09.05.2021 - 12:59 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Oberpfälzer Poet mit Zukunftsangst

„Wäi mir da Schnowl gwaggsn is“, so redet Dieter Radl schon immer. Der Sulzbach-Rosenberger verfasst humorvolle Gedichte und Geschichten in Oberpfälzer Mundart. Doch in seinem neuen Buch „Nird schlampert“ geht es auch um Zukunftsängste.

Reisen sind wichtig für Dieter Radl, vor allem Wanderungen durch Wüsten. Exerzitien für Geist, Seele und Körper nennt er sie durch die Reduktion auf das Wesentliche und Notwendige.
von Helga KammProfil

Das Virus verändert auch den Alltag von Dieter Radl. So hat Corona – für den Sulzbach-Rosenberger frei nach Karl Valentin „das pandamische Virus“ – die öffentliche Präsentation von Radls neuem Buches verhindert. „Keine Lesungen seit Anfang 2020“, klagt er, „und damit auch keine Möglichkeit, mein Buch ‚Nird schlampert‘ persönlich vorzustellen“. Auf gut hundert Seiten führt er darin mit Gedichten und Texten durchs Jahr, erzählt von Menschen, von seiner Stadt, von der Natur und der Kultur seiner Heimat.

Bereichert wird der Band durch stimmungsvolle Fotos von Walter Mayer, der Landschaften, Pflanzen und Gegenstände nicht nur „knipst“, sondern ihren Inhalt lebendig werden lässt. Den Titel des ausschließlich in Oberpfälzer Mundart geschriebenen Buches erklärt der Autor als Worte der Zustimmung, Anerkennung und Wertschätzung, „mit denen der wortkarge Oberpfälzer etwas Bewundernswertes ausdrücken will“.

In Sulzbach-Rosenberg und weit darüber hinaus ist Dieter Radl bekannt als Mundart-Poet, der sich unermüdlich dafür einsetzt, den Dialekt als Kulturgut zu erhalten. Seine Heimatstadt hat dem 79-Jährigen den Kulturpreis verliehen; die Knorr-von-Rosenroth-Medaille und weitere Auszeichnungen sind Anerkennung seiner Arbeit, die auch zahlreiche Ehrenämter im sozialen, politischen und kulturellen Bereich umfasst.

Spaß beim Reimen

Bis zum Jahr 2006 war Radl Lehrer an der Förderschule, dann ging er in den Ruhestand. Und von da an begann er, die vielen Geschichten, die er im Kopf hatte, aufzuschreiben. "Prosa und Gedichte nebeneinander", beschreibt er sein Arbeiten, „wobei mir das Reimen immer den größeren Spaß macht“, wie er sagt. Über Jahre hinweg sind humorvolle, besinnliche, auch philosophische Texte entstanden, kleine Gedichtbände und die im Eckhard-Bodner-Verlag erschienenen beiden Bücher „Wäi mir da Schnowl gwaggsn is“ und „Nird schlampert“.

Dieter Radl hat sich der Erhaltung der Oberpfälzer Mundart verschrieben. Es ist ihm ein Anliegen, in schriftlicher und mündlicher Form ein Stück Identität der Heimat zu sichern. Er schreibt, was ihm einfällt oder „nachts im Kopf umgäit“, sagt er, legt aber auch Pausen ein, „wenn i niat moch“. Er erinnert an das Sulzbach seiner Kindheit, an Feste, Orte, stadtbekannte Personen und erzählt von seinen Bubenstreichen. In Mundart und mit köstlichem Humor zeichnet er ein Milieu und ein Lebensgefühl, das Vergangenheit und heute nicht mehr vorstellbar ist.

Gefragter Gast

Natürlich ist der Oberpfälzer Poet damit ein gefragter Gast bei Veranstaltungen. Lesungen mit Dieter Radl im Rathaussaal, in der Druckerei Seidl, am Goglhof, im Landkreis und darüber hinaus versprechen immer ein volles Haus. Er war zu Gast bei Evi Strehl im Bayerischen Rundfunk und machte Tonaufnahmen im Oberpfälzer Dialekt für die Staatliche Bibliothek in Regensburg. Ebenso engagiert er sich in der Erwachsenenbildung und hilft Vereinen durch seine Benefiz-Lesungen. „Meist habe ich eine Vielzahl von Lesungen im Winterhalbjahr gehalten“, blickt Radl zurück. Dann kam Corona, das er mit Galgenhumor „das pandamische Virus“ nennt, und alle Aktivitäten kamen zum Erliegen. Sein erstes Buch „Wäi mir da Schnowl gwaggsn is“ war da bereits ausverkauft, das zweite in Bearbeitung. In „Nird schlampert“ beschreibt er zusammen mit Co-Autor Walter Mayer die Oberpfälzer Heimat in Wort und Bild, führt durch die Monate Januar bis Dezember.

Die Schönheit der kleinen Dinge

Er reimt Verse über „an Schnäiwinter fräijer“, beschreibt den „Gorsbog“ als „die Kouh vom kloiner Ma“ oder das „Schousternacherl“, die blaue Blume. Er lässt „A neibacherns Bauernbroud“ duften und krachen und ist genervt von der „langhaxerden, iwerall hoggerden Fläing in da Wohnschdum“. Falter, Blumen, Schwammerln, „as alde Kannerbee“, ein „Wasserdrobbfn“, all das öffnet den Blick für Schönheit und Wert der oft kleinen Dinge, macht nachdenklich und lässt auch mit Wehmut auf vergangene Kinder- und Jugendtage zurückschauen.

Die Gegenwart und Zukunft spart Dieter Radl dabei nicht aus. „Was ma Angst macht“ heißt zum Beispiel ein Gedicht in diesem Buch, das Bezug auf Corona nimmt, in dem es um die Alten geht, die Risikogruppen, um vermeintlich unwertes Leben. Großen Anteil an Radls beiden Büchern hat sein Freund Walter Mayer (75), der seit mehr als dreißig Jahren fotografiert. Er hält Bemerkens-, Bewunderns- und Bewahrenswertes mit seiner Kamera fest, weist mit seinen Aufnahmen auf die Schönheit der Landschaft und ihrer Flora und Fauna hin.

Dialekt schwer zu lesen

Was seine Dialekt-Texte betrifft, weiß Radl: Oberpfälzisch ist nicht nur schwierig zu schreiben, es ist auch nicht leicht zu lesen. „Man muss sich 'hineinlesen' und dann 'herausreden', erklärt er, „muss den Text in Sprache umformen, um den Oberpfälzer Dialekt in all seiner Bildhaftigkeit und Ausdruckskraft zu verstehen“. Dass das funktioniert, hat er bei seinen Lesungen immer wieder erfahren, auf die er nun seit vielen Monaten verzichten muss. "I gfrei me über jede Lesung", sagt er ein wenig wehmütig. „Und wenn d'Leit bal wieda sogn kinna: des wor schöi, dann gäits ma wieda richtig guat“.

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Mit „nird schlampert“ will der wortkarge Oberpfälzer etwas Bewundernswertes ausdrücken“.

Dieter Radl über den Titel seines neuen Buches.

Dieter Radl über den Titel seines neuen Buches.

 

 

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