02.09.2020 - 14:12 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Gedächtnislücken nach Disco-Rangelei im Landkreis Tirschenreuth

Mehrere Tage sei der 30-jährige Angeklagte nach dem Abend im Februar 2019 neben der Spur gewesen. Von dem Abend habe er nur Bruchstücke im Kopf, sagt er vor dem Amtsgericht Tirschenreuth. Richter Thomas Weiß hakt nach und Zeugen klären auf.

Alkohol und Ehestreit sind eine schlechte Kombination für einen Diskobesuch. Vor dem Amtsgericht Tirschenreuth hat der 30-jährige Angeklagte einige Erinnerungslücken.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Der Angeklagte ging im Februar 2019 mit seiner Ehefrau in eine Discothek im Landkreis und trank dort reichlich Bier und Schnaps. Als zu später Stunde seine Frau heimfahren wollte, habe er noch sein Bier austrinken wollen, sagt der 30-Jährige. Die Frau sei zum Auto gegangen, habe dort gewartet. Da er aber nicht kam, wollte sie ihn holen. Damit nahm das Unheil seinen Lauf.

"Im rechten Augenwinkel habe ich noch gesehen, wie jemand über die Bar springt und mich nach unten drückt." Von dem Rest des Abends habe er nur bruchstückhaft Bilder im Kopf, sagt der Angeklagte. "Das nächste, was ich weiß, ist, dass wir draußen vor der Tür waren." Am nächsten Tag sei er bei der Polizei aufgewacht und habe Kopfschmerzen gehabt.

Mit der Faust ins Gesicht

Bei den Erinnerungslücken hilft Staatsanwältin Jaclyn Zäch nach. So habe der 30-Jährige gegen 4 Uhr einem Security-Mitarbeiter mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Zudem sei es zu einer Rangelei mit einem weiteren Gast vor der Disco gekommen. Als die Polizei den Mann mitnehmen wollte, habe er sich widersetzt und versucht, sich zu befreien. Dabei habe er die Beamten mit Ausdrücken wie "Hurensöhne", "Wichser" oder "Ich fick deine Mutter" beleidigt. Nur mit Mühe hätten die Beamten ihn ins Auto gebracht. Vor Gericht muss er sich deshalb wegen Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und versuchte Sachbeschädigung verantworten.

Bewusstlos und Zunge verschluckt

Weiterhin bringen mehrere Security-Mitarbeiter als Zeugen Licht ins Dunkel. Der Einsatzleiter der Truppe wurde per Funk zu dem Geschehen in der Disco gerufen. "Der Angeklagte lag bewusstlos am Boden. Er schnaufte nicht mehr und hatte seine Zunge verschluckt." Nachdem der Zeuge die Zunge aus dem Rachenraum geholt hatte, wachte der Bewusstlose auf. "Er wollte auf mich losgehen." Von seinen Kollegen wurde der Mann am Boden gehalten. Ein weiterer Mitarbeiter sagt aus: "Ich habe ihn festgehalten. Als er aufwachte, ist er wieder ausgerastet. Dann hat er mir eine ins Gesicht gedonnert." Daraufhin hatte der Security-Mitarbeiter eine Prellung und einen Kratzer unterhalb des linken Auges. "Das war aber nicht schlimm", sagt der Zeuge.

Ein Bekannter habe den Angeklagten mit vor die Tür genommen. "Da hat sich dann alle fünf Minuten sein Wesen verändert", sagt der Einsatzleiter. Mal habe der Mann gelacht, geweint oder sei aggressiv gewesen. Alle Security-Mitarbeiter betonen, dass der 30-Jährige vorher nie negativ aufgefallen sei. Das Sicherheitspersonal rief die Polizei. "Dann ging eine Rangelei mit dem Kumpel los", erinnert sich ein Mitarbeiter. Die Security-Leute und die Beamten seien dazwischengegangen. Nach einem längeren Gespräch mit der Polizei wollten die Beamten den Angeklagten mit in ihr Auto nehmen. Doch der 30-Jährige habe sich stark gewehrt. Er habe sich losgerissen, wollte weglaufen. "Die Polizisten haben ihn zu Boden gebracht und legten Handschellen an. Als sie wieder zum Auto gingen, gingen die Beschimpfungen los", erinnert sich ein Zeuge.

