29.10.2019 - 16:13 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Musik kennt keine Grenzen

Zwischen dem Stift- und dem Egerland gibt es einen regen Austausch von Musikanten. Auch sonst hilft man sich: Die Spendenbereitschaft ist groß nach den Brandkatastrophen in Eger und Tirschenreuth.

Allein das Stadtbild von Eger mit Kirchen aus dem 13. Jahrhundert und Resten der alten Kaiserburg erstaunte die Besucher aus den kleinen Ackerbürgerhäusern des Stiftlandes.
von Rainer ChristophProfil

Diesseits und jenseits der Grenze verband die Menschen die Musik. Die Stadt Eger war sehr darauf bedacht, eine ausgezeichnete Stadtkapelle zu besitzen. Natürlich benötigte man dazu gut ausgebildete Musikanten. So rekommandierte 1581 der Tirschenreuther Kastner Christoph Mauser dem Egerer Bürgermeister einen Stadtpfeifer (Stadttürmer), der den zur damaligen Zeit tätigen Stadtpfeifer bei weitem übertraf.

Die böhmischen Musikanten genossen so einen guten Ruf, dass der Tirschenreuther Bürgermeister Philipp Thurn im April 1583 seinen Kollegen Christof Klinkervogel aus Eger bat, zur Hochzeit seiner Nichte die Egerer Stadtkapelle und den Stadtpfeifer zu schicken. Dieser Austausch, das ist gewiss, war keine einmalige Angelegenheit. Im Jahre 1865 standen der "Sängerbund Eger" und der "Liederkranz Weiden" Pate, als in Tirschenreuth die "Liedertafel" das Fest der Fahnenweihe beging.

Scharfrichter aus Eger

Doch es ging nicht nur lustig zu. Im gleichen Jahr erging ein Schreiben des Stadtrichters Anton Steinacker nach Eger, in dem er um die Entsendung eines Scharfrichters bat. Dieser kam in den Jahren 1460 bis 1633 immer wieder mit seinem breiten Richtschwert, um seines schaurigen Amtes zu walten. Während des Dreißigjährigen Krieges bat der Pfleger zu Tirschenreuth um sichere Aufbewahrung des Weizens im Rathaus zu Eger. Was auch gewährt wurde. Im Fall Winsheim stand der Egerer Notar Georg Bodensteiner dem Verurteilten bei, vernahm diesen und erstellte eine Niederschrift für die Regierungen in Amberg und Heidelberg. Mit allen Mitteln versuchte er, die Tat abzuschwächen.

Grund für diese gegenseitigen Hilfen waren die vielfältigen verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen der Bürgerschaft beider Städte. So war der Rektor der Tirschenreuther Lateinschule, Jodok Wolrab, gebürtig aus Eger und ehelichte eine hiesige Bürgerstochter. Die Tirschenreuther Bürger Schedl und Schwab vermachten den Klöstern in Eger Grund. Als vor genau 190 Jahren in Eger eine Feuersbrunst weit über 100 Gebäude zerstörte, eilten die Bürger der Kreisstadt hinüber, um zu helfen und spendeten den Notleidenden Geld, Lebensmittel und Kleider. 1814 ging es umgekehrt. Nach dem großen Stadtbrand herrschte in Tirschenreuth ein unbeschreibliches Elend. Neben dem Verlust ihrer Häuser und Habseligkeiten war plötzlich der Hunger ständiger Begleiter. Hier spendeten die Egerer Bürger reichlich durch großzügige Brot-Lieferungen und Geld. Die gesamte Garnison der Nachbarstadt organisierte eine Sammlung.

Allein das Stadtbild von Eger mit Kirchen aus dem 13. Jahrhundert und Resten der alten Kaiserburg erstaunte die Besucher aus den kleinen Ackerbürgerhäusern des Stiftlandes. Eger ist repräsentativ, mehrstöckige Häuser im Stil der Renaissance, des böhmischen Barocks und der Gotik, Giebel an Giebel eng gereiht. Durch intensive Bautätigkeit entstand im Laufe von 20 Jahren zwischen 1892 und 1912 ein neues, modernes Stadtbild mit prunkvollen Bauten für den Spar- und Vorschussverein in der Wallensteinstraße (1898 bis 1899) oder die Eskomptenbank (1899 bis 1900) an der Ecke der Schnaz- und Bahnhofstraße.

Jugendstil

Auch der Jugendstil fand Eingang in die Bausubstanz. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Eger außer den reichen Kaufleuten und dem Kapital auch die wichtige Maschinenindustrie. 1863 wurde Fischers Maschinenfabrik errichtet, die zu den bedeutendsten Herstellern landwirtschaftlicher Maschinen gehörte. 1891 gründete eine englische Firma die bekannte Fabrik Premier, die Rad- und Motorräder produzierte. Letztlich gründete 1911 eine holländische Gesellschaft die Fabrik Eska, die ebenfalls Fahrräder herstellte. Dazu kamen die Lebensmittelindustrie, einige größere Textilfabriken und Bauunternehmen. Auch nach dem 1. Weltkrieg gingen oder fuhren die Stiftländer und Tirschenreuther noch zum Einkaufen nach Eger. Hier gab es alles, was das Herz begehrte. Die Feste im Jahr zogen ebenfalls an. So das St. Vinzenz-Fest oder der "Birnsunta" am letzten Augustsonntag.

Gartenschau

Und heute? "Lasst Blumen sprechen: Eger und Tirschenreuth im Gartenschaujahr 2013", lautete das einvernehmliche Motto. Am 29. Mai 2013 öffneten sich die Tore zur bayerischen Gartenschau "Natur in Tirschenreuth 2013". Nur wenige Kilometer entfernt begrüßte die böhmische Grenzstadt Eger zur gleichen Zeit Gäste aus dem In- und Ausland. Auf den reaktivierten und neuen Ausstellungsflächen der ehemaligen grenzüberschreitenden Gartenschau Marktredwitz/Eger lautete das Motto 2013 "Natur und Geschichte Cheb/Eger". Präsentiert wurde die Geschichte der Gartenschauen in Cheb/Eger, die Ausstellung "Egerland unter der Herrschaft der Staufer", eine Ausstellung zum Leben und Werk des Barockbaumeisters Johann Balthasar Neumann und zahlreiche Blumengärten.

Eine Rückbesinnung hat stattgefunden: Die Regionen Tirschenreuth und Eger verbindet nicht nur gemeinsame Geschichte, sondern auch Innovationskraft - und Begeisterung. Viele gemeinsame Auftritte und Aktionen bewiesen: Die beiden Regionen sind in einem geeinten Europa nach Jahrzehnten der Trennung angekommen.

Hier geht es zu Teil 1 der Geschichte der Beziehungen zwischen Tirschenreuth und Eger:

Tirschenreuth
Das Scharfrichterschwert aus Eger kam zeitweise auch in Tirschenreuth zum Einsatz.
Viele Fabriken siedelten sich in Eger an.
Am 29. Mai 2013 öffneten sich die Tore zur bayerischen Gartenschau „Natur in Tirschenreuth 2013“ (Bild). Nur wenige Kilometer entfernt begrüßte die böhmische Grenzstadt Eger zur gleichen Zeit Gäste aus dem In- und Ausland.
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