05.10.2020 - 18:10 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Heimische Pflanzen und ihre Wirkungen: Die Kraft der Nachtkerze

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Am Abend öffnen sich die Blüten der Nachtkerze. Ganz ungewohnt zu später Stunde, wenn andere Pflanzen ihr Köpfchen senken, steht sie in ihrer gelben Pracht da. Viele Nachtfalter lieben sie für ihre süße Nahrung.

Nur einen Tag und eine Nacht entfaltet sich jede einzelne Blüte der Nachtkerze.
von Externer BeitragProfil

Nicht nur Nachtfalter, auch die Menschen kann die Nachtkerze erfreuen. Zum Beispiel in der Küche und in der Heilkunde. Die Kräuterführerinnen Cornelia Müller aus Pullenreuth, Ulrike Gschwendtner aus Weiden und Regina Herrmann aus Erbendorf stellen im letzten Teil der Wildkräuter-Serie die Pflanze vor, die zur Familie der Nachtkerzengewächse gehört. Lateinisch heißt sie Oenothera biennis. Das weist darauf hin, dass sie zweijährig ist. Im ersten Jahr konzentriert sie sich auf das Sammeln von Nährstoffen, die sie in ihrer Pfahlwurzel speichert. Aus dieser wächst im nächsten Jahr dann das blühende Kraut.

Kraft durch die Wurzel

Eine Volksweisheit besagt: „Ein Pfund der Nachtkerzenwurzel gibt mehr Kraft als ein Zentner Ochsenfleisch.“ Man erntet die Wurzel in ihrem ersten Winter, von Oktober bis März, vor dem Blütejahr. Die Wurzel gräbt man, wäscht sie, schabt sie ein wenig ab und kann sie dann in Salzwasser kochen. Das Wasser verfärbt sich rosa, wie die Wurzel, daher kommt auch der Name Schinkenwurz. Geschmacklich erinnert sie an die Schwarzwurzel, mit leicht süßlicher Note. Auch zum Brühe kochen ist sie hervorragend. In dieser Form kann man sie zum Stärken nach einer Krankheit anwenden.

Blätter im Salat

Auch die Blätter erntet man am besten im ersten Jahr von der Rosette, auf jeden Fall vor Ausbildung des Blütenstands. Sie schmecken ein wenig wie Mangold, Spinat oder noch eher wie der Gute Heinrich. Nachtkerzenblätter sind ein wenig herber im Geschmack als diese. Auch sie kann man mit in den Salat geben. Im Sommer des zweiten Jahres öffnen sich die Nachtkerzenblüten zur Abendstunde. Von Juni bis September ist das oft am Wegesrand zu beobachten. Eine Nacht und einen Tag blüht jede einzelne Blüte. Die Pflanze ist noch gar nicht so lange bei uns heimisch. Erst im 17. Jahrhundert kam sie nach Europa und hat sich entlang der Eisenbahn verbreitet. Auf Schuttplätzen und Ruderalfluren mit kargen Böden findet man sie häufig.

Frittierte Knospen

Die Knospen schmecken in Öl leicht angebraten als i-Tüpfelchen im Salat. Auch eingelegt wie falsche Kapern oder süß-sauer sind sie eine Delikatesse. Erblüht sind sie in Salaten oder zu Süßspeisen gut. Man kann aus ihnen auch einen Sirup zubereiten, der bei Halsschmerzen lindernd wirkt. Auch getrocknet werden sie bei Hals- und Unterleibsbeschwerden, als Tee zubereitet, verwendet. Setzt man eine Tinktur mit Alkohol an, so verändert sich die Konsistenz. Die Flüssigkeit wird etwas fester durch die darin enthaltenen Schleimstoffe. Dieser Schleim soll sich über die Zellwände legen und für Ruhe sorgen. Das bedeutet aber auch, dass andere Inhaltsstoffe langsamer eindringen können. Die Wirksamkeit von anderen Medikamenten kann also verzögert werden, so dass eine Stunde zwischen den Anwendungen liegen sollte. Der schleimige Anteil kann in Speisen bei allen Pflanzenteilen reduziert werden, wenn man sie in etwas Zitronenwasser über Nacht ziehen lässt.

Am Ende jeder Blütenreihe ist ein Köpfchen mit meist zwölf geschlossenen Blütenknospen. Diese öffnen sich eigentlich nicht, außer es ist ein besonders anstrengendes Jahr gewesen. Man nennt die Nachtkerze auch „schlafende Jünger“.

