09.05.2021 - 18:08 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Drei KZ und Corona: Der Mann, der alles überlebt

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Alexander Fried hat drei Konzentrationslager überlebt. Und jetzt auch noch Corona und eine Hirnblutung. Am Freitag feierte er zu Hause in Tirschenreuth mit seiner Frau Doro seinen 96. Geburtstag.

Alexander Fried feiert nach einer Corona-Infektion zusammen mit seiner Frau Dorothea Woiczechowski-Fried.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Mehr Überlebenswillen geht nicht. Nesanel Meir Avraham Fried, genannt Alexander, war schon als Junge in seiner slowakischen Heimatstadt Žilina begeisterter Ausdauersportler. Dass er einmal die Schrecken des Nazi-Regimes und drei Konzentrationslager überleben würde, war ihm jedoch nicht in die Wiege gelegt.

Ein Geheimnis seines langen Lebens: Seinen 20. Geburtstag am 7. Mai 1945 erlebte er völlig erschöpft am Tag vor der deutschen Kapitulation bei Schwerin - am Ende eines qualvollen Todesmarsches von Sachsenhausen bis Crivitz. "Da ich anders als die vielen Millionen Opfer Hitlers überlebte", erklärt Fried, "habe ich mir geschworen, meine Geschichte jungen Menschen zu erzählen, damit sich die grausame Geschichte nie wiederholt." Am Abend dieses abenteuerlichen Lebens fand Alexander Fried bei der Kinderärztin Dorothea Woiczechowski-Fried in Tirschenreuth eine neue Heimat, ein spätes Lebensglück. Doch dann kam Corona.

Er verlor das Gleichgewicht

"Es war ein wunderschöner Spaziergang", erinnert sich Frieds Frau an den 19. Dezember. "Alexander war in so einer guten Verfassung." Das Paar dreht eine Runde am Liebensteiner Speichersee, bis Fried müde wird. "Weil es dort keine Bänke gibt, wollte sich Alexander auf einen bemoosten Grenzstein setzen", erzählt sie. "Er verlor das Gleichgewicht, fiel mit Wucht auf die linke Seite." Es ist Samstag, nur wenige Leute sind unterwegs, das Handy hat keinen Empfang. "Wir hatten Glück im Unglück", sagt Fried, "nach zehn Minuten kam ein Ehepaar mit Tochter." Die junge Frau läuft zur Straße und ruft einen Notarzt an.

Das lange Leben Alexander Frieds in unserer Serie

Deutschland und die Welt

Mit einem Krankenwagen wird Fried ins Klinikum nach Weiden gefahren, seine Frau weicht nicht von seiner Seite. "In der Notaufnahme hat sich gleich eine nette Kollegin um ihn gekümmert", schildert Woiczechowski-Fried. "Der Oberschenkelbruch sei nicht so schlimm, der werde genagelt, die Schulter schon komplizierter, eine Platte müsse eingesetzt werden." Dorothea bekniet den Arzt, dass sie ihren Mann trotz Corona-Regeln besuchen darf: "Er verstand sofort, dass man einen traumatisierten Menschen nicht allein lassen kann."

Patient mit schlimmem Husten

Fried wird in ein Zweibettzimmer einquartiert. "Der Mann, der dort lag, hustete wirklich schlimm", fiel Fried sofort auf. Man versichert den beiden, der Patient sei Corona-negativ. Die OP am darauffolgenden Montagnachmittag verläuft trotz hohen Blutverlustes gut: "Sie haben alles in einer Sitzung erledigt", sagt Woiczechowski-Fried. "Noch am Abend hat mich Alexander putzmunter angerufen." Weil die Station überbelegt ist, wird Fried in die Neurologie verlegt. Als sich Dorothea telefonisch für einen Besuch am Mittwoch anmelden will, reagiert die Schwester am Apparat einsilbig: "Sie können nicht kommen, eine Ärztin ruft Sie an", habe sie ihr mitgeteilt. Dann die Hiobsbotschaft: Fried hat sich bei dem hustenden Zimmergenossen angesteckt, der sich im Nachhinein doch als infiziert erwies.

"Mein Gott, jetzt verliere ich ihn doch noch", geht es Dorothea durch den Kopf. "Sie begannen sofort mit der Behandlung, aber Alexander entwickelt eine schwere Lungenentzündung, brauchte Sauerstoff." Immerhin muss der 95-Jährige nicht auf die Intensivstation. "Wir wissen nicht wie das genau abgelaufen ist", versucht Woiczechowski-Fried den Ablauf zu rekonstruieren. "Es haben sich mehrere angesteckt, sogar der Arzt."

