09.04.2021 - 16:19 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Trauma-Zentrum hilft IS-Opfern im kurdischen Baadre

Die Arbeit des christlichen Hilfswerks Shelter Now am Hindukusch geht weiter. Auch der Sulzbach-Rosenberger Georg Taubmann wird sich bald wieder auf den Weg dorthin machen.

An zwei Tagen in der Woche kommen traumatisierte junge Frauen für je vier Stunden in das Zentrum in Baadre, um neue Perspektiven für ihr Leben zu finden.
von Autor RLÖProfil

Sie sind jahrelang durch die Hölle gegangen, wurden gedemütigt, vergewaltigt, geprügelt. Ihren Sklavenhaltern, fanatischen IS-Kämpfern, waren sie nicht mehr wert als der Staub unter ihren Sandalen – jetzt können viele dieser jungen Frauen aus der Volks- und Religionsgemeinschaft der Jesiden wieder Hoffnung schöpfen. Mitarbeiterinnen des christlichen Hilfswerks Shelter Now International nehmen sich ihrer in einem neu geschaffenen Trauma-Therapiezentrum an.

Zhian ist der Name dieser Einrichtung im kurdischen Baadre. Auf Deutsch heißt das „Leben“. Das neue, in frischen Farben gestrichene Haus mit hellen Räumen wurde gerade zweckmäßig eingerichtet und hat nach pandemiebedingten Verzögerungen inzwischen seinen Regelbetrieb aufgenommen. An zwei Tagen in der Woche kommen für je vier Stunden junge Frauen in das Zentrum, um neue Perspektiven für ihr Leben zu finden. Es handelt sich um frühere Sklavinnen des sogenannten Islamischen Staates, die zwar inzwischen befreit wurden, aber unter den furchtbaren Erlebnissen in ihrer Gefangenschaft leiden, zutiefst traumatisiert sind.

Vier angestellte und sechs ehrenamtliche Personen arbeiten hier mit 25 bis 30 jungen Frauen im Alter von 18 bis 27 Jahren. Es gibt sowohl individuelle Beratung als auch gemeinsames Singen, Kunsthandwerk, Englisch-Unterricht und Kleingruppenkurse zur Persönlichkeitsentwicklung. Später sollen noch Sport- und Musikkurse angeboten werden, außerdem berufsbildende Kurse, zum Beispiel im Friseurhandwerk.

Lena, Gründerin und Leiterin des Trauma-Therapie-Zentrums, berichtet: „Die Mädchen fühlen sich bei uns sehr wohl. Diejenigen, die zunächst sehr schüchtern, ja ängstlich waren, gewinnen immer mehr Selbstvertrauen und besiegen ihre Ängste. Wir arbeiten mit ihnen in Gruppen sowie individuell beratend. In der Gruppe singen wir auf Englisch und Arabisch. Die Mädchen haben großen Spaß an der Musik und lernen ganz nebenbei Englisch.“

Die jungen Frauen haben als IS-Sklavinnen Schreckliches erlebt, die meisten sind schwer traumatisiert. Lena schildert das Schicksal einer Betroffenen: „Sie hatte große psychische Probleme und wurde immer wieder ganz plötzlich ohnmächtig. Inzwischen geht es ihr von Tag zu Tag besser: Sie kann regelmäßig essen, lacht mehr. Sie vertraut uns ihre Probleme an und gewinnt Selbstvertrauen. Jetzt hat sie sich in einen Jungen verliebt, die Verlobung ist geplant. Sie ist glücklich, dass ihr Leben sich so verändert hat. Inzwischen unterrichtet sie im nahen Flüchtlingslager Englisch. Ich freue mich für sie und über die dramatische Veränderung in ihrem Leben.“

Der deutsche Shelter Now-Direktor Udo Stolte aus Braunschweig zu dem Projekt: „Die Öffnung von Zhian hatte sich pandemiebedingt verzögert. Nun ist die Arbeit angelaufen. An zwei Tagen pro Woche kommen für je vier Stunden junge Frauen in das Haus, erleben Gemeinschaft und werden auch einzeln beraten. Dabei geht es darum, dass sie neues Selbstwertgefühl und Perspektiven bekommen. Ein Jahr Therapie im Traumazentrum kostet für eine Frau 180 Euro – dafür bittet Shelter Now um Spenden.“ (Spendenkonto: Norddeutsche Landesbank, IBAN DE65 2505 0000 0002 5230 58)

Unterstützung aus der Oberpfalz erfährt Shelter Now speziell für die Projekte unter den Jesiden bereits seit Jahren regelmäßig und großzügig durch die in Hirschau angesiedelte Klaus-und-Gertrud-Conrad Stiftung.

2014 hatte der IS aus der Region Sindschar über 6 000 jesidische Frauen und Kinder verschleppt und versklavt. Nach der Niederlage der Terrormiliz kehrten viele zu ihren Familien zurück, etliche werden jedoch weiter vermisst. Der Direktor von Shelter Now International, der Sulzbach-Rosenberger Georg Taubmann, bestätigt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass Shelter Now schon seit 2014 Hilfsprojekte in der Autonomen Provinz Kurdistan im Nordirak unter jesidischen Flüchtlingen durchführt. „Als die Jesiden vor dem IS-Terror flohen, haben wir begonnen, sie mit Trinkwasser und Lebensmitteln und dann auch im Winter mit Heizern und warmen Kleidung zu versorgen. Danach halfen wir bei der Gründung eines Kinderzentrums in dem Flüchtlingslager im Baadre, und jetzt folgte die Einrichtung des Trauma Zentrums für junge Frauen.“

Shelter Now hatte schon 1991 bis 1996 in Kurdistan Dörfern Hauser aufgebaut, nachdem die Truppen Saddam Husseins tausende von Kurden ermordet und viele Dörfer zerstört hatten. Kurt Taubmann, der jüngste Bruder von Georg Taubmann, hat damals eine Schreinerwerkstatt aufgebaut, in der Türen und Fenster für die neuen Behausungen hergestellt wurden. Shelter Now unterhält in Erbil, der Hauptstadt von Kurdistan, ein Büro. Neben den einheimischen Angestellten sind dort auch Mitarbeiter aus Tschechien, USA und Ägypten im Hilfseinsatz.

Georg Taubmann reiste in den vergangenen Jahren regelmäßig, oft auch mit seiner Frau Marianne, nach Kurdistan, um dort vor Ort die Flüchtlingslager und Projekte zu besuchen und die Mitarbeiter zu unterstützen. Er wird im April erneut mit seiner Frau nach Kurdistan aufbrechen. Derzeit hält er täglich in mehrstündigen Videokonferenzen von seinem Büro in Sulzbach-Rosenberg aus Kontakt mit den Shelter-Teams am Hindukusch.

Ein Zeichen der Hoffnung in Afghanistan

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Das neue, in frischen Farben gestrichene Haus hat nach pandemiebedingten Verzögerungen inzwischen seinen Regelbetrieb aufgenommen.
An zwei Tagen in der Woche kommen traumatisierte junge Frauen für je vier Stunden in das Zentrum in Baadre, um neue Perspektiven für ihr Leben zu finden.

 

 

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