03.08.2020 - 17:19 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Amtsgericht: Frau steuert zweimal mit Auto auf Kindergruppe

Eine 55-Jährige aus dem Landkreis Tirschenreuth soll mit ihrem Auto zweimal direkt auf Kindergruppen zugesteuert sein. Eines der Kinder: der zehnjährige Nachbarssohn. Vor dem Amtsgericht offenbart sich ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit.

Symbolbild.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Jahrelange Nachbarschaftsstreitigkeiten gipfelten in einem traurigen Höhepunkt. Eine Frau aus dem Landkreis Tirschenreuth soll zweimal mit ihrem Auto auf eine Kindergruppe gehalten haben, nur mit Glück hätten die Kleinen ausweichen können. Eines der Kinder war ausgerechnet der zehnjährige Sohn der Nachbarn. Deshalb muss sich die 55-Jährige wegen Nötigung und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr vor dem Amtsgericht verantworten.

Es ist ein trauriges Bild, das sich während des Prozesses bietet. Auf der einen Seite die 55-jährige Angeklagte, seit 40 Jahren fest im Beruf, medizinischer Bereich, lange verwitwet. Sie kümmert sich laut eigener Aussage schon viele Jahre ehrenamtlich um Sterbende. „Mir wird vorgeworfen, das getan zu haben. Aber ich würde sowas nie tun, das geht gegen all meine Prinzipien“, sagt sie zu Prozessbeginn. Sie ist blass, ihre Haut fast durchsichtig. Sie arbeitet von morgens bis spät abends, sei viel auswärts, sagt sie.

Auf der anderen Seite: mehrere gutbürgerliche Familien aus dem Ort, eine davon die verfeindete Nachbarsfamilie, mit denen schon seit Jahren Rechtsstreitigkeiten herrschen. Es geht um Kleinigkeiten, ungeschnittene Hecken, die beide Parteien auf die Palme bringen. Äste, die auf das andere Grundstück ragen. Kommuniziert wird über die jeweiligen Anwälte.

Verteidigerin muss ermahnen

Die Angeklagte ist eine resolute Persönlichkeit. Sie wird während des Prozesses oft pampig, erhebt die Stimme, wirkt aufbrausend. Verteidigerin Corinna Kaiser muss ihre Mandantin mehrfach ermahnen, sie um Zurückhaltung bitten. Sie beschwert sich, die Nachbarn würden nie grüßen. Von anderer Seite heißt es, die Angeklagte sei schwierig, man wolle nichts mit ihr zu tun haben.

Weiterer Bericht aus dem Amtsgericht Tirschenreuth

Tirschenreuth

Die Fronten sind mehr als verhärtet. „Ich bin nicht vom Fach, aber ich glaube, es würde allen besser gehen, wenn sie sich behandeln lassen würde“, sagt die Schulpsychologin aus dem Ort mit Blick auf die Angeklagte. Sie kenne die Streitigkeiten zwischen den Nachbarschaftsparteien. "Ich habe immer vermieden, mit der Angeklagten Kontakt zu haben." Eines der insgesamt fünf Kinder, die als Zeugen geladen sind, wird sagen: „Mein Freund hat mir erzählt, dass sie nicht so ganz normal ist.“

Schon öfter aufgeregt

Vor Gericht zeigt sich, dass sich die Angeklagte schon öfter über die Kinder aufgeregt hat, die mit ihren Rollern in die Schule fahren. So bei ihrem Rechtsanwalt und dem Postboten, die beide ebenfalls als Zeugen geladen waren. Es habe sie gestört, soll sie kurz vor den Vorfällen gesagt haben, dass die Kinder so schnell die Straße herunter heizten.

