Kirwa ist mehr als Musik und Tanz, Bratwürstln und Bier - das wissen die tausenden aktiven Kirwapaare im Landkreis Amberg-Sulzbach längst. Vielleicht gerade deswegen verlieren sie nicht besonders viele Worte über dieses bayernweit einzigartige Brauchtums-Phänomen. Es weiß ja eh jeder Bescheid. "Die Kirwafeiern werden in der Bevölkerung als etwas ganz Normales und Alltägliches betrachtet", sagte Professor Dr. Manuel Trummer beim Festakt anlässlich der Ernennung zum Immateriellen Kulturerbe in Schloss Theuern.
Faktor von Solidarität und Demokratie
"Kirwa gibt es schon immer. Jedes Dorf hat seine Kirwa. Kirwa gehört einfach dazu. Aber groß darüber nachdenken? Nein. Gerade in der Oberpfalz herrscht ja ohnehin manchmal die Tendenz vor, das eigene Licht ein wenig zu bescheiden unter den Scheffel zu stellen", stellte Trummer fest. Dabei sei das Phänomen Kirwa etwas ganz besonderes, das sich nachhaltig auf Gegenwart und Zukunft des Landkreises Amberg-Sulzbach auswirke.
Trummer stammt aus Vilseck und ist Außerplanmäßiger Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft und Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg. Zusammen mit einem Team von Studenten hat er das Kirwa-Brauchtum beobachtet, analysiert, Interviews geführt und ausgewertet. Ergebnis: Die Bedeutung der Kirwa ist gewaltig als "identitätsstiftendes Moment, als Faktor, an dem sich Lokalstolz festmacht". "Gerade für die junge Generation bietet Kirwa oft die erste Möglichkeit, selbst für die Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen, etwas selbstständig zu organisieren." Kirwa sei ein Faktor von Solidarität und Demokratie für Dörfer und Kleinstädte, weil Kirwa Partizipation und ehrenamtliches Engagement verlangt. Sie bringe Generationen zusammen, stifte Orientierung, teile Werte und überwinde Grenzen. "Jeder, egal ob Metzgerlehrling oder Studentin, darf mitmachen."
"Erbe verwandelt Dinge"
Hinzu kommen die sich von Dorf zu Dorf unterscheidenden Brauch-Elemente, "die jede Kirwa zu etwas Besonderem machen und dem ganzen Phänomen Kirwa eine großartige, ja fast anarchische Dynamik verleihen". Jetzt also der Titel Immaterielles Kulturerbe. Professor Trummer hatte einen Schaukelstuhl mitgebracht und auf die Bühne gestellt, um zu verdeutlichen, was geschieht, wenn etwas Alltägliches plötzlich zum Erbe wird. Es war der Schaukelstuhl, den ihm seine 81-jährige Oma kurz vor ihrem Tod vererbt hat.
"Erbe verwandelt die Dinge, verleiht ihnen eine neue Bedeutung", erklärte Trummer. Seit er den Stuhl seiner Oma als Erbe betrachtet, pflegt er ihn. "Dazu gehört auch, dass man das Erbe von Zeit zu Zeit ein wenig entstaubt und mit kritischem Blick ein paar Schrammen und Dellen repariert, die heute ein wenig hässlich wirken." Trummer erinnerte an einige alte Kirwasprüche oder - lieder, etwa mit rassistischem oder sexistischem Tonfall, "die in unserer heutigen Zeit wirklich nichts mehr verloren haben". "Immaterielles Kulturerbe zu sein, verlangt hier Verantwortung zu übernehmen, und das Angestaubte, aus der Zeit gefallene, behutsam, aber kritisch reflektiert zu modernisieren, um es relevant und offen für alle zu halten."
Prädikat "Gutes Praxisbeispiel"
Der Festakt war auch Anlass Dank zu sagen. Trummer tat dies stellvertretend für die Tausenden, denen die Kirwa am Herzen liegt. Er dankte vor allem den beiden treibenden Kräften hinter dem Kulturerbe-Projekt, der Landkreis-Touristikerin und Kirwamoidl Regina Wolfohr und dem Kirwabeauftragten des Landkreises und Musikanten Dieter Kohl. Dazu gehörten aber auch alle, die sich Drumherum ehrenamtlich engagieren. Nicht zuletzt deswegen sei die Kirwa in das Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes mit dem Prädikat "Gutes Praxisbeispiel" aufgenommen worden. Damit stehe die Kirwa in einer Reihe mit den Passionsspielen Oberammergau, der Landshuter Hochzeit und dem Drachenstich von Furth im Wald.
Professor Trummer richtete den Blick noch in die Zukunft. Die Auszeichnung biete die Chance, eine Diskussion über die Zukunftspotenziale der über 100 Kirchweihfeste für die gesamte Region anzustrengen. "Etwa als weicher Standortfaktor der ländlichen Entwicklung, der Lebensqualität bietet und Orientierung stiftet. Aber auch als Faktor der Integration in einer hochmobilen Welt." Der Festredner ging sogar auf die wirtschaftliche Dimension des Kirwa-Brauches ein. Sie habe das Zeug, wirtschaftlich schwächere ländliche Gemeinden zu vitalisieren. "Wo Kirwa gefeiert wird, wohnt man halt gerne - auch wenn Arbeitsplätze vielleicht eher in Nürnberg oder Regensburg sind." Kirwa bedeute auch Resilienz, Widerstandsfähigkeit in schwierigen Zeiten.
Erbe ist aber immer auch Auftrag. "All das braucht vor allem eines: Menschen, die auch weiter Verantwortung für ihr geteiltes Erbe, für die Kirwa übernehmen."
























Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.