Anlässlich der 600-Jahr-Feier der Stadt wurde eine Chronik über die Ortschaft aufgelegt. Da darf angenommen werden, dass die Exemplare schon öfter durchgeblättert worden sind. Vor kurzem wurde Thomas Sporrer eine Erstausgabe angeboten. Und tatsächlich traf wenige Zeit später mit der Post ein fast druckfrisches Exemplar aus Bayreuth ein. Wo hatte die Chronik die Jahrzehnte über gesteckt und wie kam das Buch nach Bayreuth? Die Nachforschung entpuppte sich als eine wunderbare Geschichte über das Leben an sich und eine manchmal typische Geschichte einer unserer Chroniken.
"Verkäufer Hans-Georg Klein antwortet auf meine Anfragen nicht sofort, wahrscheinlich erstaunt, dass der Käufer mehr von ihm will als nur ein Buch", schildert Thomas Sporrer. Woher er denn die Chronik habe und warum er sie jetzt in einem so tadellosen Zustand hergibt? "Und nach und nach in den nächsten Tagen kamen wir den vielfältigen Antworten näher."
Ein "gestrenger Chef"
Der Vater vom Verkäufer war Dr. Hans Klein. Er stammte aus Nördlingen und war als Jurist/Regierungsrat in den 50er Jahren am Landratsamt in Tirschenreuth tätig. Josef Beer, späterer Kämmerer des Landkreises und der Stadt Tirschenreuth, war ab 1956 als Regierungsassistenten-Anwärter im Landratsamt zur Ausbildung tätig. Er beschreibt ihn als gestrengen Chef, der aber einer geselligen Schafkopfrunde mit seinen Kollegen (aus dem gehobenen Dienst freilich) im Gasthaus Höflinger oder einer Stammtischrunde im Brauereigasthof Baierl in Tirschenreuth nicht abgeneigt war.
Als Behördenleiter erhielt Klein auch die Einladung zur Festveranstaltung der Stadt Tirschenreuth im Juli 1964 anlässlich der 600-Jahr-Feier. Als Ehrengast bekam er dann von Bürgermeister Karl Ruffing eine Chronik übergeben, genau die, die jetzt wieder nach Tirschenreuth zurückgekehrt ist. Auch die Einladung ist noch im Original ohne jede Gebrauchsspur im Buch abgelegt, dazu ein Sterbebild von Alt-Bürgermeister Karl Ruffing aus dem Jahre 1967. Aber die Geschichte geht weiter: Sohn Hans-Georg Klein teilte mit, dass seine Mutter Anna Franziska Riedl aus Tirschenreuth stammte und seine Eltern im Jahr 1959 geheiratet haben. Als er auch noch schrieb, dass seine Mutter zu der Zeit in der AOK gearbeitet hat (im alten, herrschaftlichen Gebäude in der Bahnhofstraße), da war die Neugier natürlich geweckt: Wie kam denn diese Liebe zustande?
Das wusste der junge Herr Klein nicht, aber die ehemaligen AOK-Kollegen Helmut Standfest und Marianne Weig kannten die Anna Riedl noch als Kollegin. Helmut Standfest beschrieb sie als eine gut aussehende, rothaarige Kollegin, die er in seiner Lehrzeit noch kennengelernt hat. Marianne Weig - ganz Frau - beschrieb ihre weit wichtigeren Eigenschaften: Klug und genau wissend, was sie vom Leben wollte.
Zimmerherr beim Direktor
In dieser Zeit in den 50er Jahren befanden sich im 2. Obergeschoss der AOK Wohnungen. Eine große Wohnung war für den damaligen AOK-Direktor Heinrich Beer reserviert. Und davon hatte er einen Raum an einen Zimmerherrn vermietet - an einen gewissen Dr. Klein aus Nördlingen, der frisch im Landratsamt seine Stelle angetreten hatte. Im Erdgeschoss arbeitet diese hübsche, kluge, rothaarige Anna Riedl. "Die Anna sah den Dr. Klein und ihr Entschluss stand fest: Das ist er!", so Marianne Weig, die alles aus nächster Nähe beobachtet hat. Sie wohnte auch im 2. Obergeschoss der AOK. Der Stiefvater war Krankenkontrolleur.
1959 wurde schließlich geheiratet, Anna Klein wusste ja, was sie wollte! Beruflich zog es Dr. Klein vom Stiftland weiter an das Landratsamt Ingolstadt. Dort kam 1960 Sohn Hans-Georg zur Welt. Aber, so schreibt dieser weiter, das Heimweh der Mutter war arg, und so zogen die Familie schließlich 1966 nach Bayreuth, um wieder etwas näher an Tirschenreuth zu sein.
Dann kam ein großes Unglück, Dr. Klein verunglückte 1969 bei einem Arbeitsunfall tödlich. Anna Klein ließ ihn am Friedhof in Tirschenreuth beerdigen. "Sie war wohl der Meinung, dass sie früher oder später wieder hierherkommen würde", so Hans-Georg Klein. Aber es kam anders, die Freunde und die Nachbarschaft im Bayreuth wurde ihr immer wichtiger, also blieb sie in Bayreuth. Vor vier Jahre ist sie nunmehr verstorben, Anna Klein ist die ganze Zeit in Bayreuth geblieben, dort ist sie auch begraben. Nach Tirschenreuth ist sie also nicht mehr zurückgekehrt, wohl aber ihre Chronik.
Das Grab von seinem Vater hat Hans-Georg Klein übrigens vor zwei Jahre erst aufgelöst, nach 50 Jahren. Er selbst kommt nicht mehr gezielt nach Tirschenreuth, nachdem nunmehr auch sein Onkel Hanns Riedl und dessen Frau Erika verstorben sind. Hanns Riedl war nach Aussage von Stadtheimatpfleger Eberhard Polland Mitarbeiter in Notariat Dr. Nickl, später auch bei Dr. Stützl. Und er war, so Polland weiter, ein leidenschaftlicher Stammtischbruder in der Brauerei Baierl. Dahin dürfte es dann auch seinen Schwager Dr. Klein gezogen haben.
Eine kleine Erinnerung
Auf der Einladung zur Festveranstaltung 1964 hat der jedenfalls eine handschriftliche Notiz hinterlassen: "Schrankrestaurator für Baierl Toni". Laut Eberhard Polland war der Toni Baierl der letzte Braumeister und die Familie Baierl hatte viele solcher alten Schränke. "Kann sein, dass sich der Dr. Klein bei der Veranstaltung eine kleine Erinnerung aufgeschrieben hat", vermutet zumindest der Stadtheimatpfleger.
Hans-Georg Klein löste schließlich den Haushalt seiner Mutter auf und so kam es also, dass diese alte, leider oder gottseidank ungelesene Chronik nach fast 60 Jahren wieder ihren Weg nach Tirschenreuth fand. Zusammen mit einer Einladung der Stadt an die damaligen Ehrengäste, die tatsächlich noch den Geruch der Druckerei verströmt und mit einem Sterbebild vom Bürgermeister Karl Ruffing. Jetzt kommt sie in das Städtische Archiv. Zusammen natürlich mit dieser Geschichte von der Familie des Dr. Hans Klein, die mal über Jahrzehnte ganz eng mit Tirschenreuth verbunden war.





















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