Dann, im Oktober vergangenen Jahres, früh morgens um kurz nach sieben Uhr, soll die Frau zielgerichtet mit ihrem Auto auf den Gehsteig gefahren sein, wo die Kinder mit ihren Rollern in Richtung Schule unterwegs waren. Nur noch ein kleiner Spalt sei zwischen Hecke und dem Auto gewesen, die Kinder konnten rechtzeitig ausweichen und so schlimmeres verhindern. Die Angeklagte sagt, die Kinder seien „wie die Irren“ auf der Straße gefahren und nicht auf dem Gehsteig, wie sie es allesamt behaupten. Gefährlich sei das doch. Sie habe die Kinder nur ermahnen wollen. Die Angeklagte will neben dem Gehsteig bei den Kindern gehalten haben, schon gar nicht auf sie zugesteuert sein. „Das ist eine Lüge, was sie erzählen.“

Bis heute Angst auf Schulweg

Doch die Kinder wandten sich damals sofort an ihre Lehrer. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt. Sofort haben die Schulpsychologen die Polizei informiert. Zwei Tage danach seien die Beamten abends vor der Haustür der 55-jährigen Angeklagten gestanden. „Einer der Polizisten hat gesagt, er sorge dafür, dass mir mein Schein genommen würde. Wie kann der das sagen, ohne mich angehört zu haben?“, fragt die Angeklagte. Eines der Kinder, ein kleines Mädchen, hat bis heute Angst, in die Schule zu gehen, war mehrfach bei einem Psychologen.

Beim zweiten Mal, mittags im November, soll die Frau auf einem Fußgängerüberweg, als die Kinder „grün“ hatten und die Straße überquerten, über die rote Ampel direkt auf die Kinder zu gefahren sein. Auch hier konnten die Kleinen nur knapp ausweichen. „Mir ist fast das Herz stehen geblieben, als ich das durch das Schaufenster gesehen habe“, erinnert sich die Besitzerin des direkt nebenan gelegenen Schreibwarenladens, die als Zeugin geladen ist. Doch auch hier sagt die Angeklagte, es sei gar nicht so gewesen – sie habe lediglich mit ihrem Auto auf die andere Spur wenden wollen, die Kinder auf dem Fußgängerüberweg habe sie gar nicht gesehen.

Es gibt für mich einfach keinen Grund, an der Aussage der Kinder zu zweifeln.

Richter Thomas Weiß

Richter Thomas Weiß

Kurz danach verlor die Angeklagte ihren Führerschein. Und ihren Arbeitsplatz. „Das war ein grauer Tag“, erinnert sie sich, ihre Stimme zittert. Sie müsse Vollzeit arbeiten, sei deshalb auf das Auto angewiesen. „Ich habe keinen Mann, der mich unterstützt, so wie andere hier in diesem Raum“, sagt die Angeklagte und blickt auf ihre Nachbarin, die als Zuhörerin Platz genommen hat.

Die fünf Kinder, die als Zeugen geladen sind, machen ihre Aussagen souverän, auch der Nachbarsjunge. Sie erzählen nüchtern, was an den beiden Tagen im vergangenen Jahr passiert ist. Die Aussagen decken sich weitestgehend, bis auf ein paar kleinere Unstimmigkeiten. Wissen sie etwas nicht mehr so genau, sagen sie das. Die Angeklagte muss bei den Befragungen den Raum verlassen.

Mehrfach vorbestraft

Als Richter Thomas Weiß alle Zeugen gehört hat, verliest er das Vorstrafenregister der Angeklagten. Sie ist kein unbeschriebenes Blatt, die letzte Verurteilung liegt jedoch schon mehr als fünf Jahre zurück. Es ging um Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und zahlreiche, sehr unflätige Beleidigungen. Einmal hat sie einem Kind mit dem Fuß gegen das Gesäß getreten. Sie lauscht den Ausführungen ohne jede Regung. Ihre Nachbarin macht sich dagegen ganz akribisch Notizen.

Am Ende verurteilt Richter Weiß die Angeklagte wegen Nötigung. Er folgt der Forderung des Staatsanwaltes, verhängt eine Geldstrafe von 2400 Euro. Der Führerschein der Angeklagten bleibt weiterhin eingezogen. Von einer Freiheitsstrafe sieht er ab, da die Vorstrafen der Angeklagten länger zurückliegen. Für Weiß ist der Fall klar. „Es gibt für mich einfach keinen Grund, an der Aussage der Kinder zu zweifeln“, sagt er. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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