09.02.2021 - 16:30 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Moderne Drucksache: Laserstrahl im Seidel-Saal

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Drucken kann doch jeder. Ein paar Mausklicks – und fertig. Früher war die Schwarze Kunst sehr viel anspruchsvoller. Derzeit experimentiert ein Nachwuchsdrucker im Sulzbach-Rosenberger Seidel-Saal.

Der erste Druck von einem neuen Druckstock ist noch ziemlich blass.
von Autor COGProfil

Viele Interessierte haben schon in der Historischen Seidel-Druckerei in Sulzbach-Rosenberg den Bleisatz und den Druck mit dem alten Heidelberger Tiegel erlebt. Jürgen Hellmann interessiert sich für eine andere Technik. Er arbeitet mit Holzschnitten an der Druckpresse des Stiberfähnleins.

Die Presse entspricht ungefähr dem Gerät, mit dem auch Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert arbeitete. Hier ist sie aus Metall. Eine große Verbesserung, die Gutenberg einführte, ist der bewegliche Untertisch, den man mit dem Papier unter den Stempel schiebt. Bis etwa 1800 war das die übliche Bauart einer Druckpresse. Es gibt nur einen Unterschied zu den historischen Geräten: Bei Gutenberg und seinen Nachfolgern war die Spindel, mit der man den Stempel auf den Druckstock senkt, aus Holz gedrechselt.

Wissenschaftliche Vorlagen

Hellmann ist dem historischen Verein dankbar, dass er die Presse benutzen darf. Zum Drucken gehört aber noch mehr, nämlich ein Druckstock. Hellmann arbeitet weder mit den Bleilettern, noch mit den vielen Holzschnitten, Kupfer- und Stahlstichen aus dem Seidel-Bestand. Er fertigt selbst Holzschnitte an. Hierbei verbindet er traditionelle und allermodernste Techniken. Denn er er schnitzt nicht mit dem Messer, sondern benutzt einen Laser. Die Vorlagen dafür findet er im Internet. Er benutzt nämlich gern die Digitalisate, also Scans von Büchern aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die die wissenschaftlichen Bibliotheken zur Verfügung stellen.

Wenn er ein interessantes Motiv, zum Beispiel einen Totentanz oder eine satirische Darstellung des Papstes, gefunden hat, fängt die Arbeit an. Die alten Bücher sind nämlich meist schmutzig, wurmstichig oder haben Schimmelflecken. Deshalb bereitet er das Bild digital auf, um, wie er sagt, „eine saubere schwarz-weiß Datei zu bekommen“. Dann macht er das Bild mindestens 20 % größer oder kleiner, um sicherzustellen, dass sein Druck nicht mit einem Original verwechselt wird.

Verbrannte Punkte

Für den Holzschnitt benutzt er einen Laser. Der brennt Punkt für Punkt alles, was beim Drucken weiß bleiben soll, aus der Holzoberfläche. Bei einer Platte im Format A4 dauert das etwa acht bis zehn Stunden. Der verbrannte Punkt hat einen Durchmesser von unter 0,1 Millimeter, damit sind feine Linien möglich, aber nicht so zart wie bei einem Kupferstich. Wichtig, hat Hellmann festgestellt, ist auch die Verwendung des richtigen Holzes. Mit Brettern aus dem Baumarkt hat es nicht funktioniert. Jetzt benutzt er Multiplex-Platten, also Furnier-Sperrholz-Platten, die in der Möbelschreinerei verwendet werden. Ein Sulzbacher Tischler überlässt Hellmann seine Reste.

Inzwischen hat der Drucker ein knappes Dutzend Druckplatten. Für den Druck verwendet er Büttenpapier und eine Farbe, die er nach historischem Rezept aus Leinöl und Ruß anmischt. Der Druckstock wird eingefärbt, in die Presse gelegt, darauf kommt das Papier, oben darauf zur besseren Druckverteilung noch ein kleiner Stapel Papier, und dann endlich kann der Drucker den Unterwagen unter den Stempel schieben, den Stempel herunterschrauben, wieder hochschrauben, den Unterwagen herausziehen und aufklappen. Erst nach all diesen Arbeitsschritten sieht er, ob der Druck gelungen ist. Dabei hat Hellmann festgestellt, dass die ersten Drucke mit einem neuen Druckstock nicht gut werden. Erst muss das Holz wirklich genug Farbe aufgenommen haben, sonst sind die Linien blass und lückenhaft.

Für den Förderkreis

Für Hellmann ist Drucken ein Hobby, aber es soll auch einem guten Zweck dienen. Seine Produkte will er deshalb zugunsten des Seidel-Förderkreises verkaufen. Ein Projekt ist ein Kalender für 2022 mit allegorischen Darstellungen der Monate nach einem frühneuzeitlichen Vorbild. Außerdem überlegt er, Grußkarten zu drucken. Für weitere Ideen ist Hellmann offen. So wird die Verbindung alter mit moderner Technik fruchtbar gemacht für den Erhalt der Historischen Druckerei, und wenn wieder öffentliche Veranstaltungen möglich sind, um großen und kleinen Interessierten die Geheimnisse der Schwarzen Kunst zu enthüllen.

Mehr zum Seidel-Anwesen in Sulzbach-Rosenberg

Sulzbach-Rosenberg

„Wenn ich ein interessantes Motiv, zum Beispiel einen Totentanz oder eine satirische Darstellung des Papstes, gefunden habe, fängt die Arbeit an. Die alten Bücher sind nämlich meist schmutzig, wurmstichig oder haben Schimmelflecken.“

Jürgen Hellmann

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.