04.12.2020 - 16:49 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Landkreis Tirschenreuth: Kinderarzt schlägt Versorgungsalarm

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Den Jubel über die Aussicht auf viele neue Arbeitsplätze in Tirschenreuth durch die Ziegler-Group teilt nicht jeder. Dr. Stefan Krell schlägt Alarm wegen der kinderärztlichen Versorgung: „Wer sollte die Kinder der Mitarbeiter behandeln?"

Wenn es um kranke Kinder geht, ist die ärztliche Versorgung ein besonders sensibles Thema.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Eine zunehmende Überlastung seines Berufsstandes beobachtet der Kinder- und Jugendarzt Stefan Krell aus Tirschenreuth schon seit Jahren. „Nach der Schließung der Praxis in Waldsassen zum 30. Juni 2020 hat sich die Versorgung weiter katastrophal verschlechtert“, klagt der Tirschenreuther Mediziner. „Es stand von vornherein fest, dass ich kein einziges der dort betreuten Kinder übernehmen kann.“

Im Landkreis sind außer ihm zwei Kinderärztinnen im Einsatz. Meike Hofmann ist in Mitterteich tätig und kann über einen Mangel an Zulauf nicht klagen. Schon auf der Homepage bittet sie um Verständnis: „Bitte beachten Sie, dass es durch ein sehr hohes Patientenaufkommen leider durchaus länger dauern kann, bis Sie uns telefonisch erreichen.“

Weinende Eltern am Telefon

Seit Mai 2020 praktiziert die Kinder- und Jugendärztin Dr. Barbara Pfleger in Kemnath. Dass diese Stelle im westlichen Landkreis nach fünfjähriger Vakanz wieder besetzt wurde, freut auch Dr. Krell. Allerdings werde die Entfernung von einigen Eltern als unzumutbar gesehen. So wären beispielsweise von Neualbenreuth oder Mähring aus mehr als 50 Kilometer zurückzulegen. „Es ist schwer für meine Mitarbeiterinnen, weinende Eltern am Telefon abzuweisen, die keinen Kinderarzt finden“, schildert Stefan Krell die Lage. „Aber immer mehr Kinder immer schneller zu behandeln, ist unmöglich. Dann leidet die Menschlichkeit und es passieren Fehler.“

Nach fünf Jahren gibt es in Kemnath wieder eine Kinderärztin

Kemnath

Aus diesem Grund hat der Tirschenreuther Kinderarzt  die Notbremse gezogen und einen generellen Aufnahmestopp beschlossen. Das bedeutet, dass nur noch bisherige Patienten und deren Geschwister behandelt werden. Das sei in Absprache mit der Kassenärztlichen Vereinigung geschehen: „Die kennen meine Patientenzahlen“, betont Dr. Krell. 

Zur Steigerung habe wesentlich die hohe Zuteilung von Migrantenfamilien in das Asylbewerberheim nach Tirschenreuth beigetragen, schildert der Arzt. Er habe aus organisatorischen und gesundheitlichen Gründen einfach handeln müssen. Der Stopp betreffe nicht nur die Versorgung weiterer Migrantenkinder, sondern auch Familien aus Tirschenreuth, bezieht sich Krell auf den Grundsatz der Gleichbehandlung, unabhängig von Herkunft und Versicherung.

Notbremse Aufnahmestopp

Bereits 2016 meldete der Mediziner der Kassenärztlichen Vereinigung die Überlastung seiner Praxis. Ein erster Schritt war, sich auf die Behandlung von kleinen Patienten aus dem Einzugsgebiet der Kreisstadt - inklusive des Asylbewerberheims mit rund 150 Plätzen - zu beschränken. Doch irgendwann habe auch das nicht mehr funktioniert, nennt Krell eine wachsende Zuteilung von Familien als Grund. Oft sei er stundenlang mit Übersetzungsproblemen beschäftigt. Die Verständigung sei schwierig, ein Dolmetscher nicht immer greifbar. „Sie kriegen unleserliche Impfpässe vorgelegt“, nennt er ein Beispiel. „Und dabei soll ich eine gute medizinische Behandlung gewährleisten, selbstverständlich nach entsprechender Aufklärung.“

