22.10.2019 - 16:11 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Vielfältige Begegnungen

Die Städte Tirschenreuth und Eger verbindet eine lange Geschichte. Nach der Grenzöffnung wird daran angeknüpft: kulturell, kirchlich und zwischenmenschlich.

Das böhmische Bier schmeckte auch den Stiftländern.
von Rainer ChristophProfil

"(...)Den 3. September 1786(...). Früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte. Die Gesellschaft, die den achtundzwanzigsten August, meinen Geburtstag, auf eine sehr freundliche Weise feiern mochte, erwarb sich wohl dadurch ein Recht, mich festzuhalten; allein hier war nicht länger zu säumen. Ich warf mich, ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in eine Postchaise (...) und gelangte (...) um zwölf in Eger, bei heißem Sonnenschein; und nun erinnerte ich mich, dass dieser Ort dieselbe Polhöhe habe wie meine Vaterstadt, und ich freute mich, wieder einmal bei klarem Himmel unter dem fünfzigsten Grad zu Mittag zu essen (...). Von Waldsassen bis gegen Tirschenreuth steigt das Land noch. Die Wasser fließen einem entgegen nach der Eger und Elbe zu. Von Tirschenreuth an fällt es nun südwärts ab, und die Wasser laufen nach der Donau." So berichtet der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe über den Start seiner Italienreise.

Eger und Tirschenreuth: Waren nach dem 1. Weltkrieg die Grenzkontrollen bereits strenger, verhinderte von 1945 bis Ende 1989 der "Eiserne Vorhang" nahezu alle Reisen von Ost nach West und umgekehrt. Erst mit der Grenzöffnung 1990 sind die böhmischen und stiftländischen Orte wieder näher zusammengerückt. Wenn die Situation im Osten, im einstigen Egerland, auch nie mehr den Stand von früher erreichen wird, so gibt es vielfältige Begegnungen auf kultureller, kirchlicher und zwischenmenschlicher Basis.

Miteinander

Eger und Tirschenreuth: Es war ein vielfältiges Geben und Nehmen, eben ein "normales Miteinander". Kaum jemand erinnert sich noch, wie eng die Beziehungen der Kreisstadt Tirschenreuth zur Bezirksstadt Eger einst waren. Begonnen hat alles in der Mitte des 12. Jahrhundert mit der Christianisierung. Von Süden her erfolgte der Ausbau der damit verbundenen kirchlichen Organisationsstrukturen. Als Urpfarrei und Mutterkirche der Kirchensprengel ist Tirschenreuth mit dem Regensburger Dom-Patrozinium St. Peter von Bedeutung (St.-Peter-Kirchlein beim Missionshaus der Steyler). Floss war mit dem Patrozinium der Regensburger Taufkirche S. Johann Baptist Mutterkirche der heutigen Kreisstadt. Dieses Patrozinium wurde wahrscheinlich in der Zeit von Bischof Hartwich I. (1105 bis 1100) auf die erste Pfarrkirche in Eger übergeben.

Die Mutterpfarrei von Eger war demnach Tirschenreuth und erhielt die beiden Regensburger Patrozinien St. Peter und St. Johann im "Wechsel der aufeinanderfolgenden Pfarreien-Gründungen", schreibt der Historiker Heribert Sturm. Dies geht aus einer undatierten Urkunde in der Zeit von 1135 bis 1143 hervor. Als markgräflicher Zeuge für diese Gründungen im Eger-Becken, gleichgesetzt mit den Pfarreien in Tirschenreuth, Wondreb, Beidl und Redwitz, wird ein Pfarrer erwähnt. In diesem ältesten erkennbaren Pfarrbereich, so schreibt Sturm, "bildete die Stadt Eger die nördlichste Spitze. Von hieraus entwickelte sich wie in Tirschenreuth eine weit über das Land sich ausbreitende "Großpfarre". Gegen 1100 dürfte sich Eger von der Mutterpfarrei getrennt haben.

