13.08.2020 - 10:11 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Ein Viertel der Bevölkerung starb in Sulzbach am Schwarzen Tod

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Pest, Cholera, Syphilis, Pocken und die Spanische Grippe hinterlassen auch in der Oberpfalz ihre Spuren. Aufgrund von zahllosen Seuchen-Toten wurden Friedhöfe aus den Innenstädten nach außerhalb verlegt.

Im venezianischen Karneval sieht man heute noch diese Schnabelmasken. Pestärzte trugen sie einst.
von Redaktion ONETZProfil

Von Dieter Dörner

Bis hinein in das 14. Jahrhundert sprach man von Seuchen oder Pest schlechthin. Wenn im 7. Jahrhundert von einer Pest-Pandemie die Rede ist, könnte es sich demnach auch um Typhus oder um Pocken gehandelt haben. Konkret wird es erstmals 1346 bis 1353, als europaweit die Pest, verursacht durch den Rattenfloh, ausbrach.

Doch die Ursache kannte man damals nicht und suchte, wie auch heute noch gelegentlich üblich, Schuldige. Die hatte man schnell ausgemacht: Juden als Brunnenvergifter. Pogrome folgten, so beispielsweise auch in Neumarkt. Regensburg schützte die dort ansässigen Juden, für den Verbleib der Amberger Juden-Gemeinde gibt es keine archivalischen Nachweise.

Es war eine der vielen Pandemien, welche zumindest große Teile der damals bekannten Welt befielen. In Europa waren nur wenige Enklaven, wie Mailand oder fast ganz Polen, nicht betroffen. Die Schätzungen über die Zahl der Pest-Toten in Europa schwanken zwischen 25 und 80 Millionen, das heißt bis zu 60 Prozent der damaligen Bevölkerung. Nicht gerechnet die am Schwarzen Tod Verstorbenen im Mittleren und Nahen Osten.

Vermeidung direkter Kontakte

Auch die Oberpfalz war betroffen. So soll in Sulzbach ein Viertel der Bevölkerung an der Pest verstorben sein. Vor allem die Ärzte benützten Schnabelmasken, um sich vor der Pest zu schützen. Vorübergehend wirkungsvoller waren sicher die gelegentlich heute noch an alten Häusern zu findenden "Spione". Man konnte damit die Neugierde befriedigen, sah, entsprechenden Standort vorausgesetzt, die Kirchturmuhr und konnte in Seuchenzeit über das "Guggerl" bei Vermeidung direkter Kontakte mit Lebensmitteln versorgt werden.

1494 trat erstmals in Spanien die Syphilis auf. Über die Entstehung, zum Beispiel ungünstiges Zusammentreffen der Gestirne oder Einschleppung aus Amerika, gibt es mehrere Theorien. Die Krankheit wanderte in den folgenden Jahren erst von Süden nach Norden, dann von Westen nach Osten. So wird sie je nach Herkunft als Franzosen-Krankheit, Deutsche - , Polnische - und Russische Krankheit bezeichnet.

"Globalisierung" war noch ein Fremdwort, so brauchte der Erreger geraume Zeit für die Ausbreitung. Im Laufe der Jahrzehnte mussten wegen Ansteckungsgefahr alle Freudenhäuser in Deutschland schließen, in Amberg zum Beispiel im Jahr 1545.

Große Pestwelle in Amberg

Vermutlich spielte dabei in der Oberpfalz die restriktivere Einstellung der Protestanten gegenüber diesen Etablissements auch eine Rolle. Über die Zahl der Toten gibt es keine Aufzeichnungen.

Vom 15. bis in das 17. Jahrhundert blieb wohl kaum ein Ort in der Oberpfalz von der sporadisch grassierenden Pest verschont. Man kann dabei jedoch nicht von einer pandemischen Ausbreitung sprechen. So zum Beispiel zwischen 1482 und 1484 in der gesamten Oberpfalz. Allein in Regensburg sollen 2500 Menschen daran gestorben sein. 1597 verlegte Kurfürst Friedrich IV. sein Hoflager unter anderem wegen der Pest von Amberg nach Neumarkt. Oder 1632: Auf dem Rückzug ließ das Heer in Amberg 250 Pesttote zurück. Dann die große Pestwelle 1634, an der ein Drittel der Amberger Bevölkerung starb.