Auch die Frau des Angeklagten sagt vor Gericht aus. Sie erinnert sich daran, dass sie gegen 2 Uhr wieder in die Disco kam. Eine brünette Dame sei neben ihrem Mann gestanden, habe sich aber schnell aus dem Staub gemacht. "Er war nicht mehr ansprechbar und hat nur noch gelallt." Als sie gehen wollte, habe ihr Mann ihr auf die Schulter getippt. "Dann kam schon ein Security und hat ihn nach unten gebracht." Sie wollte nicht, dass ihr Mann in diesem Zustand mit nach Hause kommt. Sie habe deshalb die Polizei gebeten, ihn mitzunehmen. "Er hat sogar selber darauf bestanden, in die Ausnüchterungszelle zu gehen." Verteidiger Tobias Konze fragt: "Was war mit der brünetten Dame? Was vermuten Sie?" Die Frau antwortet: "Ich glaube, die haben ihm etwas ins Getränk."

"Streit zwischen Eheleuten"

Zudem berichtet ein Polizist von dem Abend. Er war einer von zwei Beamten, die versuchten den Angeklagten in Gewahrsam zu nehmen. "Wir wurden gerufen, da es eine Rangelei gab", sagt der Beamte. Als die beiden zum Geschehen kamen, versuchten sie, die beiden Kumpels vor der Disco auseinander zu bringen. "Jeder hat den anderen beschuldigt. Es gab wohl zuvor Streit zwischen den Eheleuten." Den Beamten sei nichts anderes übrig geblieben als die Ingewahrsamnahme. Nachdem der Angeklagte zunächst zustimmte, wollte der Kollege ihn zum Auto bringen. Da sich der Mann ständig wehrte, legten die Beamten Handschellen an. "Dann begannen die Beleidigungen. Das war außerordentlich", erinnert sich der Polizist. Bis zur Ankunft auf der Dienststelle seien die Schimpftiraden weitergegangen. "Mit der Zeit wurde er dann ruhiger und stimmte einem Alkoholtest zu." Das Ergebnis: zwei Promille.

"Da war Dampf im Kessel"

Richter Thomas Weiß befragt einen sachverständigen Rechtsmediziner zu den Ereignissen. "Was wir haben, ist eine hochgradige Alkoholisierung. Mit K.O.-Tropfen hat die Sache nichts zu tun", betont der Arzt. Seiner Ansicht nach sind die Gedächtnislücken und die länger andauernden Kopfschmerzen des Angeklagten mit einer Gehirnerschütterung verbunden. "Im vorliegenden Fall ist es entscheidend, dass es etwas gegeben haben muss, was die Eheleute betrifft." Frustration in Kombination mit Alkohol habe dann seinen Lauf genommen. "Da war Dampf im Kessel und der ist abgelassen worden." Vor Gericht betont der Angeklagte, dass er seit dem Vorfall keinen Alkohol mehr getrunken habe und seither in psychologischer Behandlung sei.

In seinem Urteil hält Richter Weiß den 30-Jährigen in Sachen vorsätzlicher Körperverletzung für schuldig. Er erhält eine Freiheitsstrafe von elf Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt werden kann. Zusätzlich muss der Angeklagte 1000 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen. Für den Richter hatte sich der Sachverhalt so zugetragen, wie er in der Anklageschrift vorgetragen wurde.

"Sie haben alkoholische Getränke getrunken, sind auf Ihre Frau losgegangen und sind dann zu Boden gebracht worden. Es war ein vorsätzliches Handeln." Zugute hält ihm der Richter, dass er sozial eingeordnet lebt und die Verletzung des Security-Mitarbeiters gering war. Jedoch sei seine Reaktion gegenüber der Polizei nicht nachvollziehbar. "Sie sind einschlägig vorbestraft", betont er. Von einer Schuldunfähigkeit könne nicht die Rede sein. Der Angeklagte nimmt das Urteil an.

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