltenden Literaturhaus Oberpfalz unter info[at]literaturarchiv[dot]de oder Telefon 09661/8159590. Es gilt die 3G-plus-Regelung (Zugang nur mit nachgewiesener Impfung, Genesung oder gültigem PCR-Test). Für Schülerinnen und Schüler genügt die Vorlage des Schülerausweises.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.