07.09.2021 - 16:49 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

In St. Anna ist der Wurm drin: Kirchen-Begasung in Sulzbach-Rosenberg

Die Annabergkirche in Sulzbach-Rosenberg ist eine Woche lang hermetisch abgeriegelt. St. Anna wird mit einem giftigen Gas geflutet – um dem Holzwurm Herr zu werden. Vom Altar bis zur Orgel hat sich der Schädling durch das Holz gefressen.

Der hölzerne Boden im Gestühl der St.-Anna-Kirche ist übersät mit kleinen, gelblichen Häuflein: Sie sind ein untrügerisches Zeichen dafür, dass sich die Larve des Gemeinen Nagekäfers durch das Holz frisst und es zerstört. Kühle und feuchte Räume wie in einer Kirche begünstigen die Entwicklung der Larven.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Kein Zutritt für Gläubige und Besucher: Noch bis zum kommenden Wochenende ist rund um die Annabergkirche in Sulzbach-Rosenberg eine Sicherheitszone eingerichtet. Auch die sonntäglichen Abendlobe fallen vorerst aus. Der Grund: In dem Gotteshaus sind Experten für Schädlingsbekämpfung am Werk. Der Gemeine Nagekäfer, umgangssprachlich auch Holzwurm genannt, hat sich in St. Anna eingenistet – und das bereits seit Jahren. Das zwei bis fünf Millimeter große Insekt frisst sich durch das Holz und zerstört das Interieur. Nun drängt die Zeit.

„Der Befall ist wirklich dramatisch“, sagt Josef Eckert. Der 60-Jährige von der Firma Binker Materialschutz aus Lauf an der Pegnitz ist mit drei Kollegen jeden Tag dieser Woche am Annaberg. „Wir sind von Flensburg bis Bozen im Einsatz, befallene Kirchen säubern ist unser Hauptgeschäftsfeld“, sagt der erfahrene Schädlingsbekämpfer. „Der Käfer ist fast überall: Im Haupt- und im Seitenaltar, im Boden, im Gestühl und der Orgel“, sagt Eckert über die mehr als 350 Jahre alte Wallfahrtskirche.

Gelbe Mehlhaufen am Boden

Wer sich in St. Anna umschaut, entdeckt schnell kleine, gelbliche Häuflein – Holzmehl, das die Larven auswerfen, wenn sie sich durch das Gebälk fressen (siehe Infokasten). „Die Treppe zur Kanzel kann nicht mehr betreten werden, sie ist durch den Befall bereits morsch“, erklärt Eckert. Und tatsächlich: Der Blick auf die Stufen der Kanzel zeigt Hunderte kleine schwarze Löcher. Wenn sich die Larve verpuppt und zum flugfähigen Käfer wird, verlässt das geschlechtsreife Insekt über diese Löcher das Holz und begibt sich auf die Suche nach einem Paarungspartner. „Dann beginnt das Ganze von vorne“, sagt Eckert. „Die Käfer legen ihre Eier in die Spalten und Ritzen im Holz. Aus den Eiern schlüpfen Larven, und die Fressen sich so lange durchs Holz, bis sie wieder zu Käfern werden.“

Um diesen Zerstörungskreislauf zu stoppen, sind die Fachleute mit einer „Spezialwaffe“ angerückt: Sulfuryldifluorid. Das Gas hat sich bei der Vernichtung von Schädlingen bewährt. Der Innenraum der Kirche wird damit geflutet, die Larven sterben. Weil das Insektizid auch für Menschen lebensbedrohlich ist, steht Sicherheit an oberster Stelle. Am Montag haben die Schädlingsbekämpfer die Kirche deshalb hermetisch abgeriegelt. „Wir dichten sämtliche Öffnungen mit einer gasdichten Folie ab: Fenster, Türen, das Himmelfahrtsloch. Alle Ritzen werden mit Klebefolie und Kleister abgedichtet.“

Am Dienstag begann schließlich die Begasung. Weil das Gas in Flaschen bei Minus 55 Grad gelagert werde, muss es laut dem 60-Jährigen vor dem Einsatz aufgewärmt werden. Anschließend werde es mit Hilfe des Gaswäschers gereinigt. „Falls Rost oder Rückstände in den Flaschen waren, damit das Gas rein ist und gut wirkt.“ Über einen Schlauch wird es anschließend in die Sakristei eingeleitet. „Es kommt ein Ventilator zum Einsatz, damit es sich im Kircheninnenraum schneller verteilt.“ Weil dieser sehr groß ist, rechnet Eckert damit, dass er zwei Gasflaschen verbraucht. „Jede Flasche fasst 56 Kilo. Das Einleiten des Gases dauert circa drei Stunden.“ Dies alles werde von außen gesteuert. Kein Mitarbeiter betritt während der Begasung die Kirche, auch nicht mit Schutzanzügen.

