28.05.2021 - 14:44 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Wolf im Wald: „Wir wollen ja keinen Totalabschuss“

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Den Wald retten, indem man alle Rehe totschießt? Oder sie lieber vom Wolf fressen lassen? Fragen, denen sich Jäger zunehmend stellen müssen. Und da lauern noch ganz andere Gefahren dahinter, meinen der BJV-Vorsitzende und der Jagdberater.

Die Mufflons im Birgland - hier an einer Salzlecke - werden wohl als Erste verschwinden, wenn der Wolf zum Dauergast wird. Die Wildschafe kennen kein Abwehrverhalten gegen den Räuber.
von Autor geProfil

„Wald vor Wild“ soll im neuen Jagdgesetz als Grundsatz dazu dienen, den Rehwildabschuss fast beliebig hoch anzusetzen. Diese Gefahr sehen die Jäger und warnen davor. Der Vorsitzende der Kreisgruppe Sulzbach-Rosenberg des Bayerischen Jagdverbandes (BJV), Stefan Frank, und der Jagdberater für den westlichen Landkreis Amberg-Sulzbach, Dieter Dehling, plädieren gegenüber Oberpfalz-Medien für Vernunft und Augenmaß.

„Wir Jäger waren schon immer eher Vertreter von Wald mit Wild“, stellt Frank voraus. Obwohl der Rehwildabschuss innerhalb von 20 Jahren um 17 Prozent angestiegen sei, komme aus gewissen Ecken immer wieder das Argument, der Verbiss durch diese Wildart mache den Waldumbau unmöglich. „Wir haben schon Angst, dass die bewährte Abschussplan-Regelung fällt“, gibt Stefan Frank zu. Denn das könnte bei manchen Staatsforstbetrieben, die das Rehwild ideologisch eher als Waldschädling betrachteten, zu einem fatalen Abschussfeldzug gegen diese Wildart führen.

Fehler in der Vergangenheit

„Der Jäger kann nicht reparieren, was die letzten Jahrzehnte im Waldbau versäumt wurde“, stellt Frank klar. Es sei viel zu lange auf Baumarten und Monokulturen gesetzt worden. Jetzt solle der Umbau zum naturnahen Mischwald von heute auf morgen erfolgen. „Wir können aber nicht alles Wild aus den Wäldern entfernen.“ Natürlicher Baumnachwuchs sei besser, weil robuster. Aber auch den könne man schützen. Das Problem sei eher ein ökonomisches als ein ökologisches, denn verbissene Bäume gingen ja nicht kaputt, sondern wüchsen eben nur nicht so sehr nach forstwirtschaftlichen Kriterien. „Auf diesen Zug sind mittlerweile auch die Grünen aufgesprungen.“

„Die generelle Abschusserhöhung bringt gar nichts, weil dadurch der Jagddruck auf das Wild steigt und weitere Schäden verursacht“, meint Dieter Dehling dazu. Im großflächigen natürlichen Waldbau funktioniere das alles seit vielen Jahrzehnten reibungslos, weil sich der Verbiss verteilen könne. Das Problem seien die vielen kleinflächigen Waldparzellen, in denen die neuen Leckerbissen fürs Wild ungeschützt wüchsen. „Wenn fünf Wirtshäuser zu haben, geht man halt in das sechste“, beschreibt Dehling die natürliche Auswahl durch die Rehe.

Ist die Eigenbewirtschaftung durch die Grundbesitzer statt die Verpachtung der Reviere die Lösung für den Wald? „Sie kann Sinn machen, wenn der Vorstand der Jagdgenossenschaft selbst aktiver Jäger ist, stellt aber kein Allheilmittel dar“, erklärt der BJV-Chef. Allerdings fielen dann auch die Aufgaben wie hygienische Wildbretverwertung, Jagdausübung, Jagdeinrichtungen, Einsatz bei Wildunfällen und Wildschadensbegleichung an die Jagdgenossenschaft zurück, Pachteinnahmen gebe es keine. „Die Förderung des Waldumbaus geht mit den Jagdpächtern auch und vielfach besser“, fügt Dieter Dehling hinzu.

