30.05.2021 - 15:20 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Er ließ Hitler in der Hölle schmoren: Oskar Tytlik, ein fast vergessener Kirchenmaler

Das Bild in der Kirche in Stein im Landkreis Tirschenreuth ist sein wohl bekanntestes: Im Weltengericht hat der Maler Oskar Tytlik eindeutig Adolf Hitler in die Hölle geschickt. Doch Ossy hinterließ noch viel mehr. Eine Spurensuche.

Am Abgrund der Hölle: Der Mann mit Seitenscheitel und Oberlippenbart in der Kirche St. Laurentius in Stein ist unzweifelhaft als Adolf Hitler zu erkennen.
von Redaktion ONETZProfil

Von Thomas Sporrer

Ein deutscher Soldat aus den Ostgebieten wird im Lazarett in Tirschenreuth gesund gepflegt und bleibt nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Tirschenreuth. Nach Hause, nach Oberschlesien, kann er nicht mehr. Also versucht der wahrscheinlich an der Kunstakademie in Berlin ausgebildete Maler, sich in Tirschenreuth eine Existenz aufzubauen. Das gelingt dem talentierten Künstler trotz vieler Aufträge nur mäßig. Er wandert mit seiner Frau 1956 in die USA aus und fasst dort Fuß.

In und um Tirschenreuth finden sich noch viele Spuren des Oskar Tytlik, den alle nur „Ossy“ genannt haben und der ganze Kirchen ausgemalt hat. Aufträge hat er oft für ein paar Lebensmittel und Zigaretten erledigt. Nach langem Suchen hat Franz Krapf, Leiter des Historischen Arbeitskreises in Tirschenreuth, schließlich doch noch ein Portrait von Oskar Tytlik aufgetan. Ein gutaussehender, südländisch anmutender Typ, der den Frauen gefallen hat, was auch viele Zeitzeugen bestätigt haben. Er stammte aus Hindenburg/Oberschlesien. Teile seiner Kindheit verbrachte er bei seinen Großeltern in Spanien.

Studienreise nach Palästina

Durch seine Ausbildung in Berlin, die ihn auch zu Studienreisen nach Italien und Palästina geführt haben sollen, konnte er sehr gut malen. Wann er damit in Tirschenreuth angefangen hat, ist nicht bekannt, vermutlich schon in seiner Zeit im Lazarett. Ebenso kann man nicht mehr genau sagen, wann er seine ersten Aufträge in den Kirchen bekommen hat. Auf alle Fälle scheint es 1946 bereits hoch hergegangen zu sein. Da malte er vermutlich für zwei Religionen gleichzeitig deren Gotteshäuser aus.

Mit Stadtpfarrer Ernst Mayer war er nach Aussage von Franz Krapf gut bekannt. Dadurch bekam er einen Auftrag in der Tirschenreuther Gnadenkapelle. Ob er die Fresken neu gemalt oder als Restaurator nur ausgebessert hat, ist leider nicht mehr feststellbar. Am Kirchweihfest, am 20. Oktober 1946, war er jedenfalls damit fertig. Genau in diese Zeit fiel der Bau der jüdischen Synagoge am Marktplatz. Zeitzeuge Helmut Zagler berichtet darüber in der neuen Tirschenreuther Chronik, dass der beauftragte junge Maler Heinz Hinrichsmeyer nicht den Geschmack der Jüdischen Gemeinde getroffen habe („das sieht ja aus wie in einem Schlachthaus“). So war guter Rat teuer. Schließlich wurde der Maler Ossy geholt. Am 4. Oktober 1946 soll der Gebetssaal dann fertig gewesen sein, "fast zeitgleich mit der Gnadenkapelle".