So kam es zur zweiten Notbremse 2019, einem Aufnahmestopp für alle neuen Familien. „Mit der Lösung konnte ich leben, aber dann hat der Kollege in Waldsassen aufgehört“, verweist Stefan Krell auf die Verschärfung des Problems seit Mitte diesen Jahres. Als er vor einigen Tagen las, dass dringend Wohnraum für weitere Asylbewerber im Landkreis gesucht werde, wandte sich der Kinderarzt an Oberpfalz-Medien: „Die kinderärztliche Versorgung im östlichen Landkreis ist völlig überlastet. Eine erneute Zuteilung von Migranten mit Kindern wäre unverantwortlich.“

Er habe keineswegs etwas gegen Asylbewerber, unterstreicht der Mediziner. Aber so gehe es nicht weiter. Entsprechende Schreiben an die Regierung der Oberpfalz und an lokale Politiker wie Bürgermeister und Landrat seien unbeantwortet geblieben, bedauert Krell. „Wenn ich dann von der Ziegler-Neuansiedlung mit 1000 Arbeitsplätzen höre, wird mir bange. Wer sollte ohne Verbesserung der kinderärztlichen Versorgung in Tirschenreuth die Kinder der Mitarbeiter behandeln?“

"Die kinderärztliche Versorgung im östlichen Landkreis ist völlig überlastet. Eine erneute Zuteilung von Migranten mit Kindern wäre unverantwortlich.“

Kinderarzt Dr. Stefan Krell

Krell fordert die lokalen Politiker auf, alles zu tun, die Situation zu verändern. Das könne durch die Einrichtung einer Kinderarztpraxis im Medizinischen Versorgungszentrum Tirschenreuth geschehen. Oder dadurch, dass die KVB selbst eine Praxis mit angestellten Ärzten eröffnet: „Ich sehe das nicht als Konkurrenz, sondern als Hilfe!“ Darauf, dass in seiner eigenen Praxis ein Kollege mit entsprechender finanzieller Verantwortung einsteigt, hofft Krell nicht. Anstellen könne er auch schlecht jemanden. Gerade im pädiatrischen Bereich seien zum Großteil Frauen tätig. Wenn die beispielsweise wegen der eigenen Familiengründung in Erziehungszeit gingen und kündigten, seien sie weg – und er mit den Patienten alleine. In seiner Fachrichtung seien die oft gewünschten geregelten Dienstzeiten schlecht einzuhalten: „Wenn jemand anruft, dass sein Kind 40 Grad Fieber hat, kann ich nicht sagen: Kommen Sie übermorgen.“

"Keine Luft mehr im System"

Zur Überlastung seines Berufsstandes trägt nach Überzeugung des Tirschenreuther Kinderarztes nicht nur der Mangel an Kollegen bei. „Viele Eltern können nicht mehr beurteilen, was ihrem Kind fehlt“, stellt er eine wachsende Unsicherheit fest. Auch bringe die zunehmende Zahl von Krippenkindern die Behandlung von mehr Infekten mit sich: „Als ab März wegen Corona die Einrichtungen geschlossen waren, haben wir das sofort gespürt.“ Viel Arbeitszeit koste außerdem die bei Schulproblemen zunehmend veranlasste Diagnostik. Dazu sei eine wachsende Zahl an Vorsorgeuntersuchungen zu bewältigen, auf die jedes Kind ein Anrecht habe.

„Unser Versorgungssystem ist auf einem sehr hohen Niveau. Aber im ländlichen Bereich ist das nicht mehr machbar“, konstatiert Stefan Krell. Daran, dass er oder eine Kollegin selbst krank werden und ausfallen könnten, mag er gar nicht denken: „Es ist keine Luft mehr im System.“ Seine Forderung, kinderreiche Asylbewerber auf besser versorgte Gebiete zu verteilen, sei sicher eine unbequeme Forderung. „Aber Probleme kann man nur lösen, wenn man sie nennen darf.“

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Zur Person:

Seit 18 Jahren in Tirschenreuth

Dr. Stefan Krell (55) praktiziert seit 2002 in Tirschenreuth. Damals übernahm er den Kinderarztsitz von Dr. Dorothea Woiczechowski. Der aus Niederbayern stammende Kinder- und Jugendarzt arbeitete vorher in einer Deggendorfer Praxisgemeinschaft.

Kinderarzt Dr. Stefan Krell hofft auf baldige Unterstützung bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen im Landkreis. Dazu ist er auch im Dialog mit der Kassenärztlichen Vereinigung.

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