Alexander Fried erzählt von der Judenverfolgung

Die Lage für den betagten Patienten ist unerträglich. "Als ich auf die Toilette musste, hat mir die Schwester um 8.30 Uhr eine Schüssel gegeben", erzählt Alexander. "Um 9.40 Uhr kam sie erst zurück." Er habe sich beschwert, sein Rücken habe geschmerzt. "Sie waren so kalt, sagten nur, ,wir sind nicht nur für Sie da'." Woiczechowski-Fried hat Verständnis für das Personal: "Die waren am Limit, völlig unterbesetzt, ich sagte ihnen, wenn ich könnte, würde ich helfen."

Er singt: "Komm wir tanzen"

Wieder einmal bekommt Fried die Kurve. Drei Tage später singt er Hava Nagila, das bekannte hebräische Volkslied. ",Komm wir tanzen' ... wir haben uns sehr gefreut", sagt Dorothea. Mitte Januar wird Fried aus der Klinik entlassen. "Er war sehr schwach, wurde mit dem Sanker hergefahren", erzählt Woiczechowski-Fried. Sie engagiert eine Anästhesieschwester, die jeden Tag vorbei kommt: "Sie brachte ihn wieder zum Laufen mit Stöcken durch den Park - und brachte Zuversicht und Optimismus zurück." Fried scheint auf den Weg der Besserung. In der dritten Märzwoche bereitet er seine Rede zur Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen vor. "Plötzlich bekommt er starke Kopfschmerzen", sagt sie. "Er hat sich erbrochen, konnte sich im Spiegel nicht mehr sehen."

Noch einmal muss Fried in die Notaufnahme. Das CT zeigt eine Gehirnblutung. "Er musste wieder auf Intensiv, eine OP erschien zu riskant - zum Glück kam die Blutung zum Stillstand." Dorothea ruft Alexanders Sohn in Dubai an. Es sei besser, wenn er jetzt komme. Weil der aber kein deutscher Staatsbürger ist, darf er nicht einreisen. "Ich rief im Bundespräsidialamt an, wo man sich noch an Alexanders Verleihung des Bundesverdienstkreuzes erinnerte - dort hat man einen guter Draht zum Auswärtigen Amt."

Auch Richter Thomas Walter, der in Ludwigsburg wegen der Verbrechen in Sachsenhausen ermittelt, schaltet sich ein: "Dass der Sohn in so einer Lage nicht rein darf, geht gar nicht", habe der Mann gesagt, der mit der Tochter einer Auschwitz-Überlebenden verheiratet ist. Schließlich bekommt Sohn Jonathan die Einreiseerlaubnis: "Das hat ihm sehr gut getan, er hat ihn jeden Tag besucht", sagt Dorothea.

Agentur Hausengel

Mit Gottes und Sladana Ribas Hilfe, einer kroatischen Haushaltshilfe von der Agentur Hausengel, geht es wieder merklich aufwärts: "Sladanas Vater ist Slowake, die beiden reden slowakisch miteinander", freut sich Dorothea, dass sich Alexander und Sladana, auf Deutsch "die Süße", so gut verstehen. Fried folgt dem Gespräch mit wachen Augen. Nur manchmal blickt er nach links zur Wand, wo er jemanden zu sehen scheint. "Luftmenschen", nennt Dorothea die Erscheinungen ihres Mannes beschwichtigend. "Eine Psychologin hat mir erklärt, dass das vorkommt."

Dennoch ärgert sich Alexander über die ungebetenen Gäste: "Die setzen sich sogar auf mein Bett", sagt er empört, "das geht doch nicht." Immerhin, es sind nicht die Geister aus der schrecklichen Vergangenheit, versichert der Mann, der alles überlebt.

Zeitzeugen erinnern sich an das KZ Flossenbürg

Flossenbürg
Info:

Alexander Frieds unendliche Lebensgeschichte

  • 7. Mai 1925: Geboren in Korolevo in der heutigen Ukraine.
  • 1927: Umzug nach Žilina in der Nordwestslowakei.
  • 16. März 1939: Nach der Okkupation des tschechischen Landesteils bricht in der Slowakei von Hitlers Gnaden die NS-Zeit über die friedliche Welt in Žilina herein.
  • 1941: Fried wird in das Lager Závodie in der Nähe der Stadt Žilina verfrachtet.
  • 1944: Nach vorübergehender Freilassung wird Fried am 6. Dezember 1944 ins Hauptquartier der SS in Žilina gebracht.
  • 15. Dezember 1944: Zugtransport ins KZ-Sachsenhausen.
  • 21. April 1945: Todesmarsch Richtung Ostsee.
  • 7. Mai 1945: Die SS-Schergen fliehen bei Crivitz an Frieds 20. Geburtstag. Er wiegt keine 30 Kilo mehr.
  • 8. Mai 1945: Kapitulation Deutschlands.

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