14.04.2020 - 19:11 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Corona-Hotspot Landkreis Tirschenreuth: Hohe Todesrate noch ein Rätsel

Der Landkreis Tirschenreuth ist mit fast 1000 Corona-Infizierten und über 60 Covid-19-Toten momentan der Corona-Hotspot in Deutschland. Warum ist das so?

Für ein Pressegespräch ist in Cornazeiten ein größerer Raum nötig. Die beiden Pressesprecher Walter Brucker und Wolfgang Fenzl, Landrat Wolfgang Lippert und Regierungsdirektorin Regina Kestel stellen sich den Fragen von Oberpfalz-Medien.
von Martin Maier Kontakt Profil

Landrat Wolfgang Lippert, Regierungsdirektorin Regina Kestel als Leiterin der Führungsgruppe Katastrophenschutz sowie die beiden Pressesprecher Walter Brucker und Wolfgang Fenzl äußerten sich am Dienstag bei einem Gespräch mit Oberpfalz-Medien im Landratsamt ausführlich zur momentanen Situation.

Wie sind die aktuellen Corona-Zahlen im Landkreis Tirschenreuth?

Im Landkreis Tirschenreuth gibt es mittlerweile 993 Personen, die positiv auf Corona getestet wurden (Stand: Dienstag, 14. April, 14 Uhr). Am Ostermontag waren es 985 und am Karsamstag 955. Die Zahlen steigen somit nicht mehr so stark wie in den vergangenen Wochen an. Landrat Wolfgang Lippert bezeichnete dies als erfreulich. „Ob das allerdings ein Trend ist, damit muss man vorsichtig umgehen.“

Sehr bedrückend nannte er die 67 Covid-19-Todesfälle (Ostermontag: 64). Statistisch gesehen waren 58 Prozent der Verstorbenen über 80 Jahre, 39 Prozent waren zwischen 60 und 79 Jahre und 3 Prozent waren unter 60 Jahre. Zu den Vorerkrankungen hatte der Landrat keine genauen Zahlen parat. „Gefühlt hatten die allermeisten eine Vorerkrankung.“ Diese Zahlen seien aber nicht entscheidend. „Hinter jedem Verstorbenen steckt ein Einzelschicksal.“ Dramatisch sei, dass man sich von diesen Menschen momentan nicht sehr würdig verabschieden könne.

Sowohl bei den Todeszahlen als auch bei den Infizierten, hochgerechnet auf 100.000 Einwohner, ist der Landkreis Tirschenreuth bundesweit Spitzenreiter. Gibt es Erkenntnisse, warum dies so ist?

Landrat Wolfgang Lippert verwies erneut auf die sehr vielen Tests im Landkreis. „Wir haben schon ab dem ersten Fall alle Kontaktpersonen ermittelt und getestet. Desto mehr ich teste, desto größere Fallzahlen habe ich.“ In anderen Landkreisen würde nicht generell ein Test durchgeführt, sondern nur bei entsprechenden Symptomen.

Warum sterben in einem äußerst dünn besiedelten Landkreis viel mehr Erkrankte am Coronavirus als beispielsweise in einem Ballungszentrum wie München? Ist bei uns die medizinische Versorgung schlechter?

Eine Erklärung für die vielen Todesfälle gibt es momentan noch nicht. „Ich bin mir sicher, dass die medizinische Versorgung bei uns nicht schlechter ist“, betonte der Landrat. Die höhere Todesrate könne nicht daran liegen, dass im Landkreis viele ältere Menschen leben. „Mit dieser Erklärung würde man es sich zu leicht machen.“ Man müsse auch andere Parameter wie die „regional spezifische Gesundheit“ berücksichtigen. Als Beispiele zählte Lippert Diabetes, Struma oder Krebserkrankungen auf. „Es ist erwiesen, dass wir da über dem Durchschnitt liegen.“ Ob dies auch im Zusammenhang mit den Coronatoten stehe, könne heute noch nicht beantwortet werden.

Diese Frage soll auch in einer Langzeitstudie beantwortet werden. Denn es wird im Landkreis Tirschenreuth ein Testzentrum aufgebaut, informierte der Landrat. Die Finanzierung laufe über das Bayerische Wissenschaftsministerium. Die Mitarbeiter sollen über ein oder zwei Jahre forschen. Es gehe hauptsächlich um drei Punkte: die statistische Aufbereitung, die medizinische Aufbereitung und grundsätzliche Erkenntnisse für die Zukunft. „In diesem Rahmen wird man hoffentlich auch eine Antwort finden, warum bei uns so viele Leute ums Leben gekommen sind“, so Lippert. Bis Ergebnisse der Studie vorliegen, wird es aber laut Regierungsdirektorin Regina Kestel noch einige Zeit dauern.

