20.08.2021 - 11:58 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Sulzbach-Rosenberg: Die Turmuhr von St. Anna – und ihr eigensinniges Werk

„Wem die Stunde schlägt“ ist ein Roman von Ernest Hemingway. Hätte er ihn auf dem Annaberg geschrieben, hieße er wohl anders. Denn die dortige Kirchturmuhr schlägt nicht immer richtig. Ein Experte und ein Annaberg-Pfleger wissen, warum.

Der Annaberg-Kirchturm mit seiner Uhr in 20 Metern Höhe hat nur ein Ziffernblatt - es prangt an der Südseite. Doch das 120 Jahre alte Uhrwerk schlägt nicht immer richtig: Vogelfedern und die Witterung bringen es gelegentlich aus dem Takt.
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Die höchste Uhr der Stadt ist rund 120 Jahre alt, weiß der Sulzbach-Rosenberger Uhrmachermeister Markus Sindel. Er kennt die Uhr im Turm der Wallfahrtskirche St. Anna gut, weil er sie schon mehrfach gewartet hat – bislang immer mit Erfolg. Oberpfalz-Medien hat mit ihm über die Macken und Besonderheiten im Umgang mit einer Jahrhundertealten Kirchturmuhr gesprochen.

Zunächst erklärt Sindel: Die 80 mal 80 Zentimeter große Uhr sitzt gar nicht hoch oben im Turm hinter dem Zifferblatt, sondern im ersten Stock über der Sakristei. Eine Zeigerwelle verbindet das alte Uhrwerk mit der Anzeige in rund 20 Metern Höhe. Senkrecht verlaufen im Turm über dem Kirchenschiff Seilzüge, die über Umlenkrollen und Gewichte das Werk antreiben. Und genau da liegt das Problem: In diesen freiliegenden Mechanismus gelangen immer wieder Federn von Vögeln und sonstiger Unrat, auch Witterungseinflüsse machen der Vorrichtung zu schaffen.

Auch wenn das Schmierfett steif wird bei bestimmten Temperaturen oder hoher Luftfeuchtigkeit, verstelle sich die Uhr – im Winterhalbjahr käme das regelmäßig vor. „Dabei ist es eigentlich ein recht präzises Werk, sogar mit Graham-Hemmung“, weiß der Experte. Allerdings wäre ein Gangregler mit Scherenhemmung noch genauer.

Gewichtshülsen viel zu schwer

Vor vielen Jahren hatte die Pfarrgemeinde schon einmal einen Turmuhr-Spezialisten beauftragt. „Der hat die mit Schrott gefüllten Gewichtshülsen mit weiterem Eisenschrott beschwert, um das Gewicht zu erhöhen. Aber die Uhr hat immer noch nicht richtig geschlagen“, beschreibt Sindel die ersten Maßnahmen, bevor er die Betreuung übernahm. „Ich bin dann mit meinem damaligen Auszubildenden hinaufgestiegen und habe festgestellt, dass das Gewicht mit 40 Kilo viel zu schwer gewesen ist.“ Die Seilrollen waren zum Stillstand gekommen. „Wir haben alles rausgenommen, inklusive Welle, zerlegt, gesäubert, geschmiert und wieder eingesetzt.“ Das ist jahrzehntelang versäumt worden. Dann funktionierte die Uhr wieder.

Sie hat übrigens, weiß der Uhrmachermeister, drei getrennte Werke. Für die Zeitanzeige ist ein klassisches Gehwerk verantwortlich, eine alte Bauart, die man vor allem in antiken Tisch- und Wanduhren findet. Die beiden Schlagwerke sind für Vier-Viertel- und die Stundenanzeige verantwortlich. Ist das Schlagwerk abgelaufen oder gebremst und das Gehwerk läuft weiter, verliert die Uhr ihre Synchronisation. Das ist die Ursache für die manchmal exotischen akustischen Zeitsignale der beiden Glocken vom Annaberg-Kirchturm.

Zweimal täglich müssen Geh- und Schlagwerke aufgezogen werden mit der Kurbel. „Und bei den Gewichten braucht es viel Gefühl für den Mechanismus“, fügt der Experte an. Die Klöppel schlagen übrigens im Turm an die regulären Kirchenglocken von St. Anna, sie haben keine eigenen Glocken. Sollte man nicht doch mal technisch nachrüsten in der Höhe? Auf keinen Fall, meint Markus Sindel. Für den Ersatz durch eine Elektronikuhr sei die Annaberg-Uhr viel zu schade. Regelmäßiges Warten und Schmieren und vielleicht etwas Schutz vor Umwelteinflüssen, dann läuft die Uhr schon wieder. Eine Generalsanierung wäre allerdings wohl auch keine schlechte Idee.

