24.09.2021 - 11:21 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Was macht Familie aus uns? Eine Literaturhaus-Lesung sucht Antworten.

Autor Christian Baron hat sein familiäres Erbe literarisch aufgearbeitet. Wie schwer das mitunter gefallen ist, erzählt er im Interview. Seinen Debüt-Roman präsentiert er bei der Doppel-Lesung mit Frank Witzel in Sulzbach-Rosenberg.

Autor Christian Baron
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herr Baron, zwischen dem ursprünglichen und dem jetzigen Lesungstermin liegen fast ein ganzes Jahr und vermutlich einige neue Projekte. Hat sich damit auch Ihr Bezug zum Roman verändert?

Christian Baron: Seit vergangem Jahr hatte ich schon ein paar Lesungen, wenn auch nicht so viele, wie ohne die Pandemie möglich gewesen wären. Jeder Auftritt war bislang wirklich beglückend, weil ich gemerkt habe, was Literatur bewirken kann: Menschen fühlen sich durch meine Geschichte ermutigt, ihre eigenen Traumata aufzuarbeiten, die sie teilweise jahrzehntelang mit sich herumgetragen haben, ohne irgendwem davon zu erzählen. Dadurch habe ich eine neue Distanz zu meinem eigenen Erleben bekommen, was es mir viel leichter macht, über meine harte Kindheit öffentlich zu sprechen und die Oasen des Glücks zu erkennen, die es bei mir ja auch gab. Andererseits erfüllt es mich mit Sinn, dass andere aus diesem Buch so viel Kraft ziehen können.

ONETZ: Die eigene Kindheit und Jugend noch einmal aufzurollen, kann ja durchaus schmerzhaft sein. War Ihnen zuvor klar, was da womöglich auf Sie zukommt beim Schreiben?

Christian Baron: Ich bin damals mit großer Naivität ans Schreiben herangegangen. Dabei dachte ich nicht an das mögliche Publikum, auch nicht an medialen Wirbel oder an den Kraftakt, mit dieser Offenheit beim Erzählen sogar Lesungen zu absolvieren. Der Text floss binnen weniger Monate aus mir heraus, da war der pure Drang, meine Geschichte möglichst angstfrei zu erzählen. Da ich den Text erst jemandem gezeigt habe, nachdem die erste Rohfassung stand, war das Schreiben selbst eine lehrreiche Einkehr in mein Seelenleben. In dieser Phase habe ich emotional viel Substanz verloren, weil ich die beschriebenen Traumata wieder so real empfunden hatte, als ob sie sich im Moment des Schreibens erneut zutragen würden. Die überwiegend sehr positiven Reaktionen auf das Buch haben mir diese Substanz dann aber schnell zurückgebracht.

ONETZ: Wie groß ist dabei die Versuchung, manche Erlebnisse doch nicht so unverstellt öffentlich auszubreiten?

Christian Baron: Ehrlich gesagt: Ich habe mich während des Schreibens hin und wieder dabei ertappt, Erlebnisse anders darstellen zu wollen, als es die Erinnerung nahelegt. Vor allem, weil ich Angst hatte, zu viele Klischees über „die da unten“ aufzuwärmen. Zum Beispiel ging es mir darum, meine Mutter als die Frau zu zeigen, die sie im Andenken durch meine Familie gewesen ist: arm und ohne Ausbildung, aber wahnsinnig lebensklug, sensibel und fürsorglich. Nun war sie ein großer Fan der „Kelly Family“, die nicht gerade als kulturell wertvoll gilt. Da empfand ich so etwas wie eine Herkunftsscham. Also fragte ich mich, ob ich nicht so tun sollte, als hätte meine Mutter mir Platten mit Mozart-Sonaten vorgespielt, um ihre Bedeutung für meinen Bildungsweg zu betonen. Dann fiel mir auf, dass es genau darum geht, diese Scham schreibend zu überwinden. Wenn Popmusik benachteiligten Menschen zu einem Ausdruck verhilft, dann gibt es keinen Grund, sich darüber lustig zu machen. Also blieb mein Visier offen, und das habe ich bislang auch nicht bereut.

