25.11.2021 - 11:28 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Von Leichenbittern und armen Seelen

Tirschenreuth ist global gesehen ein kleiner Ort – hat aber eine große Geschichte. Und mit Eberhard Polland einen Historiker, der alles in tolle Bücher und Kalender verpacken kann. Aktuell geht es über Hinrichtungen oder Leichenbitter.

Am 24.August 1946 war ein Festtag für Tirschenreuth: Die Stadt erhielt vier neue Glocken.
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Eberhard Polland ist eine geschätzte „Marke“, nicht nur in der Kreisstadt. Seit Jahrzehnten hat sich der Tirschenreuther der Ortshistorie verschrieben, ist aktiver „Schatzsucher“, wenn es um Erzählungen aus dem gesellschaftlichen Leben der Stadt oder außergewöhnliche Stationen in der Entwicklung der Regiongeht. Vor allem aber ist Eberhard Polland ein Bewahrer von großen und kleinen Erinnerungen, von heiteren Anekdoten sowie Erlebnissen der Bürgerschaft, die dem Leben in der Kreisstadt eine schillernde Bandbreite bewahren.

Originale und festliche Momente

Und immer wieder sind es Bilder aus den vergangenen Jahren, mit denen Eberhard Polland wichtige Etappen der Stadtentwicklung dokumentiert. Dabei sind es nicht allein die großen Bauten oder Ereignisse, die meist noch in Schwarz-Weiß auf betagten Fotografien festgehalten sind. Vor allem die Bilder aus dem Lebensalltag der Bevölkerung, die Fotos von schrulligen Originalen oder auch die festlichen Momente aus den Familien bewahren die wertvollen Erinnerungen. Wie sehr die Arbeit Pollands, der seit gut zehn Jahren auch Stadtheimatpfleger ist, geschätzt wird, zeigt die Reaktion aus der Bevölkerung. Immer wieder wird ihm das eine oder andere Fundstück zugesandt, zu dem Polland die passende Erläuterung finden sowie die geschichtliche Kulisse abbildet. Das Archiv des Tirschenreuthers ist in den Jahren auch beständig gewachsen und bietet noch reichhaltig Material. Solange der 73-Jährige noch über den entsprechenden Elan verfügt, darf sich seine Leserschaft noch auf viele Geschichten in Büchern und Kalendern freuen.

Rund um die Trauerkultur

Im aktuell fünften Band der Reihe „Damals in Tirschenreuth“ hat sich Polland mit der gewohnten Akribie auch mit einem sehr ernsten Thema auseinandergesetzt: der Trauerkultur. Nicht für den Stadthistoriker ein spannendes Thema, das nicht in Vergessenheit geraten sollte. Erinnert wird an die schweren Jahre nach Kriegsende, in denen Tirschenreuth 1951 mit einer Wirtschaftsschau ein Zeichen des Aufschwung setzen wollte. Und auch von der letzten Hinrichtung mit dem Schwert findet sich ein Kapitel.

Bei den Friedhöfen etwa holt Eberhard Polland aus bis ins Mittelalter, weiß, dass der Name nichts mit Höfen des Friedens zu tun haben. Immerhin wurde dort früher auch getanzt und gefeiert. Den ersten Gottesacker der Tirschenreuther Siedler findet Polland an der alten St.-Peter-Kirche, der "Mutterkirche des Stiftlandes“. Auch später bleibt der Friedhof vor den Toren der Stadt. Vom Leichenhaus schreibt Polland, nebst der entsprechenden Leichenordnung oder den Instruktionen für die Leichenwärter – und dass sich anfangs nur wenige Tirschenreuther die Gebühren leisten konnten. Später folgte eine Anordnung des Magistrats.

