25.06.2020 - 14:55 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Maxhütten-Sanierung: Die Zeit drängt

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Ein Expertenteam hat das Maxhütten-Gelände untersucht – und übt deutliche Kritik: Die Stadt habe das gewaltige Potenzial der Industriebrache nicht genutzt. Schnelle Entscheidungen seien längst überfällig, so die Fachleute.

Die Maxhütte ist das Wahrzeichen des Stadtteils Rosenberg. Als Industriedenkmal gehört das Stahlwerk zum Erbe der bayerischen Wirtschaftsgeschichte – in ihm steckt großes Entwicklungspotenzial. Doch um das ausschöpfen zu können, müsse zunächst dringend der Verfall gestoppt werden, sagen Fachleute eines Büros für Industriearchäologie.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der Sulzbach-Rosenberger Stadtrat hat sich in seiner dritten Sitzung der neuen Wahlperiode zwei Großprojekten angenommen. Während in Sulzbach mit den Oberpfalz-Arkaden eine Nachfolgenutzung für das Liliencenter gefunden wurde (wir berichteten), steht eine solche Entscheidung mit Blick auf das Maxhütten-Gelände in Rosenberg noch aus. Und das schon viel zu lange. Zumindest kommen zwei Experten für Industriearchäologie aus Darmstadt zu diesem Urteil.

Jens Daubner, Architekt und Inhaber des Büros „planinghaus architekten“ und Rolf Höhmann als Daubners Kooperationspartner stellten dem Stadtparlament in der Turnhalle der Pestalozzischule das Ergebnis ihrer Untersuchung vor – und benannten dabei erstmals die konkreten Kosten.

Wert der Maxhütte verkannt?

Schon im Jahr 2008 begutachteten die beiden Fachleute mit ihrem Team das Areal im Auftrag der Stadt. Ende vergangenen Jahres waren sie erneut vor Ort waren und präsentierten nun ihre Überlegungen zu einer möglichen Nachnutzungskonzeption. „Ich bin sehr enttäuscht über das, was sich hier nicht entwickelt hat“, sagte Rolf Höhmann vor den vollzählig anwesenden Stadträten und rund 20 interessierten Bürgern. „Den speziellen Wert, den verschiedene Objekte der Maxhütte haben, ist offenbar nicht verstanden worden.“

Es könnte eine Meilenstein in der Stadtentwicklung werden: Die Oberpfalz-Arkaden sollen dem Liliencenter nachfolgen.

Sulzbach-Rosenberg

Der 70-Jährige zeigte sich ernüchtert über den Rückbau der Anlage: „Alles, was an der Maxhütte als kompaktem Stahlwerk besonders war, ist in den letzten zehn Jahren verloren gegangen. Alles, bis auf den kleinen, armen Hochofen.“ Der Industriearchäologe betonte, aus seiner Arbeit mit deutlich größeren, stillgelegten Stahlwerken aus dem Ruhrgebiet Erfahrung auf diesem Gebiet zu haben. Mit Blick auf den Verfall der Maxhütte kam er deshalb zu dem Urteil: „Das tritt in der Industriegeschichte sehr selten ein. Umso enttäuschter bin ich.“

Hochofen als wichtigstes Element

Architekt Jens Daubner ging anschließend in die Details des Abschlussberichts. Die Untersuchung habe ergeben, dass die Instandsetzungskosten 1 626 500 Euro brutto kosten würde. Zwei Einschränkungen sind laut Daubner wichtig: Die Zahl bezieht sich ausschließlich auf die Hochofenzone III mit ihren Nebenanlagen. Dazu zählen Gießhalle, Cowpergruppe und Schornstein sowie das Turbogebläsehaus. Der Rest sei inzwischen abgerissen und somit für eine mögliche Nachnutzung auch gar nicht mehr verfügbar. „Die Hochofenzone III ist der Kern dessen, was übrig geblieben ist. Es ist das Zentrum der früheren Produktion und somit eine wichtige Denkmalzone. Hierauf sollte man sich bei einer möglichen Nachnutzung konzentrieren“, so der Fachmann.

Ich bin sehr enttäuscht über das, was sich hier nicht entwickelt hat.

Rolf Höhmann, Industriearchäologe

Die zweite Einschränkung: „Die Kosten beschreiben nur die Sicherung der Gebäude, nicht aber die Herstellung der Zugangs- oder Nutzungsfähigkeit.“ Möchte die Stadt das Areal also einmal touristisch-kulturell nutzen und zum Beispiel Besuchergruppen auf den Hochofen führen, müsste noch deutlich mehr Geld in die Hand genommen werden. Die 1,6 Millionen dienen lediglich der Sicherung des gegenwärtigen Zustands. „Die gravierenden Schäden an den Anlagen sind in den letzten zehn Jahren natürlich nicht besser geworden“, so Daubner. An die Stadträte gerichtet sagte er: „Es herrscht akuter Handlungs- und Entscheidungsbedarf, sonst wird es noch teurer.“