Nicht nur hier, in vielen Städten der Oberpfalz sah man sich einerseits des Bevölkerungswachstums wegen, andererseits wegen der vielen Seuchen-Toten gezwungen, die Friedhöfe aus den Innenstädten nach außerhalb zu verlegen. So entstanden in Amberg Mitte des 16. Jahrhunderts, benachbart zu den Leprösenhäusern, der Katharinen- und der Dreifaltigkeitsfriedhof mit eigenen Abteilungen für die an der Pest Verstorbenen.

Im 18. Jahrhundert forderten die Pocken jedes Jahr etwa 800 000 Tote in Europa. Von den Geheilten erblindete etwa ein Drittel. Es war der 1772 in Sulzbach geborene Arzt Christoph Raphael Schleis von Löwenfeld, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Bayern die Pockenimpfung einführte.

Briefe als Krankheitserreger?

Im 19. Jahrhundert war die Cholera eine der Geißeln der Menschheit. Noch heute sterben weltweit bis zu 14 000 Personen jährlich an der Cholera. Doch hier muss eher von Epidemien gesprochen werden, da sich die Krankheit meist auf bestimmte Regionen oder Länder beschränkt. In Bayern, ausgehend in München, gab es im Sommer 1854 zirka 15 000 Cholera-Fälle mit 7370 Toten. Oktoberfest und Dulten in der Oberpfalz fielen vorbeugend aus. In Weiden gab die Cholera den Anstoß für den Bau des Krankenhauses.

Unter anderem vermutete man, dass Briefen Krankheitserreger anhafteten. So gab es in Poststationen mit grenzüberschreitender Briefpost – Württemberg und Sachsen waren Ausland – sogenannte "Rastelstationen". Die Briefe wurden mit speziellen Rastelzangen perforiert und zur Vernichtung der Bakterien mit speziellem Rauch gereinigt.

Schließlich kam 1918/19 die Spanische Grippe. 500 Millionen Menschen, ein Drittel der Weltbevölkerung soll daran erkrankt sein, Millionen starben. Die gesamte Oberpfalz war betroffen, allein in Amberg 3000 Personen, wovon 44 starben. In Nürnberg waren so viele Eisenbahner erkrankt, dass nur noch Lebensmittel aus den Zügen ausgeladen werden konnten. (ddö)

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Amberg
Die Pest wütete 1633 und 1634 in Amberg so schlimm, dass ihr täglich bis zu 40 Menschen erlagen. Am 3. September 1634 wurde ein Marienbildnis den Berg hinauf getragen, die Seuche ließ prompt nach. Seitdem gibt es die Wallfahrt auf den Mariahilfberg.
Ein Spion an einem mittelalterlichen Gebäude in Amberg. Mit der Durchreiche konnte man Kontakt zu Infizierten vermeiden.
Dieses kleine Tierchen brachte vielen Menschen Leid und Tod. Der Rattenfloh übertrug die Pest.
Hintergrund:

Neue Epidemien

2002/2003 verbreitete sich das SARS-Coronavirus über vier Kontinente mit Schwerpunkt in China. Insgesamt gab es etwa 8000 Erkrankungen, etwa zehn Prozent der Erkrankten starben. In Deutschland waren es neun Tote.

Dann folgte 2009 bis 2010 die Schweinegrippe mit zirka 575 000 Toten weltweit. In Deutschland wurden 226 000 Erkrankungen mit geschätzten 350 Verstorbenen gemeldet. In Bayern traten über 46 000 Krankheitsfälle auf.

Und nun das Coronavirus Sars-CoV-2. Über 20 Millionen bestätigte Fälle gibt es momentan, über 740 000 Tote weltweit.

Der Vergleich mit der Ausbreitung der Spanischen Grippe vor 100 Jahren liegt nahe. Weltweite Verbreitung, kein Impfstoff. Und trotzdem hinkt der Vergleich.

Die ersten Impfstoffe gegen Grippe gibt es erst seit 1952. Die Zustände, bezogen auf die Hygiene, waren vor 100 Jahren weitaus schlechter und – zumindest in Europa – war, bedingt durch die Folgen des Ersten Weltkriegs das Immunsystem weiter Teile der Bevölkerung geschwächt. (ddö)

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