Samenernte für viele Zwecke

Im August und September kann man dann die kleinen Schätze der Nachtkerze ernten – die dunkelbraunen Samen. In ihnen sind wertvolle Öle gespeichert, bis zu 25 Prozent des Samens sind damit vollgepackt. Die enthaltene Linolsäure, vor allem die Gamma-Linolensäure, soll immunstärkend durch die Unterstützung der Bildung weißer Blutkörperchen wirken. Diese essentiellen Fettsäuren braucht der Körper zum Leben, kann sie selbst aber nicht produzieren. Die Samen lassen sich einfach im Müsli, als Gewürzbeigabe in Speisen oder auch im Brot verwenden.

Wertvolles Nachtkerzenöl

Aus Nachtkerzen-Samen lässt sich auch Öl gewinnen, das zunehmend in der Kosmetik angewandt wird, zum Beispiel in Anti-Falten-Cremes, zur Tages- oder Nachtpflege. Weil das Nachtkerzenöl recht schnell ranzig wird, ist eine kühle und dunkle Lagerung notwendig. Auch in der Heilkunde findet das Öl Verwendung, zum Beispiel bei Neurodermitis, Hautentzündungen und trockener Haut.

Innerlich angewandt soll es beim prämenstruellen Syndrom, bei rheumatoider Arthritis und Bluthochdruck wirken.

Man kann das Öl in einer Ölpresse selbst herstellen oder in geringerer Konzentration auch als Mazerat, also Ölauszug. Für einen Heißauszug werden die Samen gut angemörsert. Auch dieses Öl ist schnell aufzubrauchen, da die Samen Wasser enthalten und somit zu Schimmelbildung neigen. Für einen Brei, der in der Heilkunde bei Quetschungen als Auflage Verwendung findet, können die Wurzeln der Nachtkerze wie Kartoffeln gekocht und püriert werden.

Auf der seelischen Ebene werden die weichen, samtigen Blüten der Nachtkerze mit Sanftmut und Verzeihen in Verbindung gebracht. Für ein Nachtkerzen-Bad empfiehlt es sich, fünf Esslöffel Blüten mit einem Liter lauwarmem Wasser über Nacht ziehen zu lassen, zu filtern und mit 20 Millilitern Nachtkerzen-Samen-Öl ins Vollbad zu geben. Wenn man sich danach nicht abtrocknet, kann das Öl gut in die Haut einziehen.

Rezepte :

Gebraten, gedünstet und püriert

  • Nachtkerzenwurzel-Salat: 1-2 Nachtkerzenwurzel, 1-2 Rote Beete, Feldsalat, eine kleine Handvoll Pinien- und Sonnenblumenkerne, 2 TL Dijon-Senf, 2 TL Honig. Geputzte Wurzel in kleine Scheiben schneiden und dünsten. Kerne rösten, Salat waschen und Rote Beete in kleine Würfel schneiden. Eine Tasse des Suds um zwei Drittel reduzieren, Honig und Senf dazugeben, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Salat, Wurzelstücke, Beete-Würfel in die Schale geben, mit dem Dressing anmachen und die Kerne darauf verteilen.
  • Nachtkerzenwurzel-Püree: 40 g Walnüsse, 40 g Mandeln, 40 g Kürbiskerne, 100 g Sesam, 200 g Leinsamen fein schroten, 20 ml Nachtkerzenöl und 4 bis 5 EL Bienenhonig unterrühren. Masse im Mixer pürieren. Kühl gelagert in einem verschlossenen Gefäß 4 bis 6 Wochen haltbar. Bei Neigung zu chronischen Hautleiden wie Neurodermitis dauerhaft täglich 1 bis 2 Teelöffel pur oder als Brotaufstrich genießen. Mit Milch, Salz und Muskat verrührt ist es ein schmackhaftes Wurzelpüree.
  • Gebratene Nachtkerzenwurzeln: Eine Handvoll Nachtkerzenwurzeln sauber bürsten und in Scheiben schneiden, 2 bis 3 geschnittene Karotten und 2 EL Olivenöl zugeben, zugedeckt bei niedriger Hitze 10 Minuten braten, öfter umrühren. 1 Prise Salz und 50 ml Weißwein zugeben und weitere 5 Minuten dünsten, bis der Wein verdampft ist. Passt als Beilage zum Beifuß-Schnitzel und Kartoffeln.

Heimische Pflanzen und ihre Wirkungen: Der Löwenzahn

Erbendorf
Die getrockneten Blüten der Nachtkerze sind auch im Salat schmackhaft.
Die Kräuterführerinnen Regina Hermann, Cornelia Müller und Ulrike Gschwendtner (von links) am Straßenrand, wo die Nachtkerze gerne wächst.

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