Wohnen und Konzerte möglich

Dennoch sehen Daubner und Höhmann in dem Areal noch immer viel Potenzial. Daubner schlägt vor, das Industriedenkmal einer „Mischnutzung“ zuzuführen. Das Areal könne kulturell genutzt werden, zum Beispiel für Open-Aufführungen, Konzerte oder Lichtinstallationen. Für Letzteres würde sich besonders der Schornstein mit seiner markanten Höhe anbieten. Zum anderen sei ein Wohngebiet auf dem Gelände „sinnvoll“. „Wohnen ist eine attraktive Nachnutzung“, sagte Daubner. Auch die weiteren Gebäude, die noch bestehen, sollten erhalten werden, da sie „identitätsstiftend“ seien und den Originalcharakter des Industriedenkmals erhielten.

Schon heute wird die Hochofenplaza für Veranstaltungen genutzt. Dies könnte künftig deutlich ausgebaut werden. Die Cowper (Winderhitzer) und der Kamin im Hintergrund eignen sich für Lichtinstallationen, sagen Experten.

Neuer Stadtteil mit Identität

Wichtig sei, das „direkte Nebeneinander von kultureller Denkmalnutzung und Wohnen“ räumlich aufzulockern, da Daubner hier einen Konflikt vermutet – zum Beispiel durch Lärm. Parkplätze, Grünanlagen, Verbindungswege oder ein Café als sozialer Treffpunkt könnten das Areal insgesamt „strukturieren“. Auch gewerbliche Nutzungg mit dem bereits sanierten Boden im Osten des Geländes sei möglich. Werde dies perspektivisch umgesetzt, so sein Fazit, könne das Gelände „ein schönes Stück neuer Stadt mit eigener Identität“ werden.

Ein Kran hat die Stahlfackeln der Maxhütte eingerissen. Damit endet ein Stück Industriegeschichte.

Sulzbach-Rosenberg

In der anschließenden Debatte der Stadträte wurde klar, dass für eine Umgestaltung des Areals dringend Unterstützung mit Fördergeldern nötig sei. Alle Redner waren sich fraktionsübergreifend einig, dass sowohl der Freistaat als auch der Betreiber, Max Aicher, anteilig beteiligt werden sollten.

Bayerische Fördergelder eintreiben

Rolf Höhmann stärkte den Räten hierbei den Rücken und kritisierte das fehlende Bewusstsein der Staatsregierung für die Bedeutung der Maxhütte als wichtigem Teil der bayerischen Industriegeschichte. „Sie sind leider auch Opfer dieser Ignoranz geworden, dass in Bayern Industriedenkmäler wenig gefördert werden.“ In Nordrhein-Westfalen würde die Landesregierung die eigene Montangeschichte deutlich mehr achten. Der Industriearchäologe appellierte mit Nachdruck an die Räte, mehr Druck auf die Staatsregierung auszuüben: „Wehren Sie sich doch mal. Nur mit einem starken Bekenntnis zum Maxhütten-Gelände als wichtigem historischen Erbe für die bayerische Geschichte werden Sie etwas erreichen.“

Kommentar:

Maxhütten-Entwicklung erfordert Beharrlichkeit

Mit der Zustimmung zum Bau der Oberpfalz-Arkaden ist für Sulzbach eine wichtige strukturpolitische Entscheidung für die nächsten Jahrzehnte getroffen worden. Im Stadtteil Rosenberg steht das mit Blick auf das Maxhüttengelände noch aus. Schonungslos offen haben Industriearchäologen aus Darmstadt dem Stadtrat – ihrem Auftraggeber – ins Gesicht gesagt, dass hier zu lange nichts passiert ist. Mit deutlich mehr Vehemenz hätten unsere Politiker in München Druck machen müssen, um Fördergelder zu bekommen, so der Tenor.
Zwar ist eine staatliche Unterstützung unabdingbar, allerdings tun sich die Experten aus Darmstadt auch leicht damit, eine solche Forderung in den Raum zu stellen. Im Landtag vorstellig werden müssen sie selbst nämlich nicht. Und dort weht ein anderer Wind als in Nordrhein-Westfalen, wo wegen der Montanprägung traditionell viel Geld in Industrieareale gesteckt wird.
In der Stadtratssitzung fiel ein interessanter Vergleich: Bayern schießt jährlich Millionen Euro in seine Königsschlösser, hat aber nur wenig für seine Industriegeschichte übrig. Den Aufstieg vom Agrar- zum Industrieland verdankt der Freistaat aber vor allem Anlagen wie der Maxhütte. Auf einen zumindest rudimentären Mentalitätswandel in München zu drängen, wäre also ein legitimes Anliegen. Zugegeben: Ein dickes Brett zu bohren für unsere Lokalpolitik. Aber zweifelsohne eines, das die Mühen wert wäre. Mit Schützenhilfe aus dem Landratsamt und unseren Landtagsabgeordneten sollte das Brett zu knacken sein.

Tobias Gräf

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