26.09.2019 - 10:29 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Die Anfänge liegen im Trüben

Die Mönche des Zisterzienserklosters Waldsassen haben alle Fischteiche im Stiftland angelegt, sagt man. Der Heimatforscher Adalbert Busl weiß mehr.

von Adele SchützProfil

Dieser Tage beginnt in der Karpfenregion Oberpfalz das große Abfischen. Die Oberpfälzer Teichwirte versorgen den Markt mit einem Drittel der 6000 Tonnen Speisekarpfen, die jährlich in Bayern für den Verzehr gezüchtet werden. Wenn auch viele Touristen zum Genuss der Fischspezialitäten in die Region kommen, so wird dennoch ein Großteil der Karpfen von den Oberpfälzern selbst verspeist. Sie schätzen ihre Karpfen, weil sie nicht nur gut schmecken, sondern auch mit geringem Fettanteil und hohem Eiweißgehalt punkten.

Einfach haben es allerdings die Teichwirte bei der Aufzucht der Karpfen nicht, denn in den vergangenen beiden Jahren bereiteten ihnen die heißen Sommer und die damit verbundene Trockenheit große Sorgen. Auch die natürlichen Fressfeinde des Karpfens - Fischotter, Kormoran, Biber und Fischreiher - fallen ins Gewicht.

Fastenvorschriften

Die Teichwirtschaft im Stiftland hat eine lange Tradition. Ihr Beginn ist allerdings nicht exakt zu datieren. Mönche des Zisterzienserklosters Waldsassen legten den Grundstein für das "Land der 1000 Teiche", das Stiftland. Der ehemalige Schulleiter Adalbert Busl aus Wiesau kennt sich aus mit der Geschichte der Fischzucht. Das Kloster Waldsassen habe vom 15. bis 19. Jahrhundert an die 160 von 6500 Teichen im Stiftland gebaut. Zisterziensermönche hätten vor langer Zeit die Fischteiche im Stiftland angelegt, unter anderem auch aufgrund ihrer Fastenvorschriften. Denn die Ordensregel schreibe den Zisterziensermönchen vor, dass sie, außer im Krankheitsfalle, keine vierfüßigen Tiere essen durften.

Nachdem sie zunächst Bachforellen und Äschen aus der Wondreb gefangen hatten, lernten sie durch Beziehungen zu böhmischen Klöstern die Vermehrung und Aufzucht des Karpfens kennen. In nassen Mulden und Tälern, die weder als Äcker noch als Wiesen nutzbar waren, wurden in mühevoller Handarbeit Dämme aufgeschaufelt und Teiche angestaut. "Diese Erklärung scheint recht plausibel zu sein, versteht man unter Stiftland doch das Gebiet des ehemaligen Zisterzienserklosters Waldsassen, das wiederum in großen Zügen identisch war mit dem Altlandkreis Tirschenreuth, wie er bis zur Gebietsreform 1972 Bestand hatte, wenn man von einigen Randgebieten absehen will", so Adalbert Busl.

Der Schwerpunkt der Teichwirtschaft sei schon immer im Zentrum dieses Gebiets zu suchen - in der Ebene zwischen Tirschenreuth und Muckenthal, einem kleinen Dorf westlich von Wiesau. Hier herrschten günstige Voraussetzungen zum Teichbau. Der Boden in dieser Gegend weise gute Staueigenschaften auf, so dass es sogar möglich gewesen sei, Himmelsteiche (Gewässer, die durch keinen oberflächigen Zustrom gespeist werden und das Wasser ausschließlich aus Niederschlägen beziehen sowie durch Grundwasser; Anm. d. Red.) anzulegen, so Busl. Aber auch die durchfließende Waldnaab selbst und ihre Nebenbäche stellten eine ausreichende Wasserversorgung sicher. Andererseits seien aber Weiher auch dort angelegt worden, wo durch das Aufschütten eines Dammes das Anstauen eines Baches problemlos möglich gewesen sei.

Zum Verkauf bestimmt

"Diese auch heute noch sichtbare Konzentration von Weihern mag nun die Vermutung stärken, dass dies aus schon genannten Gründen ein Werk der Zisterzienser von Waldsassen sei", so Busl. "Dieser erste Erklärungsversuch fordert aber zugleich zu einer Untersuchung über die Entstehung der Weiher im Stiftland heraus, die nach eingehenden Nachforschungen nicht Werk der Mönche alleine waren." Ganz offensichtlich könne die Karpfenernte aus den Weihern nicht allein der Deckung des Eigenbedarfs des Klosters gedient haben. Dies käme einer maßlosen Überversorgung gleich. Die weitaus meisten Fische seien zum Verkauf bestimmt gewesen.

Treibende Motive

Busl ging der Frage nach, wer die Träger des Teichbaus im Stiftland waren und was ihre treibenden Motive gewesen sein könnten. Erst seit etwa 850 Jahren wisse man in etwa über die Herrschaftsverhältnisse im Stiftland Bescheid. Dies sei ohne Zweifel den beiden Klöstern Reichenbach und Waldsassen zu verdanken, die 1118 und 1133 gegründet wurden und im Gebiet des heutigen Stiftlandes mit Grund ausgestattet wurden. Zugleich aber werde aus diesem Vorgang unmissverständlich ersichtlich, dass in dieser Gegend weite Gebiete vom Adel schon organisatorisch erschlossen gewesen seien, bevor sie vom Kloster in Besitz genommen werden konnten.

