30.06.2021 - 14:39 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Geologe kritisiert veraltete Daten bei Endlagersuche im Landkreis Tirschenreuth

Es gibt geeignetere Regionen für ein Atommüll-Endlager als den Landkreis Tirschenreuth. Davon ist Andreas Peterek überzeugt. Ein wichtiger Punkt des Geologen: Hier ist die Erde stärker in Bewegung als anderswo.

Noch gibt es nur Zwischenlager für den atomaren Abfall in der Bundesrepublik.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Der Geschäftsführer des Geoparks Bayern-Böhmen, Dr. Andreas Peterek, berät den Landkreis Tirschenreuth maßgeblich im Verfahren der bundesweiten Endlagersuche, die in zehn Jahren abgeschlossen sein soll. Auf die Stellungnahme des Geologen machte Regina Kestel in der jüngsten Sitzung des Kreisausschusses aufmerksam. Die Regierungsdirektorin nimmt für den Landkreis an den virtuellen Fachkonferenzen teil, die demnächst in die dritte Runde gehen.

Alle Gebietskörperschaften der Oberpfalz haben ihre ablehnende Haltung zu einem Endlager in kristallinem Gestein bereits deutlich formuliert. Begründung: Der zerklüftete Granit sei wasserdurchlässig und zeige sprödes Verformungsverhalten. "Bei einem potenziellen Endlager in kristallinem Wirtsgestein befürchten wir über den Zeitraum von 1.000.000 Jahren einen Austritt und eine Migration von Radionukliden und sehen darin eine konkrete Gefahr für die Sicherheit der Bevölkerung in Mitteleuropa", heißt es in der Stellungnahme der sieben Landkreise und drei kreisfreien Städte an die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE).

Was den Landkreis Tirschenreuth betrifft, geht Geologie-Experte Peterek auf mehreren Seiten ins Detail. Besonders greift er die aktiven Störungszonen im Eger-Rift auf, das sich weiter nach Bayern hinein erstrecke als bisher angenommen. Die Verteilung der Vulkanfelder, etwa bei Kemnath und entlang des Waldershofer Grabens, lege einen engen Zusammenhang zwischen der Störungsaktivität und der vulkanischen Aktivität nahe.

Als aktive Senkungszonen im Eger-Rift-System benennt Peterek die Waldershof-Neusorger Senke und die Waldnaab-Wondreb-Senke mit Mitterteicher Becken. Aus den geologischen Zusammenhängen abzuleiten sei, dass das Gebiet des östlichen Landkreises Tirschenreuth in einer "jungtertiär bis rezent tektonisch aktiven Region" liegt: "Dies kommt im Zwischenbericht Teilgebiete in keiner Weise zum Ausdruck. Das Eger-Rift endet darin an der Marienbader Störung." Tertiärer Vulkanismus wie im Landkreis Tirschenreuth müsse als Ausschlusskriterium bei der Endlagersuche gewertet werden, heißt es in der Stellungnahme.

Ein weiteres Kriterium sollte das Auftreten von Schwarmbeben sein. Fachleute würden eine Sicherheitszone von 25 Kilometern um die bekannten quartären Vulkane befürworten. Im Zwischenbericht zur Endlagersuche seien jedoch nur 10 Kilometer Abstand zu Kammerbühl und Eisenbühl (bei Cheb und Bad Neualbenreuth) sowie zu den Maaren von Mýtina und Neualbenreuth vorgesehen.

Das Schwarmbeben-Gebiet Marktredwitz/Reichsforst, das vom Bayerischen Landesamt für Umwelt mit einem seismischen Stationsnetz überwacht werde, sei gar nicht berücksichtigt. Dabei hielten Wissenschaftler im Bereich der Marienbader Störung mehrere historische Starkbeben für möglich. Noch höhere Magnituden als 6,5 seien im Wiederholungsfall nicht auszuschließen.

Besonderes Augenmerk lenkt der Geologe auf die Fränkische Linie, die von Kronach bis Weiden verläuft. Diese aktive Störungszone sei im Zwischenbericht nur mit einem Sicherheitsabstand von einem Kilometer als Teilgebiet ausgeschlossen worden. Untersuchungen im Zusammenhang mit der Kontinentalen Tiefbohrung bei Windischeschenbach hätten jedoch spektakuläre Ergebnisse gebracht, die eine Störungszone von rund 30 Kilometern Breite nahelegten.

Insgesamt sehen die Experten die neueste Datenlage im Landkreis zu wenig berücksichtigt. Doch es gibt auch einen "nicht nachvollziehbaren Ausschluss von Gebieten", heißt es in der Stellungnahme. So seien die Bereiche südwestlich von Wiesau und das Mitterteicher Becken, immerhin fast 30 Quadratkilometer, nicht als Teilgebiete ausgewiesen. Als Fehlerquelle wird das offensichtlich stark GIS-basierte Verfahren ausgemacht: "Dies kann zur Folge haben, dass deutschlandweit Gebiete aufgrund fehlerhaft arbeitender Algorithmen bzw. falscher GIS-Anwendung aus dem Verfahren genommen werden, obwohl diese möglicherweise günstige geologische Bedingungen für ein Endlager besitzen könnten", heißt es in dem Schreiben.

Die Folgerung, dass ein Endlager im Landkreis Tirschenreuth womöglich auf zu Unrecht bereits ausgeschlossenen Flächen möglich wäre, scheidet nach Ansicht des Geologen dennoch aus. "Teile des Gebietes müssen aus anderen Gründen ausgeschlossen werden", schreibt Dr. Peterek und verweist auf die aktive Störungszone, die sich von Erbendorf über Mitterteich bis Waldsassen erstrecke.

Das Fazit der Landkreise und Städte mündet in der Forderung an die BGE, methodische Fehler auszuschließen und verstärkt regionales Fachwissen zu nutzen – auch das des Geologischen Dienstes Tschechiens. "Die Oberpfalz ist als Standortregion für ein atomares Endlager insbesondere aufgrund der geologischen Gegebenheiten nicht als bestmöglicher Standort zu werten und daher aus dem weiteren Suchverfahren auszuschließen", lautet die abschließende Forderung.

Zur Karte mit den theoretisch noch in Frage kommenden Gebieten im Landkreis Tirschenreuth

Tirschenreuth

Der Geologe Andreas Peterek hält Granit nicht für ein Endlager geeignet

Hof an der Saale
Hintergrund:

Fahrplan der Endlagersuche

  • Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) sucht nach dem optimalen Standort eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle.
  • Nach dem ersten Zwischenbericht 2020 sind theoretisch noch 54 Prozent des Gebiets der Bundesrepublik im Rennen.
  • Mögliche Wirtsgesteine sind Ton, Salz oder Granit.
  • In drei Fachkonferenzen bietet die BGE eine Online-Plattform zur Diskussion. Daran teilnehmen können Wissenschaftler, Kommunalvertreter und Privatleute. Dritter und letzter Beratungstermin: 5. bis 8. August 2021.
  • Die BGE soll nach Berücksichtigung der Ergebnisse aus den Fachkonferenzen konkrete Regionen vorschlagen, die näher erkundet werden.
  • Bis 2031 soll ein Endlager-Standort feststehen.

"Das Eger-Rift endet darin an der Marienbader Störung."

Geologe Dr. Andreas Peterek kritisiert die Darstellung im Zwischenbericht

Geologe Dr. Andreas Peterek kritisiert die Darstellung im Zwischenbericht

 

 

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