Dem Landratsamt wird vorgeworfen, die Situation bewusst zu verharmlosen. Was sagen Sie dazu?

„Diese Frage tut fast ein bisschen weh. Wir haben die Situation in keinster Weise verharmlost“, zeigte sich Lippert erstaunt. Als erster Landkreis in Deutschland habe man eine Ausgangssperre verhängt. „Besser und schneller kann man nicht reagieren.“ Alle Verantwortlichen würden seit Wochen die Situation täglich analysieren und entsprechende Maßnahmen treffen.

Pressesprecher Walter Brucker ergänzte, dass viele Bürger die Öffentlichkeitsarbeit des Landratsamts loben. „Wir sind die einzigen, die tagtäglich einen Pressebericht abgeben.“ Zudem seien alle Landkreisbürger schon frühzeitig mit einem Flugblatt informiert worden. Und Regina Kestel verwies darauf, dass der Krisenstab schon Anfang März täglich zusammengekommen sei und sich mit der Corona-Thematik beschäftigt habe, weit vor der Ausrufung des Katastrophenfalls.

Warum gibt es keine detaillierten Coronazahlen für den Landkreis?

„Es gibt in Bayern kaum einen Landkreis, der die Zahlen bis auf die Gemeinden herunterbricht“, erläuterte Kestel. Gebe es beispielsweise in einer Kommune nur einen Fall, könnte dies die dortigen Bürger in Sicherheit wiegen. Zudem könnte es zu Stigmatisierungen kommen. „Es geht nicht ums Verheimlichen oder Verharmlosen. Es geht darum, mit welchem Weg man weitere Ansteckungen verhindert“, führte der Landrat weiter aus. Alle im Krisenstab seien sich einig gewesen, die Zahlen nicht auf Gemeindeebene herauszugeben. Zudem habe sich Lippert mit seinen Oberpfälzer Landratskollegen auf diesen Weg verständigt. „Wir wollen den Bürger schützen, damit er nicht leichtsinnig wird“, bekräftigte Lippert das Vorgehen.

Allerdings nannte er dann doch noch etwas detailliertere Zahlen: Im Landkreis gibt es nur noch sieben Gemeinden, die weniger als zehn Coronafälle haben. Der westliche Landkreis ist noch nicht so stark betroffen wie der östliche.

Spielen Altenheime eine besondere Rolle in der Statistik? In einem Heim in Erbendorf wurden in Absprache mit dem Gesundheitsamt in einer Hau-Ruck-Aktion die Bewohner verlegt. Auch von anderen Seniorenheimen wird von massiven Problemen berichtet.

„Das ist richtig. Im Landkreis sind mehrere Seniorenheime betroffen“, bestätigte Lippert. Daher seien in einigen Einrichtungen Bewohner und Mitarbeiter getestet worden. Nach entsprechenden positiven Tests seien Maßnahmen ergriffen worden, beispielsweise die Verlegung von Bewohnern innerhalb des Heims.

Das Landratsamt werde aber kein Altenheim namentlich nennen. „Das Gesundheitsamt sagt, das sollte man aus zwei Gründen auf keinen Fall tun: Man schafft Ängste innerhalb der Mitbewohner und verunsichert das Personal“, erläuterte der Landrat. Ein Träger könne die Zahlen aber natürlich herausgeben. „Daran werden wir ihn nicht hindern.“ Regierungsdirektorin Kestel verwies zudem auf den Datenschutz als weitere Hürde für ihre Behörde.

Verantwortliche von Altenheimen erzählen hinter vorgehaltener Hand, dass ihnen nicht nur Personal, sondern auch Schutzausrüstung fehlt.

Wöchentlich werde auch der Bedarf der Einrichtungen abgefragt. In diesem Zusammenhang hatte der Landrat auch zwei Neuigkeiten: Für 12 Pflegeeinrichtungen im Landkreis gibt es ab sofort Unterstützung durch 28 Soldaten aus Kümmersbruck. Bis zum 12. Juni helfen sie bei logistischen Tätigkeiten. Zudem habe Landtagsabgeordneter Tobias Reiß dafür gesorgt, dass der Landkreis zusätzliche Schutzkittel bekomme. „Die sind absolut nötig“, so der Landrat.