Eigenwillige Darstellung

Bessere Geschäfte machte Tytlik dann doch mit der christlichen Religion. Es folgten Aufträge für die Kirchen in Stein (1947), die Friedhofskapelle in Mitterteich (1947) und die Kirche in Plößberg (1948). Stein ist heute noch bekannt für seine großformatige und sehr eigenwillige Darstellung des Himmelsgerichts. Dort schmoren die dafür geeigneten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte im Höllenfeuer, neben Adolf Hitler sollen auch seine Frau Eva Braun, Heinrich Himmler und weitere Größen des Dritten Reichs dort verewigt sein. Der Auftrag kam von Expositus Hermann Seidl, von ihm stammte wahrscheinlich auch die Idee, den "Führer" dorthin zu malen, wo er hingehört. Das Ordinariat in Regensburg soll sich später über diese Malereien beschwert haben. Seidl und Tytlik dürfte das aber egal gewesen sein, geändert wurden auf alle Fälle nur Kleinigkeiten, zum Beispiel an den zu nackten Putten.

Mehr als 50 Prozent aller Malereien in der Steiner Kirche stammen von Tytlik. Dagegen war die Friedhofskapelle in Mitterteich, ebenfalls 1947, eine ganz andere Herausforderung. Totentanzbilder aus dem 18. Jahrhundert umgaben den schmalen Kapellenraum, es galt, passende Deckengemälde zu schaffen. Tytlik malte wieder eine moderne Form des Gottesgerichtes, unterteilt in zwei Deckenbilder: Höllenfahrt und Erlösung. Die beiden kraftvollen Gemälde bilden eine reizvolle, kantig-moderne Ergänzung der alten Totentanzbilder von 1780. Leider hat er hier nicht signiert, aber sein Stil und seine Figuren, die sich zum Teil ähnlich in Stein wiederfinden, sind unverkennbar.

Signatur an Wandgemälde

Ein Jahr später scheinen den Plößbergern die Malereien in Stein doch gut gefallen zu haben. 1948 schmückt Ossy dort die komplette katholische Kirche aus. Noch heute sind die Bilder mit seiner Signatur versehen. Im Chorbereich findet sich ein Wandgemälde „Maria Empfängnis“ mit genauer Zeitangabe. „Ossy Pinx 1948 28.9 – 7.10.48 (Pinx ist die Abkürzung von Pinxit und bedeutet so viel wie „er hat es gemalt“). Die Malereien in Plößberg sind ähnlich wie in Stein in einem hervorragenden Zustand.

Ob er noch in weiteren Kirchen im Umkreis gemalt hat, ist fraglich. Die Suche in Falkenberg und Erbendorf blieb erfolglos. Ohne Zweifel war Oskar Tytlik ein gefragter Kirchenmaler, aber verdient hat er dabei kaum was. Bezahlt wurde überwiegend in Naturalien: eine ganze Kirche für Erdäpfel, Karotten und ein paar Zigaretten. Nebenbei hielt er auch noch für seinen Schwager, den Tirschenreuther Fotografen Emil Lawitschka, oft das Blitzlicht, als der bei den in den 50er Jahren immer beliebter werdenden Tanzveranstaltungen in der Region fotografierte. Aber es reichte kaum zum Leben.

Ausgewandert nach Detroit

Als ihn 1956 ein befreundeter Journalist aus den USA aufforderte, in die „Neue Welt“ zu kommen, da wanderte er mit seiner Frau Maria aus. Zunächst nach Detroit. Lange musste er sich mit Werbeplakaten über Wasser halten, bis er Kontakt zur Methodistenkirche bekam. Dies erschloss ihm sein altes Aufgabenfeld: die Kirchenmalerei. Einer seiner ersten Aufträge war die Restaurierung der Metropolitan Methodist Church in Detroit. Dabei zeigte er sich flexibel, wie schon 1946. Wollten die Baptisten einen blauen Jesus, dann hat er ihnen einen gemalt. Es folgen Großaufträge wie die Kathedrale in Boston, viele kleinere Kirchen und Trauungssäle. Endlich lief das Geschäft gut, er beschäftigte schließlich 24 Mitarbeiter. „Das war eine richtige Künstlerwerkstatt“, berichtete seine Schwägerin Franziska Lawitschka aus Tirschenreuth in einem Interview im Jahre 1995.