Menschenunwürdige Regelung

Interessante Kapitel beschäftigen sich mit dem Protest gegen die früheren Beerdigungsklassen, die eine Beerdigung der ärmeren Verstorbene nur am frühen Morgen erlaubten. Erst 1902 wurde die „menschenunwürdige“ Regelung aufgehoben. Polland erzählt auch über die „Toteneinsager“, die bis in die 1960er Jahre von Haus zu Haus den Tod eines verstorbenen Mitbürgers verkümndeten. Der letzte Leichenbitter war Baptist Summer, später verdrängte die Zeitung die Konkurrenz, die scherzhaft als „Todesanzeige auf zwei Beinen“ bezeichnet wurde.

Hinrichtung mit dem Schwert

„Am 26.September 1844 sah man in Tirschenreuth zum letzten Mal das „traurige Schauspiel einer Hinrichtung mit dem Schwert“ hatte H.H.Canonikus Ludwig Mehler in seiner Stadtchronik 1863 beschrieben. Bei der Enthauptung des Doppelmörders sei eine „unabsehbare Volksmenge Zeuge dieser schrecklichen Szene“ gewesen, ebenso der Magistrat in der ersten Reihe. Dank des damaligen Stadtmagistrats Anton Mehler blieb die Beschreibung des Vorfalls, die „Thatgeschichte“, erhalten. Und Eberhard Polland macht sie in seinem Buch nachlesbar. Übrigens stammte die Ehefrau des Scharfrichters aus Tirschenreuth.

Von einer "armen Seele"

Doch ist der neueste Band der Buch-Reihe nicht allein der Trauerkultur verschrieben. Eberhard Polland schreibt über Kommerzienrat Johannes Schlipphak, erzählt von der Renovierung der Gottesackerkirche, der „armen Seele“ des Hechtsimmers, von der Lazarettstadt Tirschenreuth oder gibt Tagebuchaufzeichnungen einer Hausfrau wieder. Zu lesen ist vom „Abschied von den Glocken" in beiden Weltkriegen und der nachfolgenden Friedenszeit. Als großes Ereignis im Jahre 1951 schildert das Buch neben der „Grenzlandausstellung“ auch die Feier des 100-jährigen Bestehens der Liedertafel.

Wie gewohnt ist auch der fünfte Band angefüllt mit zahlreichen Bildern über die Menschen und Ereignisse. Die sind allemal einen Blick wert, doch ein „Bilderbuch“ ist der neue Band dank der interessanten Geschichten keinesfalls.

160 Seiten Bilder und Geschichten

160 Seiten mit zahlreichen Bilder, viele von Privatpersonen zur Verfügung gestellt, umfasst der fünfte Band der Reihe „Damals in Tirschenreuth“ von Eberhard Polland. Das Buch zum Preis von 19,95 Euro gibt es bei in der St.-Peter-Buchhandlung, im Bücherhaus Rode sowie bei Blumen Schröpf oder den Zeitschriftläden Schneider und Kühn.

Eberhard Polland ist jetzt auch ehrenamtlich für "Leben plus" tätig

Tirschenreuth
Stadtheimatpfleger Eberhard Polland.
Das Juli-Blatt im Kalender "Liebenswertes altes Tirschenreuth" für 2022 zeigt ein Radrennen, das der ATSV Mitte der 1950er Jahre veranstaltete. Die Strecke führte durch die Bahnhofstraße und zum Marktplatz.
Hintergrund:

Zur Person: Eberhard Polland

  • Eberhard Polland war 31 Jahre am Landratsamt tätig, seit Jahrzehnten auch aufmerksamer Beobachter der Stadtereignisse und interessierter Sammler der historischen Aufzeichnungen sowie Bilder.
  • Im Ruhestand hat der heute 73-Jährige sein Hobby vertieft und bereits 2010 den ersten Band seiner Buch-Reihe „Damals in Tirschenreuth“ herausgegeben.
  • Bereits seit 1972 ist Polland auch aktives Mitglied des Historischen Arbeitskreises.
  • Vor 20 Jahren wurde Polland auf Beschluss des Stadtrates als Stadtheimatpfleger eingesetzt.

 

 

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