Busl verweist darauf, dass die Zisterzienser sich zwar anfangs ihren Lebensunterhalt selbst durch ihrer Hände Arbeit verdienen mussten, es um 1200 bei ihnen aber bereits gang und gäbe war, von den Abgaben ihrer Untertanen zu leben. "Das Bild vom Zisterziensermönch, der mit eigener Hand Weiher anlegte, ist aus der Sicht der Ordensgeschichte nur für die ersten Jahrzehnte bis maximal 1200 vorstellbar und damit für das Stiftland, das damals erst in den bescheidensten Anfängen existierte, weitgehend bedeutungslos", sagt Busl.

Durch den Landerwerb und später während des Kriegs sei das Kloster auch in den Besitz vieler Teiche gekommen, die aber von Bürgern, Bauern und den Vasallen des Adels angelegt worden seien und nicht von den Mönchen selbst. "Das 15. Jahrhundert, die Zeit zwischen 1400 und 1500, ist als Höhepunkt des Teichbaus im Stiftland zu betrachten. Es stand plötzlich eine Menge ungenutztes Land zur Verfügung. Bauern, Bürger und Beamte wurden nun aktiv. Das Kloster war sehr darum bemüht, Weiher in seinen Besitz zu bringen, und scheute sich nicht, bisweilen seine Stellung als herrschende Gewalt zu nutzen", so t Busl.

Wenn man die Teiche aus der Luft betrachte, sei man fasziniert von der Anordnung der einzelnen Teichflächen, die nur durch schmale Dämme getrennt eng aneinandergedrängt inmitten von Fichten- und Kieferwäldern liegen. Man wundere sich, wie die Teichketten funktionieren könnten. "Dieses Staunen verleitet nur allzu leicht zu der Vermutung, das Ganze müsse geplant entstanden sein. Dem ist nicht so. Dies alles ist organisch gewachsen. Wie lange dieser Prozess dauerte, wissen wir nicht. Seinen Höhepunkt aber hatte er sicher im 15. Jahrhundert", so Busl. Mit diesem ganzen System von Teichen sei auch ein Reglement entstanden, in dem genau festgelegt worden sei, wer wann in welchem Teich ziehen und fischen durfte. Diese Vereinbarungen seien aus Erfahrungswerten entstanden, aber zum Teil auch erstritten worden und hätten rechtlichen Charakter erhalten.

Hoher Fischpreis

"Im Laufe der Zeit begannen eine nicht beachtliche Zahl an Untertanen des Klosters Teichwirtschaft zu betreiben, wovon das Kloster mit einer gesunden Wirtschaftsstruktur profitierte", so Busl. Er verweist auf den hohen Fischpreis im Vergleich zum Fleischpreis. Das Kloster habe das Privileg des Fischhandels genossen und den Verkauf auch außerhalb eines Marktes betreiben dürfen.

Mit der Säkularisation des Klosters 1803 ging ein allgemeiner Niedergang der Fischzucht im Stiftland einher. Eine Vielzahl der Weiher wurde aufgelassen. Der Karpfenpreis sank auch in Folge von Krieg und der Auswanderungswelle nach Amerika auf einen Tiefpunkt im Jahr 1844. Folglich habe man sich immer weniger um die Pflege der Teiche gekümmert. Sie seien verlandet. An guten Setzlingen herrschte Mangel. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Teichwirtschaft für viele zur Nebensache geworden war. Der Handel war in fremde Hände gekommen. Der größte Teil der Fische ging nach Böhmen und Sachsen. Die Nutznießer aber waren die zum großen Teil böhmischen Zwischenhändler", erzählt Busl.

Teichgenossenschaft

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bekundete der Staat wieder stärkeres Interesse an der Hebung der Teichwirtschaft und der Fischzucht im Stiftland. Mit der Gründung des Bezirksfischereivereins Tirschenreuth-Waldsassen 1881 und vor allem dann durch die Teichgenossenschaft Tirschenreuth seit 1911 ist es wieder aufwärts gegangen. Man kümmerte sich um besseren Besatz. Methoden der Düngung und Fütterung wurden verbessert, notwendige Entlandungen vorgenommen. Besonders das Genossenschaftswesen war es, das der nach dem Krieg darniederliegenden Teichwirtschaft wieder auf die Beine half.

Die TG Stiftland, 1962 als Selbsthilfeorganisation gegründet, sah ihre vornehmliche Aufgabe in Entlandungsmaßnahmen, um die Voraussetzung für bessere Produktionsbedingungen zu schaffen. Diese Initiative sei deshalb besonders zu erwähnen, weil sie die erste ihrer Art gewesen sei und ihr ein durchschlagender Erfolg beschieden war. Die Hektarerträge vervierfachten sich, die absoluten Erträge stiegen im Zeitraum von 1962 bis 1972 um das Siebenfache. Das Stiftland lieferte nun etwa ein Zehntel der Karpfenernte Bayerns und war somit wieder zum bedeutendsten Teichgebiet der Oberpfalz geworden. Dies war ein Verdienst der Genossenschaft. Das Stiftländer Beispiel machte Schule. In den übrigen Teilen der Oberpfalz folgten weitere derartige Organisationen, die 1971 schließlich in der überregionalen Teichgenossenschaft Oberpfalz koordiniert wurden. Im selben Jahr nahm auch die TEVO ihren Geschäftsbetrieb auf.

Mehr zu den Themen Fisch und Teichwirtschaft erfahren Interessierte bei der ARGE Fisch im Landkreis Tirschenreuth e.V. (Mähringer Straße 7, 95643 Tirschenreuth, Telefon 09631/88223, www.erlebnis-fisch.de).

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.