Regina Kestel bekräftigte, dass der Landkreis momentan vor allem Schutzkittel und Schutzanzüge für Altenheime, Klinikum, Haus- und Zahnärzte braucht. Momentan warte die Behörde seit 14 Tagen auf eine Bestellung. In jedem Altenheim gebe es zudem mittlerweile einen Pandemie-Beauftragten. Dazu wurden Konzepte für diese Einrichtungen erarbeitet, die das Vorgehen nach positiven Coronatests festlegen. Außerdem verwies die Regierungsdirektorin darauf, dass nach und nach in allen Altenheimen die Bewohner und das Personal vorsorglich auf Covid 19 getestet werden. Dies übernimmt die Task Force Infektiologie des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zusammen mit dem Gesundheitsamt (wir berichteten). „Da der Landkreis Tirschenreuth ein Corona-Hotspot ist, wollen wir das vorausschauend planen und frühzeitig reagieren. Wir sind die ersten in Bayern“, erklärte Kestel.

Abschließend betonte Landrat Lippert, dass der Landkreis bei der Ursachenforschung und Eindämmung der Corona-Pandemie nicht alleine gelassen werde. Es gebe viel Unterstützung.

Eine Expertenstudie soll die Dunkelziffer im Kreis Tirschenreuth aufklären.

Regensburg

Zweiter Teil des Gesprächs mit den Landkreis-Verantwortlichen: Dabei wird der Einsatz von „Contact-Tracing-Team“ erklärt.

Tirschenreuth

Coronatests in Altenheimen im Landkreis Tirschenreuth:

Tirschenreuth
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Kommentare

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Hartmut Zimmermann

Guten Tag...
Um die sogenannte Schuldfrage der Infektionen in Mitterteich zu klären.... müsste man wissen, welcher (e )
Urlauber das Virus eingeschleppt haben ? bis zu dem Zeitpunkt war Mitterteich ein gemütliches Nest in der östlichen Oberpfalz... so haben es auch die Verantwortlichen gesehen ( Gesundheitsamt, Bürgermeister usw. )
Hier ist eine leider tödliche " Parallele " zum Fasching in Heinsberg... gegeben !
Diese Erkenntnisse sind auch jetzt erst für Jedermann zu sehen... Überall gibt es den Virus seit etlichen
Wochen... und trotzdem machten viele noch möglichst weit weg ..URLAUB.. ! solchen Leichtsinn sollte man bestrafen, denn was die Rückholaktionen gekostet haben, könnte anderswo besser verwendet werden !
Hoffen WIR nur, das nicht noch irgendwelche Demos das Virus verbreiten.... solch ein EGOISMUS sollte
auch verboten werden !
Mal schauen, was unser Ministerpräsident dazu veranlasst ?
Gruss...

19.04.2020
Maria Estl

Martin Maier vom Neuen Tag stellt die richtigen Fragen, Danke für sein Engagement. Leider sind die Antworten von Landrat Lippert und auch von Landratsamtsjuristin Regina Kestel mehr als dürftig. Schade, sie haben hier die Gelegenheit verpasst, den Landkreisbürger*innen offen und ehrlich Auskunft zu geben. Mein Eindruck ist, dass sie mit der Situation heillos überfordert sind. Was ich auch nicht verstehe: Wieso wird lt. Kestel der Datenschutz nicht gewährleistet, wenn genaue Zahlen für jeden Ort oder jedes Alten-/Pflegeheim herausgegeben werden? Datenschutz bezieht sich immer auf Personen, nicht aber auf Einrichtungen. Und das Landratsamt kann jeden Tag mehrere Presseerklärungen herausgeben, wenn ihr Inhalt frei von Qualität ist, nützen sie alle nichts. Nicht die Quantität, sondern die Qualität zählt hier.
Im übrigen teile ich die Äußerungen meines Vorkommentators zum größten Teil. Danke, Christoph Driesner, Sie sprechen mir aus der Seele.

15.04.2020
Christoph Driesner

Sehr geehrter Herr Lippert,

1. Dem Landratsamt wird vorgeworfen, die Situation bewusst zu verharmlosen. Was sagen Sie dazu?
„Diese Frage tut fast ein bisschen weh. Wir haben die Situation in keinster Weise verharmlost“, zeigte sich Lippert erstaunt. Als erster Landkreis in Deutschland habe man eine Ausgangssperre verhängt. „Besser und schneller kann man nicht reagieren.“
Eine unangemessene, medizinisch nicht sinnvolle und demokratischen Prinzipien widersprechende Ausgangssperre zu verhängen und das dann hinterher noch als grosse Leistung herauszustellen, da kann man nur den Kopf schütteln.
Besser und schneller hätte man schon reagieren können, denke ich. Sie hätten z.B. als das Mitterteicher Starkbierfest im Raum stand, mit dem Mitterteicher Bürgermeister telefonieren können um zu fragen: Brauchts das jetzt wirklich noch? - Wie ist hierzu Ihre Stellungnahme bitte sehr? WIR WARTEN, Herr Lippert.....

