29.06.2020 - 09:43 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Golf-Cart-Tour ins Krankenhaus

Ein Vatertagsbesäufnis unter Freunden endete im Mai vergangenen Jahres mit einem Schwerverletzten. Im Spiel waren Alkohol und ein Golf-Cart. Der skurrile Fall landete jetzt vor dem Amtsgericht Tirschenreuth.

Symbolfoto
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Eine Männerfreundschaft, zu viel Alkohol und ein Golf-Cart: So lässt sich eine Vatertagsfeier zusammenfassen, die für einen der Kumpels im Krankenhaus mit einer Not-Operation endete. Nun sitzt der 36-jährige Angeklagte wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht.

Filmreife Geschichte

Es ist eine fast schon filmreife Geschichte, die der Angeklagte, das Opfer und drei Zeugen Amtsrichter Thomas Weiß präsentieren. Und der Freundeskreis, um den es geht, ist wohl ein besonders verschworener. „Von Anfang an, schon bei der Polizei, haben alle gemauert“, betont Richter Weiß im Prozess mehrmals. Und er weist das Opfer deutlich darauf hin, dass es sich mit einer Falschaussage schuldig mache.

Doch was war passiert? Der Freundeskreis hatte sich am Vatertag vergangenen Jahres im westlichen Landkreis getroffen, wollte das neue Anwesen eines Kumpels anschauen. Man grillte, es floss Alkohol. Die meisten wollen im Schnitt über den Tag verteilt bis zu zehn Bier getrunken haben. Aber so ganz genau weiß das keiner mehr. „Ach Gott, ach Gott“, sagt ein Zeuge, gefragt nach seinem Alkoholkonsum, und schlägt die Hände vors Gesicht.

Und dann, urplötzlich, soll auf dem Gelände ein Golf-Cart mit Hänger aufgetaucht sein. „Wie wir das gefunden haben, weiß ich nicht mehr genau“, sagt der Angeklagte. „Das Golf-Cart war irgendwann auf einmal da“, sagt ein Zeuge. Der Angeklagte, Familienvater und zu diesem Zeitpunkt noch einigermaßen nüchtern, wurde an jenem Tag als Fahrer auserkoren. „Gruppendynamik“, sagt er vor Gericht. Und so tuckerte man, Golf-Cart und Hänger voll besetzt, gemächlich los in Richtung eines nahe gelegenen Waldstücks. Beim Wendemanöver schließlich kippte der Hänger: denn das Opfer hatte sich laut eigener Aussage „unsicher“ gefühlt und war abgesprungen. „Mich hat es richtig zusammengestaucht“, erinnert sich der Geschädigte. Wie eine Ziehharmonika. Mit seinem Knie habe er sich auf die Niere geschlagen, sagt er vor Gericht. Dann: Panik. Alle hätten unter Schock gestanden, berichten die Zeugen und auch der Angeklagte übereinstimmend. „Es war ein reines Gewusel“, erinnert sich einer. Das Opfer habe schlecht ausgeschaut, sich hingelegt. Schließlich hätten Freunde, die Erste Hilfe leisten konnten und die Situation erkannt hatten, gesagt: „Haut ab, wir brauchen hier Ruhe.“ Also kehrten die restlichen Freunde zum Haus zurück. Und grillten und betranken sich weiter. „Ich hab dann richtig viel getrunken“, sagt der Angeklagte. Das Opfer dagegen lag im Krankenhaus und musste eine Not-Operation über sich ergehen lassen. Als die Polizei den Angeklagten schließlich am frühen Morgen aufgriff, hatte der eine Blutalkoholkonzentration von 0,56 Promille.

Der Auftritt der Freunde vor Gericht: skurril. „Also ich habe erst nicht mitgekriegt, dass jemand rausgefallen ist“, sagt ein Zeuge. „Ich weiß nicht, wie viel der Angeklagte getrunken hat – ich schaue da nicht drauf.“ Ein anderer: „Keine Ahnung, wie der Hänger lag.“ Die massiven Erinnerungslücken nimmt Richter Weiß den meisten Zeugen nicht ab. „Solch einen Blackout kann man gar nicht haben, wenn man über den Tag verteilt einige Biere trinkt.“

Deutliche Worte

Besonders deutlich wird Weiß beim Opfer – der ist ein Cousin des Angeklagten. Zunächst will der sich nämlich kaum noch an Details erinnern. „Wenn man mauert, ist das Meineid oder eine Falschaussage, dafür bekommt man mindestens drei Monate Freiheitsstrafe“, sagt der Richter. „Überlegen Sie sich, ob Ihnen nicht noch etwas einfällt.“

Am Ende stellt er das Verfahren gegen eine Geldstrafe von 600 Euro ein. Übereinstimmend hätten die Zeugen berichtet, dass der Angeklagte bei der verhängnisvollen Cart-Fahrt relativ nüchtern gewesen sein soll. Nach dem Prozess sitzen die Freunde gemeinsam vor dem Amtsgericht. Sie schäkern.

Die Justiz ruht auch in Coronazeiten nicht. Am Amtsgericht Tirschenreuth gelten spezielle Schutzmaßnahmen:

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