29.12.2021 - 14:26 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Brazilian Jiu-Jitsu: Die große Leidenschaft der Stiftländer Lukas Gruber und Marvin Seitz

Es ist eine Leidenschaft, schon fast eine Sucht: Der Aufwand, den Lukas Gruber und Marvin Seitz betreiben, ist deshalb groß. Aber die Brazilian Jiu-Jitsu-Kämpfer des Tirschenreuther Dojo-Vereins sind auch sehr erfolgreich.

Marvin Seitz (links) und Lukas Gruber standen bei den Brazilian-Jiu-Jitsu-Championships in Limburg ganz oben auf dem Podest.
von Armin Eger Kontakt Profil

In der Turnhalle der Tirschenreuther Mittelschule, im Friedhofweg 1, in der normalerweise Griffe, Techniken und Kniffe für die Kämpfe geübt werden, sitzen an diesem Abend Lukas Gruber und Marvin Seitz fast verloren wirkend auf der grauen, quadratischen Matte. Coronabedingt herrscht beim Tirschenreuther Dojo-Verein weitgehend Stillstand.

"Training nur bedingt, Wettkampf kaum. Es ist in derzeit alles nicht einfach", sagen Gruber und Seitz. Im Mai waren die beiden Brazilian Jiu-Jitsu-Kämpfer (BJJ) unterwegs und vor einiger Zeit starteten sie in Limburg bei den BJJ-Championships. "Das war es für dieses Jahr, nächstes Jahr müssen wir mal sehen", bedauert Seitz.

1400 Teilnehmer in Limburg

Sie möchten erzählen von ihrem letzten Wettkampf in Limburg, der auch schon wieder einige Monate zurückliegt. Extrem erfolgreich, mit zwei Titeln, kehrten sie von dem Grappling-Turnier zurück. Sie sprechen von einer Bomben-Stimmung in der Halle. 1400 Teilnehmer in unterschiedlichen Disziplinen, Gewichtsklassen und Kategorien aus ganz Europa waren am Start.

Sie erklären was Grappling eigentlich ist. "Das ist der Oberbegriff für Bodenkampf", sagt Gruber. "Dazu gehören das BJJ, Ringen und Judo." Die beiden, die in Waldsassen wohnen, machten sich morgens um 5 Uhr auf den Weg nach Limburg. "Sonst sind wir immer einen Tag vorher angereist, aber durch Corona war es so besser", sagt Seitz. Schon mehrere Male waren sie in der mittelhessischen Stadt bei dem Grappling-Turnier dabei.

Braungurt-Besitzer

Erst seit August hat Gruber den Braungurt. Darüber gibt es nur noch den Schwarzgurt. "Von weiß über blau, lila und braun bis schwarz muss man zehn Jahre einrechnen", so Gruber. "Der Gürtel ist kein Ziel, das passiert einfach. Der Gürtel wird vom Trainer verliehen, es gibt keine Prüfung, man muss sich ihn durch Erfolg verdienen. Ganz wichtig dabei ist auch, wie geht man mit den anderen um, wie entwickelt man sich menschlich."

Gruber blickt auf seine Anfänge zurück: "Durch Marvin bin ich vor sieben Jahren zu dem Sport gekommen. Ich habe mit Kickboxen begonnen und das hat mir gefallen." Danach kam die Leidenschaft für BJJ. "Ich war fast jeden Tag in der Woche trainieren." Nach dem Aufstehen sah er sich Youtube-Videos an, um im Training die Techniken nachzumachen. BJJ ist längst sein Leben. Für was anderes hatte und hat der kaufmännische Leiter bei einer Elektrofirma keine Zeit. "Das reicht mir als Hobby."

Regensburger Erfolgstrainer

Bei verschiedenen Wettkämpfen traf er in der Folge immer wieder dieselben Leute. Darunter auch Jan Zander und Hannah Rauch. Die Trainer luden ihn ein, nach Regensburg zu kommen. Gruber, der zu diesem Zeitpunkt in Münchenreuth wohnte und in Hof arbeitete, pendelte fünf bis sechs Mal die Woche, zwei Jahre lang, die Strecke von seinem Wohnort zum Arbeitsplatz, zum Training und wieder heim. Völlig ausgepowert fällt er zu dieser Zeit erst weit nach Mitternacht ins Bett.

"Es hat sich gelohnt", blickt der 28-Jährige zurück. "Für mich sind das die besten Trainer Deutschlands, das Training hat Weltklasseniveau. Die Zwei haben aus mir gemacht, was ich heute bin." Gruber hat im Grappling fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. War unter anderem 2018 Europameister.

In Limburg zeigte er erneut seine Klasse. Seine Kämpfe in der Klasse mit Gi (mit Kampfanzug) entschied er alle für sich und gewann seine Gewichtsklasse vorzeitig durch Submission (Unterwerfung, den Gegner zur Aufgabe zwingen). In der Expertenklasse ohne Gi (ohne Kampfanzug, nur in kurzer Hose und mit T-Shirt) holte Gruber die Silbermedaille. Lediglich im Finale musste er sich knapp geschlagen geben. "Ohne Gi ist es die explosivere Kampfart, mit Gi erinnert es eher an Ringen und man hat technisch mehr Griffmöglichkeiten", erklärt Gruber.