2. Warum gibt es keine detaillierten Coronazahlen für den Landkreis?
„Es geht nicht ums Verheimlichen oder Verharmlosen. Es geht darum, mit welchem Weg man weitere Ansteckungen verhindert“, führte der Landrat weiter aus. . „Wir wollen den Bürger schützen, damit er nicht leichtsinnig wird“, bekräftigte Lippert das Vorgehen.

Es ist nicht an Ihnen, zu entscheiden, welche Informationen ein mündiger Bürger erhalten darf oder nicht. Wir sind nicht in der DDR.
Wir alle als Bürger haben ein Recht, umfassende und vollständige Informationen zu erhalten und Sie als demokratisch gewählter Landrat haben die Pflicht, diese zur Verfügung zu stellen. Informationen vorab nach ihrem eigenen Gusto zu zensieren ist nicht ihre Aufgabe. Als 1986 Tschernobyl explodierte hat man den Bürgern der DDR die ganze Wahrheit vorenthalten um sie "zu schützen", und Sie machen jetzt aus meiner Sicht genau das Gleiche. Eine Schande für ein demokratisches Gemeinwesen aus meiner Sicht. Sie haben einen Eid auf die demokratische Grundordnung der Bundesrepublik abgelegt, Herr Lippert, und auf den Freistaat Bayern, also verhalten Sie sich bitte so und geben dem mündigen Bürger die Informationen, auf die er Anrecht hat.

3. „Das ist richtig. Im Landkreis sind mehrere Seniorenheime betroffen“, bestätigte Lippert. Daher seien in einigen Einrichtungen Bewohner und Mitarbeiter getestet worden. Nach entsprechenden positiven Tests seien Maßnahmen ergriffen worden, beispielsweise die Verlegung von Bewohnern innerhalb des Heims.

Das Landratsamt werde aber kein Altenheim namentlich nennen. „Das Gesundheitsamt sagt, das sollte man aus zwei Gründen auf keinen Fall tun: Man schafft Ängste innerhalb der Mitbewohner und verunsichert das Personal“

Es ist nicht an Ihnen, zu entscheiden, welche Informationen die Bewohner eines Altenheims erhalten dürfen und welche nicht, es handelt sich hier um mündige Bürger und nicht um tattrige entmündigte alte Omas und Opas.
Wenn ich Ihre Aussage richtig verstehe werden also Altenheimbewohner einfach so aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und woanders hin verlegt ohne ihnen zu sagen warum. Das ist ja wohl der Gipfel und eine glatte Entmündigung.
Es ist Ihnen schon klar, dass diese Menschen keine dahinvegetierenden Zimmerpflanzen sind, die man nur bis zu ihrem Tod möglichst ohne grossen Aufwand im Altersheim aufbewahren muss, ohne dass sie das Recht haben, zu erfahren was mit Ihnen geschieht?
Diese Menschen haben selbstverständlich das Recht, umfassend informiert zu werden warum Sie ihre Zimmer und Appartments verlassen müssen, es sei denn es sprechen gewichtige medizinische Gründe dagegen, sie umfassend zu informieren, das hat aber dann ein Arzt und nicht Sie zu entscheiden.
Man muss wirklich nach dem Demokratieverständnis fragen, das hinter einem solchen Verhalten steckt. Diese Menschen haben ihr Leben lang gearbeitet und mit ihren Steuern unter anderem den Beamtenapparat finanziert, zu dem auch Sie, Herr Lippert, gehören (mit einer monatlichen Besoldung von über 8000.00EUR), somit haben Sie ein Anrecht auf Respekt.

Und zuguterletzt: Was ist eigentlich mit dem Herrn Grillmeier jetzt? Eine abschliessende Stellungnahme seinerseits zur causa Starkbierfest wäre wünschenswert. Auf seiner facebookseite ist auch nichts mehr vom Starkbierfest zu finden?????

15.04.2020
Maria Estl

Herr Driesner, eine abschließende Stellungnahme des neu gewählten Landrats Roland Grillmeier zum Starkbierfest werden wir wohl nie erhalten, er war viel zu sehr involviert in das Geschehen, siehe das von Ihnen früher gepostete Foto. Ich gehe davon aus, dass er nahtlos da weiter macht, wo Landrat Lippert aufhört - in die gleiche Richtung. Beschwichtigen und alle Verantwortung in Sachen Starkbierfest oder Umgang mit der Corona Situation abstreiten bzw. verharmlosen. Damit hat er bereits begonnen.
Und wie sehr hat er seine Fähigkeiten angepriesen während des Wahlkampfs - offensichtlich erfolgreich. Aber wir wissen, wie wir Wahlversprechen beurteilen können.

16.04.2020