900 Jahre Thurndorf: Ein Lehrer erzählt von früher

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Thurndorf feiert heuer 900. Gründungsjubiläum. Mit einer Hommage erinnert der ehemalige Lehrer Heiner Kohl aus Eschenbach an das Thurndorf der 60er Jahre.

1965 unternahm Lehrer Heiner Kohl (hinten, Mitte) mit seinen Schülern einen Bildungsausflug nach Sinsheim in das Verkehrsmuseum. Mit dabei war auch Bürgermeister Ferdl Buchfelder.
von Fritz FürkProfil

Man schrieb nach der Erzählung von Heiner Kohl das Jahr 1963: Die Anzahl der Kinder der einklassigen Volksschule in Thurndorf hat mit steigender Tendenz die Marke 50 längst überschritten. Die Schule wird zweiklassig mit den Jahrgangsstufen 1 bis 4 (Unterstufe) und 5 bis 8 (Oberstufe). Woher jetzt das zweite Klassenzimmer nehmen? Kurzerhand funktioniert die Gemeinde mit ihrem Bürgermeister Ferdinand Buchfelder das geräumige Wohnzimmer der Lehrerwohnung im Parterre des Backsteinhauses (heute Feuerwehrhaus) zum Klassenraum um. Das jung verheiratete Lehrerehepaar Gerlinde und Heiner Kohl aus Eschenbach, beide als außerplanmäßige Lehrer noch in der zweiten Phase der Ausbildung seminarpflichtig, nimmt das Angebot des Schulamts mit größter Freude an, sich mit Dienst- und Wohnsitz an die Schule Thurndorf versetzen zu lassen.

Das Glück eines gemeinsamen Dienstortes mit Schulleitungsstatus, mit der Freiheit, das Schulleben nach eigenen pädagogischen Vorstellungen zu gestalten, lässt jeden Zweifel verblassen. Fragwürdiges über die eingeschränkten Wohnverhältnisse kommt gar nicht erst auf. Weiter erzählt Heiner Kohl: Die Freude im Dorf über die verbesserten Schulverhältnisse beschleunigte die herzliche Aufnahme des Lehrerehepaares. Das Wort "Integration" war 1963 noch nicht im aktuellen Sprachgebrauch. Man war von Anfang an Thurndorfer. Unüberhörbare fränkische Dialekteinschläge waren dabei keine störenden Hindernisse, sondern belebend humorvolle Gesprächsanlässe besonders abends an den Wirtshaustischen.

Das damalige knapp 400 Seelendorf, flächenmäßig in weniger als einer Stunde durchwandert, entpuppte sich auch wirtschaftlich und kulturell als ein einzigartiges, vielseitig buntes Sozialgebilde. Die additive Reihung der Geschäfte und Betriebe macht das Außergewöhnliche sichtbar: 1. Gemeinde- und Standesamt (Bürgermeister "Ferdl" Buchfelder), 2. Pfarramt mit Geistlichem Rat Friedrich Rahm, 3. Poststelle mit Leiterin Anna Höllerl, 4. Bundeswehreinheit mit circa 100 Mann in der Kaserne am Kütschenrain, 5. Arztpraxis mit Dr. Benno Muck, 6. drei Gasthäuser (Kummert, Oberst und Henfling), 7. drei Tante-Emma-Läden (Höllerl, Müllner und Schönmann), 8. Metzgerei Kummert, 9. Bäckerei Oberst, 10. Schreinerei Georg Schwemmer, 11. die zwei Schmiede Eduard Götz und Wolfgang Köppl (Hufschmied), 12. Steinmetzbetrieb Fritz Klappan, 13. Landmaschinenwerkstatt- und Handel Fritz Haasmann, 14. Tankstelle Josef Haasmann, 15. die zwei Baufirmen Ludwig Eller und Simon Schöner, 16. die zwei Maßschneider Josef Müller und Andreas Reifenberger, 17. Taxiunternehmen Erhard Stock, 18. Wagnerei Baptist Gebhardt und 19. Sattlerei Wolfgang Stopfer. Hinzukommen zahlreiche Landwirtschaftsbetriebe, darunter der "Herrenbauer - Hänfling".

Woher kommt diese vielschichtige Dorfstruktur? Ein Schlüssel der Erklärung liegt wohl in der historischen Rolle des Ortes, als Thurndorf mit Sitz des Pflege- und Richteramtes politisches Zentrum der gesamten Region war, heute annähernd mit dem Landratsamt vergleichbar. Mit dem Wegfall der Ämter verlor Thurndorf seine Machtposition. Der Bau der Straßen, die heutige B 470 und die Staatsstraße Kirchenthumbach–Bayreuth (St 2120), ließ das Dorf oben am Kütschenrain "links" und "rechts" liegen. Die Nachwehen der einstigen Größe waren mit der wirtschaftlichen Vielfalt bis hinauf in die Moderne noch in den 60er Jahren zu spüren, bevor Spezialisierung, Zentralisierung und Globalisierung den kleinen Dorfbetrieben den Garaus machten. Heiner Kohl beendet seine Erzählung in "Thurndorf 1963, ein Stimmungsbild über einen außergewöhnlichen Ort in Bayern" mit den Worten: "Der Wahlspruch der Thurndorfer "Ka über uns" lebt weiter, nicht nur weil man geographisch am höchsten Punkt der Region wohnt, sondern weil die gehobene Dorfintelligenz den Kindern der damaligen Landschule zu ansehnlichen Berufserfolgen verhalf. Toll! Ad multos annos geliebtes Thurndorf."

Thurndorf blickt auf 900-jähriges Bestehen

Thurndorf bei Kirchenthumbach
Das Thurndorfer Schulhaus um das Jahr 1964. Heute dient der stattliche Backsteinbau als Feuerwehrhaus.
Heiner Kohl erzählt aus seiner Zeit als Lehrer in Thurndorf. Noch heute ist er begeistert von der Freundlichkeit der Turndorfer.
Hintergrund:

Der Ort Thurndorf

  • ...gehört heute zur Marktgemeinde Kirchenthumbach
  • ...liegt am Fuß des Kütschenrains
  • ...liegt circa einen Kilometer entfernt von der Grenze zwischen Oberpfalz und Oberfranken
  • ...hat einen eigenen Aussichtsturm am Kalvarienberg
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