02.08.2020 - 09:49 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Brückenbau für Generationen

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Einen Brückeneinsturz wie in Genua vor zwei Jahren kann sich wohl keiner in der Region vorstellen. Dennoch ist stetige Vorsicht geboten: Millionenbeträge fließen auch im Landkreis Tirschenreuth in standfeste Bauwerke.

Die Brücke über den Tirschnitzbach am Ortsende von Schönhaid wird erneuert. Der Bau beginnt noch heuer.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

"Die Leute können beruhigt schlafen. Wir würden keine Brücke ohne ausreichende Standsicherheit für den Verkehr freigeben", sagt Hannes Neudam, wenn er an Unglücksfälle wie in Italien denkt, als 43 Menschen beim Einsturz einer Autobahnbrücke starben. Neudam ist Leiter der Abteilung Bauwerkserhaltung am Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach und weiß, dass eine Menge Arbeit dahinter steckt, die vielen Brücken in einem guten Zustand zu erhalten. Die 1100 "Ingenieurbauwerke" in der nördlichen Oberpfalz, wie sie im Amtsdeutsch heißen, weisen "stellenweise einen hohen und kurzfristigen Handlungsbedarf auf", heißt es in einer aktuellen Mitteilung der Behörde.

Interview mit Hannes Neudam nach dem Brückeneinsturz in Genua

Amberg

Bayernweit gebe es einen gewissen Nachholbedarf, interpretiert der Bauoberrat die Zahlen für 2020: Allein in der nördlichen Oberpfalz setzt das Bauamt dieses Jahr 14,3 Millionen Euro für den Brückenerhalt ein. Fast ein Drittel fließt in den Landkreis Tirschenreuth. Die hohe Summe liegt auch an den relativ vielen Neubauten: "Eine Erneuerung erscheint heute in vielen Fällen wirtschaftlicher", erklärt Neudam. Eine Sanierung reiche für wenige Jahrzehnte und berge oft Überraschungen während der Bauzeit. Schäden durch Frost und Streusalz sowie die Verwendung billigen Baumaterials forderten ihren Tribut. Bei neuen Brücken gehe man von einer Lebensdauer von 70 Jahren aus, für den Unterbau sogar von 110 Jahren.

Handlungsbedarf ist aktuell bei etlichen Staatsstraßen im Landkreis Tirschenreuth geboten. Das kann man an einem Notensystem ablesen (Hintergrund). Doch was in der Schule "ausreichend" ist, stellt für eine Brücke ein verheerendes Zeugnis aus: Die Bauwerksnote 4 ist absolut ungenügend.

Fichtelnaabbrücke bei Riglasreuth

Ganz so schlimm war es noch nicht um die Fichtelnaabbrücke bei Riglasreuth bestellt. Hier begann das Staatliche Bauamt schon vor einem Jahr mit dem Abriss. Mit Note 3,4 war das Bauwerk aus dem Jahr 1955 fällig, schildert Hannes Neudam: "Da gab es entsprechende Schäden." Jetzt befinde sich der Neubau auf der Zielgeraden: "In einigen Wochen können wir die Strecke für den Verkehr freigeben", hofft der Abteilungsleiter. Ab Anfang August ist eine Vollsperrung nötig, um die Asphaltschichten und Leitplanken einzubauen. Die Behelfsbrücke wird dann wieder abgerissen. Für die Maßnahme an der Staatsstraße 2177 sind insgesamt 3,5 Millionen Euro veranschlagt, davon heuer rund 2,5 Millionen.

Der Brückenneubau in Riglasreuth läuft bereits seit 2019

Riglasreuth bei Neusorg

Brücke über die Tirschnitz in Schönhaid

Note 3,3 erreicht die Brücke über die Tirschnitz in Schönhaid bei Wiesau. Das Bauwerk aus dem Jahr 1964 hat ebenfalls ein stolzes Alter erreicht, erklärt Neudam. "Da planen wir schon seit drei Jahren. Für diese innerörtliche Maßnahme gab es Extrageld." Rund 600000 Euro sind für die neue Brücke veranschlagt, deren Bau heuer begonnen und nächstes Jahr vollendet werden soll. Für die Umfahrung dieser Stelle der Staatsstraße 2170 können bestehende Wege genutzt werden. Ein beidseitiger Gehweg wird angelegt und die maximale Traglast von bisher 40 Tonnen erhöht.