Einbrecher würden sterben

Damit in der Zwischenzeit niemand die Kirche betritt und sich gefährdet, werden das Umfeld von St. Anna abgesperrt und Warnschilder aufgestellt. „Wir haben auch alle Schlüssel von allen Türen eingesammelt, sicher ist sicher“, sagt Eckert. Und was ist, falls ein Einbrecher die Gelegenheit nutzen sollte, wenn eine Woche lang niemand die Kirche betritt? „Das wäre ziemlich dämlich“, sagt der Schädlingsbekämpfer schmunzelnd. „Er würde nie wieder rauskommen.“ Das Gas sei nämlich nicht nur hochgiftig, sondern auch farb- und geruchlos.

Gas entweicht über Glockenturm

Die Fachleute werden täglich am Annaberg sein und mit Messgeräten die Begasung überwachen. Am Freitag wird das Insektizid schließlich wieder abgesaugt. Dabei werden nicht einfach die Türen geöffnet und durchgelüftet. Das Gas wird über die Öffnungen im Kirchturm abgelassen. „Das passiert auf Höhe der Glocken, damit es gleich nach oben entweicht und sich ohne Kontakt zu Menschen verflüchtigt.

St. Anna dürfte bereits am kommenden Wochenende wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Ein Risiko besteht dann nicht mehr. „Wir haben Messgeräte und geben die Kirche erst frei, wenn wir nichts mehr messen.“ Auch eine Methode, um den Erfolg der Begasung zu belegen, haben die Fachleute. „Wir haben in der gesamten Kirche Testboxen, die von der Landesgewerbeanstalt kommen, mit lebenden Larven des Holzwurms ausgelegt. Wenn die Larven in den Boxen tot sind, können wir sicher sein, dass alle Würmer in der Kirche tot sind.“

Ist das Holzwurm-Problem damit für immer gelöst? Eine Garantie dafür gibt es nicht. „Das Gas ist rückstandslos“, sagt Eckert. „Deshhalb gibt es auch keine vorbeugende Wirkung. Der Käfer kann theoretisch wieder kommen. Aber auf viele Jahre wird bestimmt erst mal Ruhe sein.“ Zudem werde einige Monate nach der Begasung auch der Dachboden chemikalisch behandelt.

50 000 Euro für den Wurm

Das dürfte auch Pfarrer Herbert Mader freuen. Der neue Seelsorger, der erst seit 1. September von Walter Hellauer die Leitung der Pfarrei St. Marien übernommen hat, musste für den Kampf gegen die Schädlinge nämlich tief in die Tasche greifen. „Das war nicht billig. Es kostet knapp 50 000 Euro“, sagt Mader. Die Diözese werde sich aber zur Hälfte an den Kosten beteiligen.

Entdeckt worden seien die Mehlhaufen, die auf den Käfer hindeuten, bereits im vergangenen Frühjahr, als die Kirche für die Wallfahrtssaison hergerichtet wurde. Aber: „Unsere Annaberg-Helfer, die die Kirche ehrenamtlich betreuen, waren sehr gründlich. Sie haben die Häuflein regelmäßig weggekehrt“, sagt Mader schmunzelnd. Auch das Einholen eines Gutachtens und die Auftragsvergabe hätten gedauert.

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Hintergrund:

Der Gemeine Nagekäfer (Holzwurm)

  • Vorkommen: Der gemeine Nagekäfer ist zwischen 2 und 5 Millimeter groß und in ganz Europa heimisch. Er ist ein Trockenholzschädling – befällt also kein frisches Holz.
  • Lebenszyklus: Der flugfähige Käfer legt Eier in Spalten und Ritzen von altem Holz. Aus den Eiern schlüpfen Larven und fressen sich durch das Holz. Schließlich verpuppt sich die Larve und fliegt als geschlechtsreifer Käfer auf der Suche nach einem Paarungspartner davon. Das Weibchen macht sich dann erneut auf die Suche nach Holzritzen für die Eierablage – der Kreislauf beginnt von vorne.
  • Bedingungen: Um wachsen zu können, brauchen die Larven Feuchtigkeit und bevorzugen kühl-feuchte Orte. Kirchen, Dachböden oder Ställe sind deshalb besonders gefährdet. Wann eine Larve fertig entwickelt ist, hängt von den Bedingungen ab und dauert ein bis acht Jahre.

„Unsere Annaberg-Helfer, die die Kirche ehrenamtlich betreuen, waren sehr gründlich. Sie haben die Häuflein regelmäßig weggekehrt.“

Pfarrer Herbert Mader über das Holzmehl als Anzeichen für Käferbefall in der Annaberg-Kirche

Pfarrer Herbert Mader über das Holzmehl als Anzeichen für Käferbefall in der Annaberg-Kirche

 

 

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