Schutz vor Plünderung

In der Zeit des Interregnums (Ludwig der Bayer) übernahm zeitweise der böhmische Fürst Premysl Ottokar II. die Regentschaft über Eger. Von hier aus erfolgte am 12. September 1275 die Zustimmung der Trennung der Kirche Leonberg von der Pfarrei Tirschenreuth (die eigentliche Selbstbestimmung kam erst 1521). Als der Luxemburger Johann von Böhmen 1310 König von Böhmen wurde, übernahm er in seiner Regierungszeit den Schutz des Stifts Waldsassen und damit auch den von Tirschenreuth. Die Burggrafen von Elbogen und Tachau hatte die Aufgabe, das Gebiet gegen Plünderung und Überfälle zu sichern, ohne sich selbst zu bereichern.

Blickt man weiter in der Geschichte, so zeigt sich, dass die Auswirkungen der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges mit all ihren Schrecken sowohl Tirschenreuth als auch Eger im gleichen Ausmaß tangierten. Im Zuge der Gegenreformation gelangte die Pfarrei Tirschenreuth mit zehn weiteren Pfarreien der Umgebung zum Dekanat Eger, das zum Bistum Regensburg gehörte.

Allmählich entwickelte sich in beiden Städten das Gewerbe, was auch durch die Lage der Orte an der Kreuzung der Handelswege von Regensburg und Nürnberg nach Eger und weiter nach Prag begünstigt wurde. Mit dem Loslösen Egers vom Bistum Regensburg unter der Regie Kaiser Josef II. hatte dies auch staatliche Folgen. So kamen die Lehensbesitze 1816 unter König Maximilian II. Josef an Bayern. Geregelt in einem Staatsvertrag war die Bevölkerung nicht sehr begeistert. Diese Tatsache hielt sogar Goethe 1822 bei einem Besuch in Redwitz in seinen Tagebüchern fest.

1888 kam dann Tirschenreuth und das gesamte Gebiet der alten Regio Egire zum Obermainkreis. Für Tirschenreuth und das Stiftland aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Hätte es diese Regelung nicht gegeben, wäre der nördliche Teil der Oberpfalz, wie das Egerland, nach dem 1. Weltkrieg in die Tschechoslowakei eingegliedert worden.

Dennoch blieben die Beziehungen der beiden Nachbarstädte über Jahrhunderte hinweg stabil und freundschaftlich. Immer wieder wurde auf Tirschenreuther Seite um juristischen Rat und Entscheidungshilfen in Eger angefragt. In einer Anfrage baten Ratsherren vor rund 600 Jahren die Stadt Eger als Schlichter einzugreifen. Tirschenreuth stand unter dem Krummstab der Waldsassener Mönche und wollte einen Erlass der zu hohen Abgaben ans Kloster erreichen. Mit Erfolg: Den umsichtigen Ratsherren aus Eger gelang es, Einigkeit zustande zu bringen.

Umgekehrt sprangen auch die Tirschenreuther ein. 1491 machte sich ein Steinmetz der Stadt auf, um hier vordringliche Arbeiten zu erledigen. Der Ofensetzer Stefan Ziegler aus der Kreisstadt war im Rathaus zu Eger 1497 tätig. Eine gute Absatzquelle für ihre Fische fanden die Tirschenreuther in Eger. Im Frühjahr 1507 bestellte die Nachbarstadt etliche Zentner Hechte und forderte gegen gute Bezahlung noch einen weiteren Zentner an. Bis ins 19. Jahrhundert bezogen die Fischhändler aus Eger Tirschenreuther Karpfen. Und umgekehrt kaufte man aus dem Egerland ungarische Ochsen für die Bewirtung des Herzogs August von Sachsen, der am 13. August 1582 der heutigen Kreisstadt einen Besuch abstattete.

Vom Tirschenreuther St.-Peter-Kirchlein aus ging die Christianisierung nach Eger.

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