Brücke der B 299 über die B 22 bei Erbendorf

Nicht mehr zeitgemäß, gerade auch bei zunehmendem Schwerlastverkehr, ist die Brücke der B 299 über die B 22 bei Erbendorf. Mit Baujahr 1979 ist die mit Note 2,7 bewertete Brücke zwar noch relativ jung, räumt Hannes Neudam ein. "Aber die Traglast reicht nicht aus", sieht er kurzfristigen Handlungsbedarf. Ein zweiter Grund ist der geplante kreuzungsfreie Übergang von der B 299, die gerade über den Hessenreuther Berg in großem Stil ausgebaut wird, in die B 22. Auch ein Radweg ist eingeplant. Nicht nur die große Brücke, sondern auch die über den Kreinzlweg wird abgebrochen, eine Umfahrung für beide Baustellen eingerichtet. Von den 3 Millionen Euro Gesamtkosten ist heuer die Hälfte veranschlagt.

Brücke der Staatsstraße 2168 von Kemnath nach Neustadt am Kulm

Weitere Millionen, die noch nicht näher beziffert sind, fließen in eine besondere Baumaßnahme ganz im Westen des Landkreises. Die Brücke der Staatsstraße 2168 von Kemnath nach Neustadt am Kulm über die Bahnlinie muss neu gebaut werden, schildert Abteilungsleiter Neudam. "Dieses Bauwerk aus den 1960er Jahren ist flach gegründet und braucht eine Tiefgründung. Die Widerlager haben sich geneigt, wir müssen schnellstmöglich reagieren."

Nachdem der Baubeginn erst 2021 möglich ist, schreitet die Behörde bis dahin mit einer "moderaten Ablastung" ein: Schon demnächst wird die Brücke auf maximal 24 Tonnen beschränkt und die Straße auf eine Fahrspur begrenzt. Eine Ampel regelt den Verkehr – und es wird Schritttempo angeordnet. "Das ist nötig, um den Schwingbeiwert zu verringern", verweist der Bauoberrat auf die zunehmenden dynamischen Belastungen, die so eine Brücke wegstecken muss. "Der Schwerverkehr beansprucht das Material viel mehr. Eine Überfahrt mit dem Sattelzug ist wie 100000 Pkw."

Die hohen Summen, die in verkehrssichere Brücken gesteckt werden, werden sich nach Einschätzung des Bauamtes in den nächsten Jahren nicht verringern. Immer längere Planungsphasen, auch durch wasserrechtliche und naturschutzfachliche Belange, fordern die Mannschaft enorm, weiß Abteilungsleiter Hannes Neudam und lobt die Brückenbauer der staatlichen Behörde: "Die haben durchgearbeitet, auch in der Coronazeit. Das ist sagenhaft."

Weitere Millionen fließen in Straßenbauprojekte im Landkreis Tirschenreuth

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Sehr gut bis ungenügend

Jede Brücke wird alle sechs Jahre einer Hauptprüfung durch erfahrene Ingenieure unterzogen, auch mit Hilfe von Besichtigungsgeräten. Drei Jahre danach erfolgt eine weniger aufwendige "einfache Prüfung". Auf augenscheinliche Schäden kontrollieren die Straßen- und Autobahnmeistereien die Bauwerke jedes Jahr. Die Ergebnisse werden für jede einzelne Brücke nach festen Vorgaben dokumentiert:

  • 1,0 - 1,4 sehr guter Bauwerkszustand
  • 1,5 - 1,9 guter Bauwerkszustand
  • 2,0 – 2,4 befriedigender Bauwerkszustand
  • 2,5 – 2,9 noch ausreichender Bauwerkszustand
  • 3,0 – 3,4 nicht ausreichender Bauwerkszustand
  • 3,5 – 4,0 ungenügender Bauwerkszustand

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