ONETZ: Sehen Sie jetzt, nachdem Sie sich so intensiv mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt haben, manches in einem anderen, neuen Licht?

Christian Baron: Nach dem Tod meines Vaters wollte ich jahrelang nichts mehr von ihm wissen. Ich dachte, mit dem Mann sei ich fertig, er hatte uns viel Leid zugefügt und hatte keinen Gedanken mehr verdient. Dann aber, als ich im Kopf schon an dem Buch geschrieben habe, da hatte ich ein intensives Gespräch mit meinem Bruder, der mir sagte: „Denk doch mal darüber nach, wie unser Vater aufgewachsen ist, wie schlecht sein Job war, wie wenig er verdient hat. Der hatte nie eine Chance. Er war halt der Mann, der er wegen der Umstände sein musste.“ Das setzte in mir etwas in Gang. Heute sehe ich nicht nur meinen Vater differenzierter, sondern auch meine eigene Geschichte. Ich habe erkannt, dass sich mein sogenannter sozialer Aufstieg auch, aber nicht in erster Linie meiner eigenen Leistung verdankt, sondern vor allem den vielen Menschen in dieser Klassengesellschaft, die mir geholfen haben. All das hat mich insgesamt zu einem gelasseneren Menschen gemacht, glaube ich.

ONETZ: Sich von der eigenen Herkunft zu emanzipieren und seinen eigenen Weg zu gehen – ein in jedem Fall lohnenswerter Versuch?

Christian Baron: Auf jeden Fall. Wer früh im Leben eine Leidenschaft in sich spürt, sollte sie nicht unterdrücken. Das rächt sich später im Leben. Dafür braucht es aber in einer sozial so ungerechten Gesellschaft wie unserer viel Hilfe. Und unfassbar viel Durchhaltevermögen. Bei mir selbst war es an mehreren Stellen im Leben sehr knapp. Als ich während meines Studiums den sich anhäufenden Schuldenberg sah, mir das Lernen schwerfiel und dann auch noch die unverkrampften Überflieger aus den MINT-Fächern, den Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften sah, da wollte ich nach Kaiserslautern zurückkehren und mich meinem Schicksal als Arbeiterkind fügen. Dabei ertappe ich mich manchmal noch heute, wenn mir die Arbeitslosigkeit droht in diesem ja doch sehr prekären Feld des Journalismus. Ich habe keine nennenswerten Rücklagen und warte auch nicht auf ein Erbe, da hadert man automatisch immer wieder mit seinen Lebensentscheidungen. Aber ich bin heute glücklicher, als ich es jemals war. Da haben sich die Strapazen gelohnt.

Programm der Kulturwerkstatt

Sulzbach-Rosenberg

Interview mit Hans-Jürgen Buchner

Deutschland & Welt
Hintergrund:

Zu Person, Buch und Lesung

  • Christian Baron wurde 1985 in Kaiserslautern geboren und lebt als freier Autor in Berlin
  • Für seinen Debüt-Roman "Ein Mann seiner Klasse" wurde er 2020 mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste deutschsprachige Debüt und 2021 mit dem Literaturpreis "Aufstieg durch Bildung" der noon-Foundation ausgezeichnet
  • Der Roman "Ein Mann seiner Klasse", 288 Seiten, gebunden, erschienen im Januar 2020, Claasen Verlag, 20 Euro
  • Die vom Literaturhaus Oberpfalz veranstaltete Gesprächslesung "Wo kommen wir her? Familie und soziale Herkunft" mit den Autoren Christian Baron und Frank Witzel findet am Donnerstag, 30. September um 19 Uhr im Capitol in Sulzbach-Rosenberg statt. Die Moderation übernimmt Niels Beintker vom Bayerischen Rundfunk.
  • Karten 10 Euro, ermäßigt 7 Euro. Anmeldung erforderlich unter info[at]literaturarchiv[dot]de, Tel. 09661/8159590. Es gelten die tagesaktuellen Corona-Regelungen (3G ab Inzidenz 35, Maskenpflicht).

 

 

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