11.12.2020 - 16:00 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Motorradfahren im Winter: Auf einen Wodka nach Murmansk

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Es klingt fast wie ein Anachronismus, aber die Motorradsaison von Dezember bis März fällt wegen Corona aus. Die großen Wintertreffen wurden abgesagt.

Dieses Bild gibt wohl am besten die Faszination des Winterfahrens wieder: Einsame weiße Straßen, angezuckerte Wälder und blauer Himmel.
von Heidi FranitzaProfil

In den letzten Jahren donnerten am letzten Januar-Wochenende meistens ein paar schwere Motorräder mit Beiwagen durch Sulzbach-Rosenberg. Manchmal parkten sie im Hof der Brauerei Sperber. Winterharte Typen legten dann auf dem Weg zum Elefantentreffen im Bayerischen Wald noch einmal einen Halt ein.

Kessel bleibt leer

Im kommenden Januar wird man vergeblich darauf warten, dass dick vermummte Gestalten auf verwegen beladenen Maschinen über die B 85 nach Solla bei Thurmannsbang fahren. In den Kessel, wie es im Winterfahrer-Fachjargon heißt, denn der Platz des Treffens liegt in einem tiefen Kessel. Runter kommt man da immer, wieder rauf manchmal nur mit vereinten Kräften. Aber 2021 findet wegen Corona kein Elefantentreffen statt. Der Bundesverband der Motorradfahrer hat das Treffen bereits im Herbst abgesagt. So wie fast alle bekannten Wintertreffen in Europa abgesagt wurden.

Der Oberpfälzer Winterdienst erwartet einen harten Winter

Schwandorf

2000 Kilometer Anreise

„Über dem Samovar-Treffen in Russland steht noch ein Fragezeichen“, so der erfahrene Winterfahrer Martin Franitza. „Aber eine Anreise über 2000 Kilometer nur auf Verdacht ist für viele keine Alternative.“ Franitza und seine Frau Heidi gehören zu den überzeugten Winterfahrern. Mit ihrem Gespann haben sie vom Elefantentreffen bis zur Winterreise ans Nordkap und weiter nach Murmansk schon viele Abenteuer erlebt. „Wenn nachts die Luftfeuchtigkeit gefriert und die Eiskristalle wie tausend Diamanten im Scheinwerferlicht tanzen, dann hat sich jede Anstrengung rentiert“, versucht Martin Franitza die Faszination am Winterfahren zu erklären. „Man nimmt die Natur anders wahr. Man muss sich mit ihr ganz anders auseinandersetzen!“

Wenn nachts die Luftfeuchtigkeit gefriert und die Eiskristalle wie tausend Diamanten im Scheinwerferlicht tanzen, dann hat sich jede Anstrengung rentiert.

Martin Franitza

Martin Franitza

Zwiebelprinzip als Wahl

Manchmal erntet Heidi Franitza nur Kopfschütteln, zum Beispiel an Tankstellen. „Ich höre dann oft die Frage, ob es denn nicht kalt sei? Na klar ist es kalt, wenn das Thermometer minus 10 Grad oder noch weniger anzeigt. Aber gegen die Kälte kann man sich schützen!“ Das Zwiebelprinzip bei der Bekleidungswahl hat gerade beim Winterfahren seine Berechtigung. Das Maß aller Dinge sei jedoch der sogenannte A4-Anzug. „Diesen Winterfahrer-Anzug hat ein begnadeter Entwickler von Motorradbekleidung konstruiert, der selbst gerne im Winter fährt“, beschreibt die engagierte Verlegerin von Motorrad- und Regionalliteratur die aktuelle Bekleidungsphilosophie der Winterfahrer.

Kleiner Finger erfroren

„Mit dem Anzug schwitzt du selbst um den Gefrierpunkt noch!“ Sie muss es wissen, denn die tiefsten Temperaturen erlebten sie in Norwegen. An minus 37 Grad wird sie heute noch von einer Erfrierung am kleinen Finger erinnert. Er kribbelt schmerzhaft, wenn die Thermometeranzeige unter den Gefrierpunkt fällt.

Motorradfahrer, die Wintertreffen besuchen und den Winter ernst nehmen, sich mit Motorrad und Ausrüstung gewissenhaft darauf vorbereiten, gibt es einige Tausend in Europa, Nordlandfahrer mit Skandinavien- oder Russlanderfahrung nur wenige Hundert. „Als wir 2009 in Kirkenes die Grenze zu Russland querten“, erinnert sich Martin Franitza, „meinte ein norwegischer Grenzbeamter, dass wir das erste Motorrad seien, das er in seiner langen Laufbahn hier im Winter gesehen habe. Heute ist diese Tour fast schon Standard. Das große Abenteuer ist jetzt der zugefrorene Baikalsee in Sibirien mit eigener Anreise!“

Dieses Jahr ist alles anders. Das gesellschaftliche Leben hat sich radikal geändert. Corona wirkt sich auch bei einer so kleinen Gruppe wie den begeisterten Motorrad-Winterfahrern aus. Als kleiner Trost für die ausgefallenen Wintertreffen bleibt nur die DVD „Ein Wodka in Murmansk“. Diesen eiskalten Film über eine Motorradwinterreise sollte man nur mit Glühwein, Winterpulli und Kuscheldecke genießen.

Mehr zu Motorradtouren der Franitzas

Auch der zweite verletzte Polizist ist gestorben

Amberg

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.