04.06.2020 - 11:04 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Kinderhaus Kunterbunt: "Wir distanzieren uns von der Distanz"

Silvia Markowski ist Leiterin des Kinderhauses Kunterbunt in Tirschenreuth - und schüttelt den Kopf über die Corona-Empfehlungen des Freistaats für die Öffnung der Kindergärten. Sie sagt deutlich: "Das ist in der Praxis nicht umsetzbar."

Silvia Markowski ist die Leiterin des Kinderhauses Kunterbunt. Sie hat zu den Empfehlungen des Freistaats eine deutliche Meinung: nämlich, dass die im Alltag nicht umsetzbar seien.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Eigentlich ist sie ein lebensfroher Mensch, beschreibt sich die Kindergarten-Chefin Silvia Markowski. Doch angesprochen auf die Coronamaßnahmen, die für Kindergärten gelten, wird die Erzieherin aufgebracht: "Diese ganzen Formulierungen widersprechen, dass wir Menschen sind."

Markowski ist die Leiterin des Kinderhauses Kunterbunt, eine der größten Einrichtungen im Landkreis. Vergangene Woche wurde vom Freistaat Bayern die Notbetreuung in Kindergärten erweitert, Vorschulkinder und deren Geschwister können seitdem wieder kommen, sofern sie keinen Kontakt zu Infizierten hatten und symptomfrei sind. Es sollen laut Verordnung maximal fünf bis 15 Kinder von zwei oder drei Pflegern betreut werden. Eine genaue Gruppengröße steht nicht fest, wichtig sind aber feste Gruppen. Die Erzieher sollen darauf achten, dass sich die Kinder regelmäßig die Hände waschen, dass die Spielsachen regelmäßig gereinigt werden. Eine Maskenpflicht gibt es zwar nicht, Erzieher können aber selbst entscheiden, ob sie eine tragen wollen.

Doch Silvia Markowski hat zu diesen Empfehlungen eine klare Meinung: In der Praxis sind sie nicht umsetzbar. Permanent mit den Kindern alle paar Minuten Händewaschen gehen - unmöglich. Auf Distanz achten bei Kindern, die miteinander spielen - geht in der Praxis kaum. "Man kann Kinder doch nicht auseinander dividieren, denn sie brauchen Körperkontakt." Und sicherstellen, dass die Kinder in ihrer Freizeit wirklich keinen Kontakt mit Infizierten hatten, könnten die Erzieherinnen schon gar nicht. Markowski nennt die Formulierungen "Wischiwaschi", außerdem würden ständig neue Änderungen hinzukommen. Aktuell gebe es neue Vorgaben für Essen und Trinken. "Von einem Tag auf den anderen kommen komplett neue Regeln", sagt Markowski im Gespräch mit unserer Zeitung. Und wieder: Keine genauen Hinweise, sondern Empfehlungen.

Der Papierstoß, der auch an den Kindergarten geschickt wurde, sei sechs Zentimeter dick gewesen, sagt sie. Vor allem Auflagen für die Gastronomie und das Hotelgewerbe seien darin aufgelistet gewesen. "Aber für Kindergärten finden sich dort so gut wie keine Regeln." Markowski hat es gereicht. Sie kontaktierte die Aufsichtsbehörde und schrieb, dass sie die Verantwortung für die Auflagen ablehnt.

Kinder haben Kiga-Alltag vermisst

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Im Kinderhaus Kunterbunt sei, so Markowski, bislang noch kein Mitarbeiter und auch kein Kind an Corona erkrankt. Die Mitarbeiter versuchen, die Empfehlungen zwar umzusetzen. So empfängt eine Erzieherin das Kind beim Eintreffen im Empfangsraum, eine andere wartet in der Umkleide und wieder eine andere im Gruppenraum. Und innerhalb der Gruppen würden die Erzieherinnen vermehrt auf Händewaschen achten. Aber Markowski kann nur den Kopf schütteln. "Wir sollen Normalität schaffen für die Kinder, damit sie sich wohlfühlen. Aber Normalität sieht anders aus."

Doch gerade Normalität und ein sicheres Umfeld seien wichtig für Kinder, vor allem in der jetzigen Zeit. Denn: "Wir Erzieher wissen nicht, was manche vielleicht zu Hause erlebt oder gesehen haben, als sie nicht herkommen durften." Umso glücklicher seien die Kleinen am Montag gewesen, als sie wieder kommen durften: "Sie sind alle mit Freude gekommen." Denn der fehlende Kontakt zu anderen Kindern sei für viele schwer gewesen.

Vor allem die Masken bereiten Markowski aus pädagogischer Sicht Bauchschmerzen. "Für ein Kind sind Mimik und Blickkontakt am wichtigsten", sagt sie. Sie befürchtet, dass die Masken die Kinder nicht nur verunsichern, sondern sogar verängstigen könnten. Deshalb verzichtet sie in ihrer Einrichtung auf einen Mundschutz - ihren Kolleginnen stellt sie es aber frei, ob sie einen tragen möchten.

Der Standpunkt von Silvia Markowski ist klar: "Für mich hat das alles nichts mit Pädagogik zu tun, was da verordnet wird". Die Bedürfnisse nach Nähe zu erfüllen sei eine große und wichtige Herausforderung für die Fachkräfte. "Wir wollen ja keine bloße Verwahrungsanstalt sein." Die Mitarbeiter des Kinderhauses warten derweil schon auf die nächsten Empfehlungen - denn die soll Betreuung weiter geöffnet werden.

Für Kinder und Erzieher hat das Warten ein Ende

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Im Blickpunkt:

Waldkindergärten wieder geöffnet

Die Waldkindergärten in Bayern dürfen seit vergangener Woche wieder regulär für alle Kinder öffnen, weil das Ansteckungsrisiko im Freien geringer ist. Auch im Waldkindergarten Waldfüchse in Waldershof herrscht seitdem wieder Normalbetrieb. "Es läuft ganz gut", sagt Leiterin Kathrin Götzl. "Die Kinder halten sich gut an die neuen Regeln." Aufgrund des großen Platzangebotes könne der Abstand zwischen den Kindern gut eingehalten und die Situation entzerrt werden: Die drei Erzieher würden sich mit den insgesamt 17 Kindern in drei Kleingruppen auf der Fläche verteilen. "Im Freispiel ist das dann allerdings schon schwieriger", sagt Betzl. Die erste Woche sei insgesamt gut angelaufen, "bestens funktioniert" habe das Freispiel, die Brotzeit und der Morgenkreis in kleinen Gruppen. Auch die Hygiene würde gut funktionieren: "Jedes Kind hat sein Handtuch dabei und wir benutzen biologisch abbaubare Kernseife." Dass die Vorgaben aber für "normale" Kindergärten nicht so leicht umsetzbar sind, räumt auch Götzl ein.

"Unser Vorteil ist, dass wir vom Waldkindergarten an der frischen Luft sind und ein großes Raumangebot haben." Das mache das Umsetzen der Maßnahmen viel leichter. "Für andere Kindergärten ist es da sicher schwieriger." (vlu)

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