Gutes Verhältnis

Sämtliche Revier-Hegegemeinschaften im Kreisgruppengebiet lägen bei der Verbissanalyse im grünen Bereich, der Abschuss werde zu 100 Prozent erfüllt, und das Verhältnis zwischen Jagdpächtern und Grundeigentümern sei in der Regel auch überall in Ordnung. Klare Bilanz von Frank: „Wir machen unsere Arbeit.“

Was passiert, wenn der Wolf kommt? „Der ist schon lange da“, weiß Stefan Frank. Fast täglich gebe es Sichtungen, gerade sei von vier Wölfen im Bereich Schnellersdorf die Rede gewesen. Risse von vielen Wildtieren in den Revieren, Bilder auf den Wildkameras und immer mehr Augenzeugen sprächen seit Jahren eine deutliche Sprache. „Wir haben mittlerweile einen größeren Wolfsbestand als Schweden oder Norwegen, und das bei größerer Bevölkerungszahl und weniger Fläche. Leider sehen viele Naturschutzverbände den Wolf aber nicht objektiv.“

Dieter Dehling verweist auf die Weidetierhaltung: „Schafe und Mutterkuh-Herden im Freien zu halten, das werden sich viele überlegen – das Tierwohl muss dann wieder der Stallhaltung weichen.“ Auch auf die Wildbahn wirke sich der Wolf aus: „Das Erste, was komplett verschwinden wird, ist wohl der Bestand an Muffelschafen, der immer ein Alleinstellungsmerkmal im Birgland war.“ Die Schafe hätten dem Wolf nichts entgegenzusetzen und würden von ihm, wie auch schon in anderen Bundesländern geschehen, schnell ausgerottet.

Was ist zu tun? „Wir wollen ja keinen Totalabschuss, aber es braucht dringend eine legale Regulierungsmöglichkeit, den Wolfsbestand im verträglichen Rahmen für unsere Kulturlandschaft zu halten“, stellt Stefan Frank fest. Denn eines sei klar: „Wir haben seit 150 Jahren verlernt, mit dem Wolf zu leben, und wissen jetzt gar nicht mehr, wie gefährlich er werden kann.“ Dazu kämen erhöhte Wildschäden: „Das Wild traut sich nicht mehr raus, der Abschussplan ist dann nicht mehr zu erfüllen. Und vor allem das Schwarzwild bildet zum Eigenschutz immer größere Rotten von 30, 40 Stück. Wenn die auf einem Acker einfallen, liegt der Wildschaden im Hektarbereich.“ Gefordert sei hier seit langem der Gesetzgeber.

Steigender Freizeitdruck

Am Ende stand dann das Corona-Thema Nummer Eins im Wald – der steigende Freizeitdruck auf die Natur. Wanderer, Walker, Jogger, Spaziergänger, Mountainbiker, Kletterer, Reiter und andere bevölkerten zu fast schon jeder Tages- und Nachtzeit die Wege und zunehmend auch die Wälder. Jagdberater Dieter Dehling hat hier eine Bitte. „Jetzt sind auch die Kommunen gefordert, nicht nur massiv Tourismuswerbung zu betreiben, sondern auch für die entsprechende Besucherlenkung zu sorgen.“ Die Naturnutzer sollten halt nicht überall in den Wäldern und Wiesen herumlaufen, sondern sich an die Wege und Pfade halten, Wildruhezonen respektieren und auch an die Aufzuchtzeit der jungen Tiere denken. Ein besonderes Ärgernis seien hier die freilaufenden Hunde: „Sie gehören kategorisch an die Leine. Ganz zu schweigen von der Verunreinigung des Viehfutters, gefährden sie auch die Bodenbrüter sowie junge Hasen und Rehe.“Oft verscheuchten die Spaziergänger auch das Wild von den Wiesen, weil sie bis in den späten Abend, mitten in der Nacht oder schon am frühen Morgen unterwegs sind. Die Folge: erhöhte Verbissschäden im Wald, weil das Wild sich nicht mehr auf die Freifläche traut. Abschließende Bitte der beiden Waidmänner an die Bevölkerung: „Bitte keine Rehkitze aufsammeln und zur Tierauffangstation bringen. Sie werden von ihren Müttern in den Wiesen extra abgelegt und sind keine Waisen.“ Früher, schmunzelt Stefan Frank, habe man das ja sogar noch in der Schule gelernt, da wusste das jedes Kind. So ändert sich halt vieles mit dem Fortschritt. Aber zum Lernen sei es ja nie zu spät.

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Rehe und der Wald - hier herrschen oft sehr unterschiedliche Ansichten. Die Jäger wollen auf jeden Fall Wald mit Wild.

„Jetzt sind auch die Kommunen gefordert, nicht nur massiv Tourismuswerbung zu betreiben, sondern auch für die Besucherlenkung

zu sorgen.“

Jagdberater Dieter Dehling

Jagdberater Dieter Dehling

„Wir haben mittlerweile einen größeren Wolfsbestand als Schweden oder Norwegen, und das bei größerer Bevölkerungszahl und weniger Fläche.“

BJV-Kreisvorsitzender Stefan Frank

BJV-Kreisvorsitzender Stefan Frank

 

 

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