In der Klasse Purple Belt mit Gi marschierte Marvin Seitz in seiner Gewichtsklasse souverän ins Finale durch und beendete den Kampf mit Submission. Der 35-Jährige begann vor 15 Jahren durch seine damalige Freundin mit dem Kickboxen. "Ich habe Vollgas gegeben, war der Erste und der Letzte, der die Trainingshalle verließ", blickt er zurück. Seitz holte viele Titel: 2009 Bayerischer Meister, 2010 Deutscher Meister, Fünfter bei der WM, 2011 Europameister.

Vom Kickboxen zum BJJ

Vor einigen Jahren ist Seitz zum BJJ gewechselt. "Für das Kickboxen bin ich zu alt", sagt er. "Zunächst wusste ich nicht, was ich von dem Rumgekuschel am Boden halten soll", fügt der 35-Jährige lachend hinzu. "Ich hab es probiert und seitdem fesselt mich der Sport." Aber bedingt durch Familie mit zwei Kindern tritt Seitz, der bei einer Tirschenreuther Firma in der Qualitätskontrolle beschäftigt ist, sportlich etwas kürzer.

Er spricht auch die Nachwuchssituation im Verein ein. "Es fehlen einfach die Trainer und dann ist da noch Corona, was alles erschwert. Und obwohl Tirschenreuth ein Dorf ist, wissen nicht viele, dass es uns gibt und dass wir schon viele Titel geholt haben", sagt Seitz. Zudem fehle es an Sponsoren. Die Wettkämpfer würden natürlich vom Verein unterstützt, aber den Großteil der Kosten müssten sie selbst tragen, so Seitz. "Das ist natürlich nicht immer einfach, vor allem wenn es dann, wie oft bei mir, ins Ausland geht", meint Lukas Gruber.

Als einen Lichtblick im Nachwuchsbereich bezeichnen die beiden das Debüt von Manuel Klinnert, der in Limburg dabei war, obwohl er erst seit drei Monaten trainiert hatte. "Es war einfach schön anzuschauen, als Manuel seinen ersten Kampf gewonnen hat. Das Grinsen in seinem Gesicht wollte nicht aufhören. Das macht uns als Trainer stolz", freut sich Seitz.

WM-Titel im Visier

Während er seine Aktivitäten etwas zurückgeschraubt hat, hat Gruber Großes vor. Im Februar will er, soweit es Corona zulässt, zur Europameisterschaft nach Rom. "BJJ kann man bis ins hohe Alter machen. Ich habe schon zwei Frauen kämpfen gesehen, die waren über 70 Jahre. Ich habe noch Zeit", sagt er und spricht vom WM-Titel, den er noch holen möchte.

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Waldsassen
Nur wenige Wettkämpfe konnten die Tirschenreuther Bodenkämpfer coronabedingt in den vergangenen Monaten besuchen. Dazu zählten in Limburg die BJJ-Championships unter Einhaltung aller Sicherheitsregeln.
Hintergrund:

Brazilian-Jiu-Jitsu (BJJ) kurz erklärt

  • Was ist BJJ? Es ist eine Abwandlung und Weiterentwicklung der japanischen Kampfkünste Judo und Jiu-Jitsu, die den Schwerpunkt auf Bodenkampf legt.
  • Wie wird gekämpft? Der sportliche BJJ-Kampf mit Gi (Kampfanzug) startet im Stand und wird meistens nach einem sogenannten „Takedown“ am Boden fortgesetzt und beendet. Die Kämpfer erhalten für bestimmte Positionen oder Aktionen Punkte oder Vorteile (Advantages). Unabhängig vom Punktestand kann man den Gegner zur Aufgabe zwingen:„Submission“ (Unterwerfung). Erreicht keiner der Kämpfer nach Ablauf der Kampfzeit (meistens 5 bis 10 Minuten) eine „Submission“ des Gegners, gewinnt der Kämpfer mit den meisten Punkten. Bei Gleichstand entscheidet der Schiedsrichter.
  • Was ist erlaubt?**** Grundsätzlich sind Beißen, Haarereißen, Schlagen, Treten und Fingerstiche im sportlichen Wettkampf verboten. Dadurch grenzt sich BJJ von den Mixed Material Arts ab, wo zahlreiche Kampfkünste miteinander verbunden sind und Schläge und Tritte unter Berücksichtigung gewisser Regeln erlaubt sind.
  • Wo kann BJJ im Landkreis Tirschenreuth trainiert werden? Im Verein Dojo Tirschenreuth. E-Mail-Adresse: info[at]dojo-tirschenreuth[dot]de

„Der Gürtel wird vom Trainer verliehen, es gibt keine Prüfung, man muss sich ihn durch Erfolg verdienen.“

Lukas Gruber

„Zunächst wusste ich nicht, was ich von dem Rumgekuschel am Boden halten soll. Ich hab es aber probiert und seitdem fesselt mich der Sport.“

Marvin Seitz

 

 

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