Nur zweimal besuchte Ossy Tytlik noch seine alte Wahl-Heimat, die er für immer in sein Herz geschlossen hatte. Bei seinem letzten Besuch war er schon leicht dement, aber trotzdem enttäuscht, dass ihn in Tirschenreuth keiner mehr kannte. Am 19. November 1994 schloss er in den USA seine Augen für immer. Sein letzter Wunsch war es, dass seine Urne in Tirschenreuth bestattet wird. Im Dezember 1994 wurde sie auf dem Friedhof zur letzten Ruhe gebettet.

Was bleibt, sind seine phantastischen Werke, seine Kompositionen, die seit über 70 Jahren ganze Kirchen ausfüllen, seine Bilder, die sich noch vielfach in Privathand besitzen. Kleine Schätze und Erinnerungen an eine harte Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Aber auch an einen Künstler, der in seiner Heimat von seinem Können nicht leben konnte und in der Ferne sein Glück gemacht hat. Zwar wurde 2014 sein Urnengrab am Tirschenreuther Friedhof aufgelöst, aber vergessen werden sollte er nicht, der Ossy Tytlik.

Die Kirche in Stein hat auch noch andere Besonderheiten zu bieten

Stein bei Plößberg
Zur Person:

Oskar "Ossy" Tytlik

Oskar Tytlik war ein südländischer Typ, mit 1,68 Meter nicht sehr groß, trug meist einen schwarzen „Zorro-Hut“ und hatte oft sperriges Gepäck dabei, Malerschablonen oder Malmappen. Das Stadtarchiv Tirschenreuth hat einige Daten über den Maler gesammelt:

  • Geboren wurde Oskar Tytlik am 26. Dezember 1909 in Hindenburg/Oberschlesien.
  • Er war vom 1. September 1939 bis 20. Januar 1940 in Berlin gemeldet, anschließend bei der Wehrmacht.
  • Tytlik war ab 15. April 1946 in Tirschenreuth gemeldet.
  • Seine Frau Maria, die er hier kennengelernt hat, stammte nicht direkt aus Tirschenreuth. Auch weil die Hochzeit nicht in Tirschenreuth stattfand, finden sich dort keine Aufzeichnungen darüber.
  • 1956 wanderte Ossy mit seiner Frau in die USA aus.
  • Verstorben ist Tytlik am 19. November 1994 in Michigan/USA.
  • Nach seinen Wünschen wurde er in Tirschenreuth in einer Urnennische beigesetzt. Sie ist seit 2014 aufgelassen.
Hintergrund:

Der Schwarm mancher Frauen

Eine Zeitzeugin erzählt von der Zeit der Integration damals: Wie die Flüchtlinge, so nannte man die Vertriebenen, zusammengehalten haben und wie lustig es trotz Verlust der Heimat oft zuging. Die Frau hatte als Heimatvertriebene in Tirschenreuth am Marktplatz eine Anstellung als Haushaltshilfe gefunden. Nicht weit entfernt, im Obergeschoss des Café Maier, wohnte Oskar Tytlik, ebenfalls heimatlos geworden. In Tirschenreuth waren nach der Vertreibung viele jungen Leute angekommen, sie schlossen sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Man half sich gegenseitig, wo es nur ging. Ossy gehörte auch zu der Gruppe. Er war der Schwarm mancher junger Mädchen und Frauen, gut aussehend, sehr unterhaltsam und ein guter Tänzer, wird berichtet. Ossy bestritt seinen Lebensunterhalt durch Malen gegen Naturalien. Geld hatte damals fast niemand, es lief alles über Tausch, berichtet die Zeitzeugin.

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