Die Uhr und ihre zwölf Kümmerer

Hans Schötz ist der Mann, der die Zeit anhalten kann. Gemeinsam mit Senior Willi Herold kümmert sich der Sprecher der zwölf Annabergpfleger (unter ihnen übrigens auch Altbürgermeister Gerd Geismann) um die betagte Kirchturmuhr. Er kennt alle ihre Macken und betreut das Uhrwerk liebevoll seit Jahren. Im Inneren befinden sich sogenannte Windklappen, die durch ihre Rotation das Absinken der Gewichte nach dem Schlagen der Uhrzeit bremsen.

Je nach Luftdruck tun sie das aber nicht immer gleich – mal mehr, mal weniger. „Vor allem in der Übergangszeit im Herbst und Frühjahr kommt es immer wieder mal zu Störungen. Dann stimmt die Uhrzeit nicht mehr, und die Schläge kommen zum falschen Zeitpunkt“, sagt Herold.

Uhr aufziehen per Handkurbel

Grund genug für den sofortigen Aufbruch des für diese Woche zuständigen Annabergpflegers oder von Hans Schötz selbst. Das Werk muss reguliert werden, keine einfache Arbeit. Und zweimal am Tag werden die beiden Schlagwerke und das Gehwerk aufgezogen, meist um halb neun, wenn der Pfleger die Kirche und die Grotte aufsperrt, und dann noch einmal abends zwischen 18 bis 20 Uhr. Der Schlüssel liegt im ersten Stock über der Sakristei auf dem Gehäusekasten. Beim Kurbeln bewegen sich die drei schweren Gewichte, die im Glockenturm hängen, wieder acht bis zehn Meter nach oben. „Hätte man damals 1903 den Kirchturm höher gebaut, bräuchte man nur einmal täglich aufzuziehen, aber so ist die Strecke für die Seile zu kurz.“

Warum keine elektronische Turmuhr? „Ausgeschlossen!“, meint wie Markus Sindel auch Hans Schötz. „So eine ehrwürdige alte Kirche braucht doch eine originale, passende Turmuhr.“ Und solange das Traditionswerk noch so gut geht, wird auch nicht daran gedacht. „Diese Uhr hat schon für so viele Leute die Zeit geschlagen, das sollte man nicht dem sogenannten Fortschritt opfern.“

Schwierige Umstellung auf Winterzeit

Das Läutwerk der drei Annaberg-Glocken wird übrigens an normalen Tagen mechanisch programmiert, ansonsten per Hand gesteuert.

Wie ist das mit der Zeitumstellung? Sommerzeit ist einfach, dann dreht Hans Schötz das entsprechende Zahnrad einfach vor. Rückwärts geht das aber nicht. Also muss das Pendel gestoppt werden. „Das ist schon ein emotionaler Moment, wenn man plötzlich die Zeit anhält!“ Eine Stunde muss er warten, bevor er das Pendel wieder anstupst und das Gehwerk wieder in den gewohnten Rhythmus verfällt. Eine zuverlässige, alte Uhr also, mit Eigenheiten und Macken, aber auch mit liebevollen Pflegern, die ihr stets wieder in die Spur verhelfen. Auf dass sie uns noch lange die Stunde schlagen möge.

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Info:

Wallfahrtskirche St. Anna: Geschichte und Technik

  • Die Wallfahrtskirche St. Anna ist das Wahrzeichen von Sulzbach-Rosenberg. Auf 501 Meter über Normalnull gelegen, markiert sie den höchsten Punkt der Stadt.
  • 1656 ließ Pfalzgraf Christian August auf dem Kastenbühl (heutiger Annaberg) eine Holzkapelle errichten. 1676 wurde die Kapelle durch einen Steinbau ersetzt – mit Steinen aus der früheren Peutental-Kapelle. Dort hatte die St.-Anna-Wallfahrt 1542 ihren Ursprung.
  • 1787 wurde die Steinkapelle zu einer richtigen Kirche erweitert: Das Kirchenschiff mit 22 Metern Länge und 12 Metern Breite kam dazu. 1827 erhielt die Kirche ihren Turm mit einem Zeltdach.
  • 1903/04 erweiterte man das Kirchenschiff um zehn Meter nach Westen. Gleichzeitig bestückte man den Kirchturm mit einer barocken Turmzwiebel – seitdem hat die Kirche ihr heute bekanntes Erscheinungsbild.
  • Auch die Turmuhr wurde 1903 eingebaut. Gefertigt hat sie der bekannte Uhrmachermeister Johann Georg Pfaffenberger aus Gubitzmoos bei Bayreuth.
  • Die Annaberg-Uhr hat übrigens nur ein Ziffernblatt, das auf der Südseite angebracht ist.

„Ich bin hinaufgestiegen und habe festgestellt, dass das Gewicht mit 40 Kilo viel zu schwer gewesen ist.“

Uhrmachermeister Markus Sindel über seine Reparaturbemühungen

Uhrmachermeister Markus Sindel über seine Reparaturbemühungen

 

 

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