10.10.2021 - 09:02 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Einmaliger Kulturschatz aus der Inselzeit

Noch viele spannende Kapitel gilt es, in der Stadtgeschichte zu entdecken. Gerade Tirschenreuths „Inselzeit“ bietet hier Episoden, etwa über eine „geheimnisvolle Unterwelt“. Doch deren Zukunft gibt auch Anlass zur Sorge.

Ausschnitt aus der „Mappa“ von Hartman Rumpff aus dem Jahr 1617. Dargestellt sind das Abzugshäusl (8) sowie der verwinkelte Abzugskanal zum heutigen "Musl".
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Historiker Harald Fähnrich hat sich schon seit vielen Jahren tief in die Ortshistorie eingearbeitet – und dabei oft Erstaunliches zu Tage gefördert. Etwa die Überreste eines alten Abzugsgrabens, der 1617 sogar für ein Stadtpolitikum sorgte. Jetzt bemüht sich Fähnrich, dieses wertvolle Stück der Stadtgeschichte zu erhalten.

Tagtäglich sind Personen irgendwie zwischen Luitpoldplatz und Regensburger Straße unterwegs. Sie alle queren die große Kelleranlage vom „Musl“. Der „Untergrund“ gehört seit Generationen zum Anwesen der Brauerfamilie Kühn. Doch hat der Keller eine noch längere Geschichte, die bis in die „Dorfzeit“ der Stadt reicht, als noch der riesige Obere Stadtteich vom Herrn der Burg Tirschenreuth angelegt war.

Aus Mühle wird Brauerei

Der Vorfahre Chrisostomus „Musl“ Kühn hatte 1828 das stattliche Anwesen, das wohl früher mal die "Schlossmühle" war (heute Luitpoldplatz 2), gekauft. Gleich darauf baute er „unten“ die „Brauerei Kühn“ an. Dort beginnt der Keller, 30 Meter lang und bis zu 10 Meter breit. Ursprünglich hat es sich dabei aber um ein oberirdisches Kanalbett mit zwei Rinnen gehandelt, hat Fähnrich recherchiert. Eine Rinne lieferte Wasser für den Betrieb der Mühle, die zweite Rinne wurde zum Abfischen genutzt und transportierte das Wasser in den Unteren Stadtteich. Die zwei überdimensionierten Rinnen waren mit Steinquadern sorgfältig gefügt. Erhalten sind die letzten 30 Meter. Das ist der „Musl-Keller“.

Genaue Vermessung

Über den Abzugskanal schreibt ein Klosterchronist im Jahr 1834: „Im Jahr 1599 reparierte (!) man die Wasserwehr des oberen Teiches neben dem Schloss.“ Kurfürst und Pfalzgraf Friedrich V. hatte damals das reiche Stift Waldsassen „kassiert“ und wollte nach Problemen beim Abfischen einen besseren Abzug schaffen. Hartman Rumpff, ein hochqualifizierter „Geometer“, erstellte für das Vorhaben eine Karte von beiden Stadtteichen, von Lohnsitz bis zur Sägmühle, und nahm dabei auch eine genaue Vermessung der heutigen Regensburger Straße bis zur Dammstraße vor. Darin findet sich auch das Kerngebäude vom „Musl“.

Farbige "Mappa" von 1617

Hartman Rumpffs „Mappa“ von 1617, 103 mal 55 Zentimeter groß, ist farbig gezeichnet. Max Gleißner machte den kostbaren Plan (Staatsarchiv Amberg) öffentlich. Gemeinsam mit Gleißner hat Harald Fähnrich in den 80er Jahren die Legende entziffert. Am Beginn des „Dammweges“ ist der zu verlegende Abzug dargestellt. Ein trichterförmiger „Kanalmund“ soll wohl Ab- und Unterspülungen durch Regen vermeiden, die Rinne im Trichter verschließt am Teichrand das „Abzughaisl“ (Hausrest im Erdhügel hinter „Regensburger Straße 11“). Das „Haisl“ birgt unter Wasser das nie dichte Grundwehr. Zieht man diese Bohlenwand hoch, wird am Teichboden ein „Spalt“ frei zum Abfluss. Der um 100 Meter schräglaufende Steinkanal hat mindestens zwei Knicke. Die „Mappa“ stellt auch eine Zugbrücke über den Kanal am „Schlosstor“ (Nr. 31) dar, sowie am Teichrand die ersten der 23 Häuschen der heutigen Dammstraße. Sie lagen übrigens außerhalb der Stadt.

Stadtpolitikum

Doch die „Mappa“ von 1617 sorgte für ein Stadtpolitikum ersten Ranges. Denn für den günstigsten Abzugskanal hätte ein Haus „am Dammweg“ weichen müssen; ausgerechnet das Haus des Bürgermeisters Geisel! So wurde der neue Teichabzug ab 1617 bei der heutigen Evangelischen Kirche eingebaut. Im Fron-Schweiß der Untertanen aus den Dörfern rundum. Nicht mehr aus teurem Stein, sondern aus billigem Holz, das reichte für Tirschenreuth. 1619 weihte ihn der Kurfürst persönlich ein. 1808 (als Folge der bayerischen Klosterenteignung) wurde der klösterliche Obere Stadtteich abgelassen. Seitdem fließt die Waldnaab durch die heutige Brücke. Im Mauerwerk fand sich der Gedenkstein von 1619 für den glücklosen „Winterkönig“.

Die Reste des alten Schloßmühl-Kanals betrachtet Fähnrich als einzigartiges Kulturdenkmal. Es erstreckte sich vom Brauhaus vorbei am Gasthof bis unter das ehemalige „Musl-Kino“. Doch das bedeutende Wasserbauwerk aus der „Inselzeit“ der alten Stadt Tirschenreuth blieb bisher dem Denkmalschutz unbekannt. Und der Historiker sorgt sich um diesen „Boden-Schatz“. So appelliert er, bei einer neuen Nutzung des früheren Kinos auf dieses besondere „Erbe“ zu achten.

Beim "Tag des offenen Denkmals" zog die Fronfeste als markantes historisches Bauwerk in Tirschenreuth viele Besucher an

Tirschenreuth
Der "Musl-Keller" an der ehemaligen Brauerei stellt eigentlich einen Teil des historischen Abzugsgrabens des Oberen Stadtteichs dar. Rund 30 Meter reicht der Graben von hier als Kellertunnel unter der Straße bis unters „Musl-Kino“.
Hintergrund:

Schlossmühl-Kanal und Schloss

  • Einen Steinwurf von ihrem „Schloss“ weg ließ die Herrschaft Ortenburg ihre „Schlossmühle“ bauen, das heutige "Musl"-Anwesen.
  • Dorf, Burg, Mühle und Teich lagen zu weit weg für die niederbayerischen Grafen. Das nahe junge Stift Waldsassen kaufte 1217/18 teuer ihre Ländereien. Es sind die „Anfänge des Stiftlandes“!
  • Den Großteich staute in der Klosterzeit ein über 100 Meter langer, breiter Damm (heute Dammstraße).
  • Der Teich, gespeist von Waldnaab, Gründel- und Netzbach, brauchte mindestens einen Überlauf. Jener bei der Burg betrieb die Mühlrad-Stube der „Schlossmühle“.
  • Sicher ist, der Kanal musste „doppelläufig“ sein (zwei Rinnen) und wegen der Wasserwucht schräg im Damm liegen. Darin ständiger Wasserfluss, da das große Grundwehr nicht abdichtbar war.

 

 

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